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Saarländische Kunst-Keramiksammlerin
„Meine Tante töpfert auch“, aber nicht so

Hannelore Seiffert in ihrem Schiffweiler Haus: Sammelobjekte finden sich in jedem Winkel.
Hannelore Seiffert in ihrem Schiffweiler Haus: Sammelobjekte finden sich in jedem Winkel. FOTO: Iris Maria Maurer
Schiffweiler. Hannelore Seiffert aus Schiffweiler ist eine der bedeutendsten Sammlerinnen für zeitgenössische Kunstkeramik. Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

  Früher, sagt Hannelore Seiffert (75), ging auch sie in Museen nur zur „Flachware“, also zu den Gemälden und Papierarbeiten. Ihre Mutter hatte ihr, dem Kriegskind, Kunstbücher als Ersatz für Spielzeug gegeben. „Nicht drin rum kritzeln!“, hieß es. Hannelore Seiffert lernte nicht nur die Kunst des Sehens, sie lernte auch, dass Kunst Seelen-Nahrung ist, Vergnügen und Beschäftigung. Heute lebt sie ihr Leben und sie lebt es in einem Haus, das ihr bei nahezu jedem Schritt diese Basiserfahrung bietet. Jeder, wirklich jeder Winkel des bereits dreimal umgebauten und erweiterten Wohnraums ist mit Keramik bestückt.


Eine Kraut-und-Rüben-Assemblage? Im Gegenteil: Jeder Raum folgt strengen gestalterischen Regeln, ist ein mit Regalwänden und Simsen rhythmisierter Show-Room, selbst das Bad. „Es soll die Seele nähren“, sagt Seiffert. Sogar Zusatzwände wurden eingezogen, um mehr Stellfläche zu bieten. Die Hausherrin selbst staubt ab. 1200 Kunstwerke von mehr als 400 Künstlern aus 35 Nationen sind ihre Mitbewohner. Aber wieso jetzt dreidimensionale Objekte? Weil Seifferts Grunddisposition Neugier und Wissensdurst heißt. „Wie geht sowas? Kann man das lernen? , fragte sie, als sie Anfang der 90er zufällig in eine Ausstellung der Bildhauerin Heidrun Kley-Baltes (Saarlouis) geriet und daraufhin Kurse besuchte. Dann fuhr sie, um Material zu besorgen, nach Höhr-Grenzhausen (Rheinland-Pfalz), mit in die „Kannenbäckerstadt“. Die ist ein Mittelpunkt der keramischen Industrie im Kannenbäckerland mit ihrer Fachhochschule für Keramische Gestaltung.

So geriet sie in eine Szene, die ihr damals so unbekannt war, wie sie es für das Gros selbst kunstinteressierter Menschen auch heute noch ist. „Die meisten haben Sammeltässchen vor Augen, wenn ich von meiner Sammlung erzähle“, sagt Seiffert. „Der erste Reflex lautet oft: Mein Tante töpfert auch. An Unikate und zeitgenössische Kunst denkt keiner.“ Doch für Seiffert hat sich die exotische Kunstnische in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einem Ozean der Kontakte geweitet. Insbesondere, nachdem sie 2007 als erste und einzige Deutsche in den Olymp der Keramik berufen wurde, in die Internationale Akademie für Keramik in Genf (AIC). Inzwischen hat sie international nicht nur einen Namen als Sammlerin, sondern wird auch als Referentin, Fachautorin und Jurymitglied engagiert, etwa vom Grassi Museum in Leipzig oder der Modernen Pinakothek in München. Ihre Spezialität: innovative Techniken und originelle Handschriften. Ihre Vorliebe: figurative und abstrakte Stücke. Ihr Talent? „Konsequenz und Leidenschaft.“ Sie kaufe nicht wahllos, nicht „in die Vergangenheit“, sondern nur Zeitgenössisches, sagt Seiffert und fügt hinzu: „Erstklassiges“. Also hat sie auch rund 60 Stücke des „Weltstars“ Maria Geszler-Garzuly (Ungarn) im Haus, etliches von Akio Takamori (USA) oder von Satoru Hoshino (Japan). Eine museumswürdige Sammlung, findet die Leiterin der Städtischen Galerie Neunkirchen,  Nicole Nix-Hauck, und zeigt ab 23. November einen Querschnitt unter dem Titel „Brennpunkt Keramik“.



Alles begann für Seiffert recht harmlos – auch für ihren 2000 verstorbenen Mann, einen Internisten aus Neunkirchen, in dessen Praxis sie, die als Abteilungsleiterin bei Kaufhof gearbeitet hatte, wechselte. Nachdem sie eine Ausbildung zur Arzthelferin und Röntgenassistentin absolviert hatte. Ihr Gehalt investierte Seiffert in ihre Sammlung. Dann wurden auch die Weltreisen gestrichen, erzählt sie scherzhaft. Denn mit ihrer Kompetenz und ihrem Anspruch wuchsen die Preise. Das teuerste Stück, das sie bisher erwarb, lag knapp unter 10 000 Euro. Bei Vernissagen und Messen geht sie förmlich auf die Jagd; ihre Waffe sind rote Punkte, die sie blitzschnell aufpappen kann. Ohne geht sie nie aus dem Haus. „Ich bin nicht ganz zurechnungsfähig, wenn ich ein schönes Stück sehe“, meint Seiffert. Das Schicksal aller Sammler? Das reine Glück. „Will man sie nicht streicheln?“, fragt Seiffert mit Blick auf manche sanft schimmernde Glasur. Und man ertappt sich genau dabei.

Eröffnung der Ausstellung „Brennpunkt Keramik“ am 23.11. (19 Uhr) im KULt Kulturzentrum (Marienstr. 2, Neunkirchen). Mi-Fr: 10-18 Uhr, Sa: 10-17 Uhr, So: 14-18 Uhr.
Infos: www.staedtische-galerie-neunkirchen.de. Ausstellung bis 27. Januar.
Führungen mit Hannelore Seiffert. unter Tel. (0 68 21) 20 25 61 oder 56 27 48 0.

„Ich bin nicht ganz zurechnungsfähig, wenn ich ein schönes Stück sehe“, sagt Hannelore Seiffert (75) aus Schiffweiler, Sammlerin von Kunstkeramik, über ihre Passion. In den 90ern begann ihre Leidenschaft.
„Ich bin nicht ganz zurechnungsfähig, wenn ich ein schönes Stück sehe“, sagt Hannelore Seiffert (75) aus Schiffweiler, Sammlerin von Kunstkeramik, über ihre Passion. In den 90ern begann ihre Leidenschaft. FOTO: Iris Maria Maurer