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Ophüls: 2. Doku-Wettbewerbstag
Große Welt im Kleinen – und aus Sicht der „Kleinen“

„Erich und Schmitte“ (r.) in Stefan Eisenburgers gleichnamiger Doku.
„Erich und Schmitte“ (r.) in Stefan Eisenburgers gleichnamiger Doku. FOTO: Corso Film
Saarbrücken. Zwei recht gute und zwei eher schwache Filme bringt der zweite Doku-Wettbewerbstag des Festivals. Die besten kommen aber erst noch. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Wäre Stefan Eisenburger, Regisseur von „Erich und Schmitte: Entscheidend is am Beckenrand“ (heute: 19.30 Uhr, CS 8; Fr: 19.30 Uhr, CS 2; Sa: 12.30 Uhr, CS 8; So: 11.15 Uhr, CS 5), nicht während seines Diplomfilms tödlich verunglückt (ausgerechnet bei einem Badeunfall), seine Doku wäre nur das nette Porträt zweier passionierter Schwimmer (Erich 86, Schmitte 66). Der Tod des Regisseurs, im selben Verein groß geworden wie seine zwei grundsympathischen Prota­gonisten, aber schneidet den Film nicht nur in zwei Hälften. Man sieht ihn auch mit anderen Augen.


 Drei Kommilitoninnen bringen Eisenburgers Film zuende: Halten die Fassungslosigkeit Erichs genauso fest wie Schmittes auch dann nicht versiegende Frohnatur. Man merkt jeder Einstellung Eisenburgers Vertrautheit mit Erich und Schmitte an, die er bei ihren Vorbereitungen für die Senioren-Europameisterschaft in London begleitete: Szenen unter der Dusche, zuhause in der Küche oder abends müde im Bett in Teneriffa, wo beide sich im Trainingslager vorbereiten. Dazu schöne Unterwasserbilder: Erich im Strömungskanal, Schmitte bei Delphin-Übungen. Ganz nett ist das alles, oft noch von einer Art Samstagmittag-Autoputzmusik unterlegt, doch unterm Strich etwas zu konventionell.

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Gleich zwei Dokus leben davon, dass sie die Welt aus Kinder- bzw. Heranwachsenden-Sicht zu schildern versuchen. Beide kranken daran, dass sie positions- und folglich wahllos durch ihr weit gefasstes Thema mäandern und es so nicht in den Griff bekommen. „Kindsein – ich sehe was, was du nicht siehst“ (heute: 17.30 Uhr, CS 5; Do: 12.30 Uhr, CS 2; Fr: 19.30 Uhr, CS 3; So: 19.30 Uhr, FH) von Lilian Nix (Regie, Buch, Kamera) kreist um vier Kinder zwischen sechs und acht in Berlin, Havanna und Mumbai. Ansatzweise wird ihr Lebensumfeld gezeigt: Sean mag Sonnenuntergänge und geht in die erste Klasse; Kurumi, die gerne ein Fisch wäre, wird tagsüber von einer Freundin ihrer am Theater beschäftigten Eltern betreut; Jorgito ist mit acht schon verliebt und versteht es, sich durchzuschlagen; Rekba wächst im Slum auf und muss betteln statt in die Schule zu gehen. Was alle verbindet, ist ihre Phantasie, ihr Umgehen-Müssen mit der Erwachsenenwelt, ihre Angst vor Geistern – viel mehr erfährt man nicht. Muss man dazu eine 90-minütige Doku drehen? Einige schöne Bilder und das ein oder andere imposante Schnitt-Feuerwerk helfen über deren Langatmigkeit und Substanzlosigkeit kaum hinweg.

In Graz grenzen eine typische Mittel- und eine private Modelschule aneinander – und damit zwei soziale Klassen (und divergierende, gleichsam vorgezeichnete Lebensläufe). Je zwei, drei Jugendliche beider Schulen sich mit der Kamera über drei Jahre hinweg weitgehend selbst einfangen zu lassen – daraus hätte ein ungeschminkter Film entstehen können. Dass Christin Veiths aus diesem Schülermaterial und ihren eigenen Impressionen zusammengeschnittene Doku „Relativ eigenständig“ (heute: 15.30 Uhr, CS 2; Do: 22.15 Uhr, CS 5; Fr: 20.15 Uhr, Achteinhalb; Sa: 19.45 Uhr, CS 4) wenig macht, liegt an Veiths dramaturgischem Verzicht auf eine halbwegs stringente Komposition. Zu beliebig und banal wirken viele Szenen. Die (teils durchaus amüsante) Selbstdarstellung der Pubertierenden scheint oft reiner Selbstzweck – als berauschten sie sich vornehmlich an der Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird. Während das Schulthema (und die Unterschiede beider Lehrmodelle) erwartbar abgehandelt wird, liegt der Reiz von „Relativ eigenständig“ woanders: Durch die Zeitraffung (drei Jahre in 66 Minuten) bildet Veith unter der Hand zumindest sporadisch das Heranwachsen einer Generation ab: ihr erwachendes Interesse für das andere Geschlecht, ihrs Ausprobieren von Rollen, ihr Festhalten an Lebensentwürfen. Dennoch wirken auch diese Passagen oft eher wie Zufallstreffer.

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Besser macht es Esther Zimmerings „Swimmingpool am Golan“ (heute: 20 Uhr, CS 2; Do: 12.30 Uhr, CS 5; Sa: 15 Uhr, CS 4; So: 12.15 Uhr, CS 3), weil sie ihr Thema eingrenzt und durchdekliniert. Zimmerling, eigentlich Schauspielerin, ist ihrer jüdischen Familiengeschichte auf der Spur und arbeitet in zahllosen Interviews mit Angehörigen sowie Reisen nach Israel Parallelen und Brüche in der Vita ihrer Großmutter und deren ihr lange schwesterlich verbundenen Cousine auf. Während ihre Oma Lizzi 1941 in England den deutschen Kommunisten Josef Zimmering heiratete, der noch im Exil die FDJ und später den deutschen Arbeiter- und Bauernstaat mit gründete, wanderte Lizzis Cousine Lore zur selben Zeit nach Palästina aus, beteiligte sich an der Staatsgründung Israels und lebte später lange in einem Kibbuz-Kollektiv.

Welch ein von Historie tief durchwirkter Familienstoff!: Zwei Jüdinnen, die in unterschiedlichen Jugendorganisationen agieren, beide unter den Nazis emigrieren, um divergierende Lebenswege einzuschlagen, obwohl beide nach 1945 weiter sozialistischen Lebensmodellen anhängen, die nach dem Mauerfall unisono zerbrachen. Während Lore zeitlebens Jüdin blieb, trat ihre Herkunft für Lizzi in der DDR systemgeschuldet in den Hintergrund. Wie sagt Lizzis Sohn, Vater der Regisseurin, einmal? „Wir waren als erstes Kommunisten, als zweites Deutsche und als drittes Juden.“ Die Tochter aber bleibt Israel tief verbunden. So vermag Zimmerings (etwas überstrapazierte und allzu zaghafte, nicht nachfragende) Ich-Erzählweise auch Jüngeren vor Augen zu führen, inwiefern Herkunft und Geschichte Lebensläufe über Generationen hinweg bestimmen.