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Saarbrücker Großausstellung
Slevogt, der Schreckliche, der Wunderbare

Max Slevogt porträtierte seine Frau „Nini mit Katze“ (1897). Da folgte er bereits der neuen Porträttradition der Franzosen.
Max Slevogt porträtierte seine Frau „Nini mit Katze“ (1897). Da folgte er bereits der neuen Porträttradition der Franzosen. FOTO: Axel Brachat
Saarbrücken. Sie ist reich an Kostbarkeiten und Schauwerten: Die erste Großausstellung in der erweiterten Modernen Galerie stellt dem  deutschen Impressionisten Slevogt französische Meister gegenüber, von Daumier über Cèzanne bis van Gogh. Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

Die Wette stand eins zu 26 – gegen Max Slevogt (1868-1932), Doch der „deutsche Impressionist“ hat sie gewonnen, gegen die Zahlen- und Image-Übermacht seiner 26 französischen Kollegen, die in der Modernen Galerie mit ihm  antreten, zu dieser ersten großen Sonderausstellung nach der Wiedereröffnung 2017. Der Museumsadel der klassischen Moderne aus dem Nachbarland wurde eingeladen, von Renoir über Cézanne bis Pissarro. 100 Leihgaben und 85 Arbeiten aus dem eigenem Bestand sorgen auf 1000 Quadratmetern in zwei Räumen für ein selten ausladendes, optisch überreiches Fest. Allein von den Dimensionen her ist die Schau „Slevogt und Frankreich“, die heute Abend eröffnet, ein Ausnahmeprojekt. Eines, das zur verstärkten deutsch-französischen Profilierung  des Hauses passe „wie ein Maßanzug“, so Museumschef Roland Mönig beim gestrigen Presserundgang. Dabei ergab sich ein erstaunlicher Eindruck:  Slevogt hätte die Top-Liga auch alleine geschafft.  Dieser zu Lebzeiten hoch Geachtete, dann lange von der Kunstkritik Unterschätzte. Er setzt hier eine derart dramatische, kraftvolle Fanfare, so dass die Franzosen wie bescheidene Begleitmusiker erscheinen.


Mit einer Ausnahme: Édouard Manet (1832-1883), Slevogts lebenslanges, zugegeben nie erreichtes Vorbild. Dieser Franzose ist auch in Saarbrücken ein aus jeder Gruppierung herausragender Gigant, selbst mit unspektakulären Werken wie dem „Brustbild einer jungen Frau“ oder den  „Katzen“ auf Papier. Sein Pinselsturm-Rausch-Gemälde „Rue Mosnier mit Fahnen“ (1878) hing in Slevogts Salon und hängt jetzt – welch ein Leihgaben-Glück! – in Saarbrücken. Kuratorin Kathrin Elvers-Svamberk hat es mit Slevogts Gemälde  „Unter den Linden“ (1913) gekoppelt. Frappierende Analogien, wie sie sich an dieser Stelle  auftun, durchziehen als Konzeptionsprinzip die gesamte Schau. So wird das detektivische Aufspüren von Anspielungen und Parallelen in der Farbwahl, in der Themenstellung oder Pinselführung auch für den Besucher zum packenden, lohnenden Unterfangen. Wem es hier langweilig wird, dem ist im Museum nicht mehr zu helfen.

Selbstredend kommen auch diejenigen, die sich nur genießerisch bewegen wollen, auf ihre Kosten, insbesondere in der mit 46 Gemälden größten Abteilung „Landschaft“, die einen  eigenen Auftritt und Raum im   Museumsneubau hat. Ruppig-nüchtern, Taglicht-hell ist es hier, wie eine erfrischende Dusche wirkt das, nachdem man im Wechselpavillon vor nachtblauen Wänden stand, vor kraftvollen Porträts, pikanten  Tanzszenen, dramatischen mythologischen Szenen oder edlen Stillleben. Man genießt die kultivierte Seite Slevogts in passender, mystisch abgedunkelter, luxuriös anmutender Atmosphäre. Doch dem Naturburschen Slevogt tut Helligkeit gut. Im Neubau findet sich der spröde deutsche  „Trifels im Frühling“ (1921) oder der romantische französische „Teich von Ville d’Avray durch das Laub gesehen“ (1871), Sommerfreuden in der Pfalz, Schneestimmungen, Parkansichten, nächtliche Wälder – was das Herz begehrt oder was der Kenner zusätzlich zu Slevogt sehen möchte, etwa van Goghs züngelnd-explosiven Malstil oder den  federnden Pinselstrich der frühen Freiluft-Maler aus Barbizon. Auch eine kleine, feine Überraschung ist versteckt, die Slevogts saarländische Wurzeln enthüllt. Als 17-Jähriger malte er die „Gipsmühle in Brebach“, die Fabrik des Großvaters mütterlicherseits, eine frühe industriekulturelle Landschaft also, zu der sich Corots rauchender „Ziegelofen“ (1840/45) gesellt.



Bekanntlich hat Slevogt von 1909 an in der Südpfalz auf einem Landsitz in der Nähe von Landau gelebt und spritzte dort „das Licht auf die Palette“, wie er sagte. Und mehr noch: Hier sprengte er vor zu einem immer experimentelleren Arbeiten, zu abstrakt-flächenhaften Kompositionen. Nicht nur  Slevogts blau-grüner Farbdschungel der „Papyrusstauden in Syrakus“ (1914) belegt die These der Kuratorin, dass dieser Künstler viel weiter in die Avantgarde vorstieß als üblicherweise angenommen. Slevogt, ein rein sinnenfrohes, impulsives Temperament, der deutsche Impressionismus als irdischere Variante des raffinierteren französischen Vorläufers? Mit diesen Klischees räumt ein Katalogbeitrag auf, der zeigt, wie geschickt Slevogt seinen vor 1901 in München erworbenen Ruf als „Slevogt, der Schreckliche“ im progressiven Berlin zu nutzen wusste. Dass man ihn dort von Anfang an zusammen mit französischen Impressionisten ausstellte, die gerade in Mode kamen, nutzte er zur Selbstinszenierung. Wirklich tief greifend waren die Kontakte zu den Kollegen aus dem Nachbarland offensichtlich nicht, auch nicht die theoretische Auseinandersetzung mit ihrem Stil. Allerdings besaß der bibliophile Slevogt, zugleich viel beschäftigter Grafiker und Karikaturist, unzählige  illustrierte Bücher und eine Kunstsammlung, deren Inventarliste von Daumier bis zu Delacroix reicht. Über ihr steht sinngemäß: Vive la France. Oder, anders gesagt: Studiert sie, die Franzosen. Nicht um sie zu kopieren oder zu übertrumpfen, sondern um sie zu ehren – davon erzählt diese begeisternde Ausstellung.

Geöffnet ab Samstag, bis 13. Januar.

Dicht am großen Vorbils Édouard Manet: Slevogts „Unter den Linden“ (1913).
Dicht am großen Vorbils Édouard Manet: Slevogts „Unter den Linden“ (1913). FOTO: w.fuhrmannek.HLMD