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Kunst
Die Kunst von Gottes eigenem Land

Köln. Das Interesse an Amerika ist riesig, aber was US-Kunst betrifft, beschränkt sich der Blick allzu oft auf abstrakten Expressionismus und die Pop Art. Eine Ausstellung in Köln holt ab morgen – erstmals in Deutschland – wesentlich weiter aus. Von Christoph Driessen

Der US-Künstler Edward Hicks hatte vor 200 Jahren eine Bildidee, die so erfolgreich war, dass er sie immer und immer wieder umsetzte, insgesamt mehr als 60 Mal. Er malte alle möglichen Tiere friedlich vereint. Dabei stand jede Art für einen bestimmten menschlichen Charakter: der Löwe für Stolz und Grausamkeit, der Bär für Geschäftssinn. All das soll Amerika als innerlich geeintes „Königreich des Friedens“ verkörpern. In der Ära Trump ist eine solche Vision vielleicht nötiger denn je. Es ist selten, dass so viele berühmte Bilder aus US-Museen in Europa vereint sind wie derzeit im Wallraf-Richartz-Museum in Köln. Die morgen beginnende Ausstellung „Es war einmal in Amerika“ ist sogar die erste überhaupt, die in Deutschland den Bogen von der frühen Kolonialzeit im 17. Jahrhundert bis zur Nachkriegszeit spannt. Der Blick beschränkt sich sonst allzu oft auf abstrakten Expressionismus und Pop Art.


Zwei rote Fäden sind erkennbar: zum einen die Auseinandersetzung der US-Künstler mit europäischer Kunst und zum anderen die Suche nach einer amerikanischen Identität. Ein Prachtstück ist „Die Unabhängigkeitserklärung, 4. Juli 1776“ im Format 1,80 mal 2,75 Meter. Es ist eine Ikone, die selbst deutsche Schüler aus dem Geschichts- oder Englischbuch kennen. John Trumbull war im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg als junger Mann persönlicher Adjutant von George Washington. Das Gemälde schuf er viel später, mit 76 Jahren. Es gibt drei Versionen davon.

Ein ganzer Saal ist den Landschaftsgemälden des 19. Jahrhunderts gewidmet. Von einem Regenbogen eingerahmt oder in ein überirdisches Licht getaucht, werden die Weiten des amerikanischen Westens zu „God‘s Own Country“ stilisiert. Ein Gemälde des gebürtigen Solingers Albert Bierstadt von 1871/72 klagt aber auch schon die Zerstörung der Umwelt durch den Bau der transkontinentalen Eisenbahn an. Um 1900 rückt das Leben in den Städten in den Mittelpunkt. Ein impressionistisches New Yorker Winterbild könnte mit seinen schneeverwehten Droschken im Vordergrund auch von Claude Monet in Paris gemalt sein – doch dahinter erhebt sich im Dunst ein mächtiger Wolkenkratzer, der zu den Pferdekutschen schon gar nicht mehr passen will. Boxkämpfe und Varieté-Szenen zeugen vom Aufkommen der amerikanischen Entertainment-Industrie.



Und dann natürlich Edward Hopper (1882-1967), der heute allgegenwärtige Urvater der amerikanischen Moderne: Seine oft wie Spielfilmszenen wirkenden Gemälde waren von kaum zu überschätzendem Einfluss auf Hollywood. So ließ sich Alfred Hitchcock bei der Suche nach Kulissen für seinen Schocker „Psycho“ von Hoppers Haus-Bildern inspirieren.

Immer wieder ergeben sich Bezüge zur Gegenwart, etwa beim „Tornado über Kansas“ von John Steuart Curry aus dem Jahr 1929. Am Ende stehen abstrakte Werke von Mark Rothko und Barnett Newman: Nun sind es nicht mehr die amerikanischen Künstler, die nach Europa schauen, sondern umgekehrt die Europäer, die begierig alles aufsaugen, was aus der „Weltkunsthauptstadt“ New York kommt. Es ist eine überfällige Schau, die Lust macht auf Amerika und wohl zu keinem besseren Zeitpunkt kommen könnte.

Ab morgen bis zum 24. März 2019: „Es war einmal in Amerika – 300 Jahre US-amerikanische Kunst“. Geöffnet täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr.