| 18:06 Uhr

Saarländisches Staatstheater
Götzendienst und Vatermord

Opferaltar oder Krematorium? Maximilian von Mayenburgs Regie bleibt in der neuen Saarbrücker „Nabucco“-Produktion am Staatstheater oft bewusst mehrdeutig, lässt gedankliche Spielräume.
Opferaltar oder Krematorium? Maximilian von Mayenburgs Regie bleibt in der neuen Saarbrücker „Nabucco“-Produktion am Staatstheater oft bewusst mehrdeutig, lässt gedankliche Spielräume. FOTO: Staatstheater / martinkaufhold.de
Saarbrücken. „Nabucco“ als Politthriller: Das überrascht bei Verdis Freiheits-Oper kaum. Regisseur Von Mayenburg findet aber in Saarbrücken einen sehr eigenen Blick darauf. Von Oliver Schwambach
Oliver Schwambach

Ganz zu Ende – der Applaus kennt schon kein Halten mehr – entwindet einem die Drehbühne fast noch eine Schlüsselszene dieser Saarbrücker Inszenierung. Babylons abgefeimter Oberpriester (Markus Jaursch) greift nach Abdallo (Won Choi), dem braven Diener des nun geläuterten Nabucco, und schiebt den Getreuen in den Flammenschlund des riesigen Opferaltars. Der wohl auch Krematorium ist.


Die Hoffnung, die einem Verdis Oper sonst spendet: Dass von Macht Verblendete einsichtig werden können, Ohnmächtige erlöst werden, Regisseur Maximilian von Mayenburg raubt uns diesen Trost, knallt uns lieber reale Härte vor den Kopf. Es gibt eben keine Happy Endings; es geht immer wieder von vorne los. Die Menschheit wird wohl ewig Machtgier, Ausbeutung, religiös verbrämten Hass, Mord und Kriege mit sich rumschleppen.

In Von Mayenburgs Regie (und wohl auch dank Dramaturgin Frederike Krüger) ploppen da am Staatstheater doch einige überraschende Momente bei Verdis Allzeit-Hit auf, der doch so oft schon durchdekliniert wurde. Der junge Münchner Regisseur aber packt den Vier-Akter, dem die Italiener als Nationaloper huldigen, gleichwohl es um den Krieg zwischen Babyloniern und Hebräern geht, mal drastisch politisch, mal historisch andeutend an. Gelegentlich könnte die Chose aber auch ins Fantastische entgleiten. Was klar an dieser merkwürdigen Alteisen-Szenerie liegt. Rostige Wandungen, infernalisch leuchtende Bullaugen, zitternde Manometer und ein rauchender Riesenschlot im fahlen Endzeitlicht: Bühnenbildnerin Tanja Hoffmann stiefelte wohl einmal quer durch die Kinohistorie von „Metropolis“ und „Käptn Nemo“ bis zu „Mad Max“, um diese spektakuläre Apokulisse zusammen zu nieten. Die Babylonier zelebrieren darin ihren Tanz auf dem Vulkan und machen auf Roaring Twenties mit Zigarettenspitze und Charleston-Häubchen. Huch, wie verrucht! Während die Hebräer in grauer Anstaltskluft auf den eisernen Turm von Babel zumarschieren müssen, dessen Höllenpforte Bücher und Menschen verschlingt.



Damit nähert sich auch Von Mayenburg sehr dem Klischeehaften, auf das Bühnen-Gewaltige bei dieser Freiheitsoper schon verfielen. Auch hier in Saarbrücken hatten wir 1999 ja deshalb schon ein Theater-Krawällchen. Regie-Absolutist Johann Krensik ließ damals Dirndl und Gasmaken anlegen, Terrorszenen flimmern und forderte nach dem Freiheitschor die Internationale. Dirigent Olaf Henzold pochte aber aufs Verdi-Reinheitsgebot. Kresnik entzog schließlich seinem eigenen Tun schmollend die Autorisierung. Letztlich Regietheater von vorgestern.

So kurz verdrahtet aber inszeniert Von Mayenburg nicht. Er lässt gedankliche Freiräume, deutet an statt totzuschlagen Und er fokussiert im Kampf um den Babel-Thron zwischen König Nabucco, der seinem Allmachtswahn erliegt, und dessen vermeintlicher Tochter Abigail zudem einen Streit, der permanent zwischen politischer Intrige und Familienkonflikt changiert. Von Nabucco erniedrigt, begehrt Abigail auf, emanzipiert sich aus der Macht des Alten (bis hin zum Vatermord – noch eine dieser bemerkenswerten Wendungen). Und doch empfindet sie noch Zuneigung. Groß und widerstreitend wirken diese persönlichen Miniaturen, verdichtet wie im Brennglas eines Kammerspiels. Und Michael Bachtadze ist ein superber Bariton, geschmeidig, kraftvoll und mit einer enormen emotionalen Palette zwischen Herrscherkälte, Wahn und Erkenne, dass du nur Mensch bist, singt er diesen Nabucco. Famos!

Astrid Kessler als Abigail aber überstrahlt alle an diesem Abend, wie sie mit ihrem wendigen Sopran für diesen Irrwitz zwischen Enttäuschung und Machtlust stets die passende Nuance findet. Judith Braun  als zweite Königstochter Fenena wirkt da fast zwangsläufig eindimensionaler, eben gutherzig. Brauns klangschöner Sopran harmoniert aber gut mit der Partie. Ihrem Herzensmann Ismaele gibt Angelos Samartzis einen verlockend schönen, manchmal aber auch engen Ton. Mag man Von Mayenburgs Regie etwas ankreiden, dann, dass er dieses Paar, die Babylonierin und der Jerusalemer Königsneffe, deren verbotene Liebe den Krieg ihrer Völker überwindet, bloß unterbelichtet zeigt. Umso mehr Präsenz kann aber Hiroshi Matsui als Anführer der Hebräer, Zaccaria, zeigen. Sein warmer, würdevoller Bass ergreift zutiefst – ein großer Auftritt.

Der wichtigste „Solist“ bei „Nabucco“ aber ist der Chor. Chor und Extrachor des Saarbrücker Theaters sammeln sich zu geballter Sängermacht, doch ist es gerade das Verdienst von Jaume Miranda, dass er im Sinne der Inszenierung seine Sängerinnen und Sänger äußerst differenziert führt. Wie fein etwa der Freiheitschor an Kraft gewinnt, sich entfaltet, aufschwingt, sucht seinesgleichen. Dirigent Christopher Ward dosiert dazu das Verdi-Pathos angenehm zurückhaltend, webt nach der noch etwas wackligen Ouvertüre den Klang immer dichter, zwingender. Und das Staatsorchester erweist sich da auch als perfekter Diener großer Solisten und großer Chöre.

Vorstellungen: 12., 15., 17., 20. und 23. Juni. Karten: Tel. (06 81) 3 09 24 86.

Huch, wie verrucht! Astrid Kessler feiert als Abigail ihre Macht.
Huch, wie verrucht! Astrid Kessler feiert als Abigail ihre Macht. FOTO: Saarländisches Staatstheater / martinkaufhold.de
Fülle des Wohllauts: Nabucco (Michael Bachtadze) lauscht dem Grammophon.
Fülle des Wohllauts: Nabucco (Michael Bachtadze) lauscht dem Grammophon. FOTO: Saarländisches Staatstheater / martinkaufhold.de