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Literatur
Gestrandete und andere Helden des Alltags

Saarbrücken. Richard Russos Kleinstadtepos „Ein Mann der Tat“ hat das Zeug dazu, zum „Buch des Jahres“ zu werden. Welf Grombacher

Seit  Trump Präsident ist, hat sich das Leben von Richard Russo verändert: „Ich muss plötzlich politische Fragen beantworten. Man fragt mich immer: Was, zum Teufel, ist los in Amerika? Wie konnte das geschehen?“ So lebensecht wie kein zweiter zeichnet Russo in seinen Romanen ein Panorama des Niedergangs. Seine Charaktere sind meist weiße Männer, über die Amerika einfach hinweggegangen ist.



Sein neuer Roman „Ein Mann der Tat“, im Original 2016 erschienen und von Monika Köpfer exzellent übersetzt, macht da keine Ausnahme. Er spielt im Städtchen North Bath im US-Rostgürtel. Die Quellen des Ex-Kurortes sind lange versiegt, sprudeln tun in dem runtergekommenen Provinznest nur noch die Bierhähne der Kneipen, in denen die Gestrandeten sitzen und sich das Leben schöntrinken. Schon der Roman „Nobody’s Fool“ (1993), mit dem Russo in Amerika den Durchbruch schaffte (und bei uns jetzt erstmals in einer ungekürzten Fassung unter dem Titel „Ein grundzufriedener Mann“ zu lesen) spielt hier. Die Figuren sind wieder dieselben. Nur um zehn Jahre gealtert.

Nach dem Erfolg von „Nobody’s Fool“ und der gleichnamigen Verfilmung mit Paul Newman, Bruce Willis und Philip Seymour Hoffman konnte Russo seine Tätigkeit als Lehrer für Kreatives Schreiben aufgeben. Die Idee zu einer Fortsetzung kam ihm durch den Schriftstellerkollegen Howard Frank Mosher: „Er hat die Charaktere Sully und Rub geliebt. Jedes Mal, wenn wir uns über den Weg liefen, fragte er mich, ob es Neuigkeiten von den beiden gebe.“ Also setzte sich Russo hin und schrieb. Sully ist mittlerweile im Ruhestand, trinkt sein Bier immer noch in der Bar von Ruth, mit der er mal eine Affäre hatte und weiß von seinem Doc, dass er nur noch ein, zwei Jahre zu leben hat. Das Herz . . . 

Das Memorialwochenende steht an, und eigentlich ist alles wie immer. Bis Polizeichef Raymer bei der Beerdigung seiner ehemaligen Lehrerin ins offene Grab fällt, der Kleinganove Purdy unter einer einstürzenden Mauer begraben wird und dazu eine Giftschlange entflieht. Der Roman spielt an nur drei Tagen, trotzdem ist es unmöglich, alle Verwicklungen nachzuerzählen. Chief Raymer macht sich auf die Suche nach dem unbekannten Liebhaber seiner Frau, von dem er erst nach ihrem Unfalltod erfahren hat. Sully nimmt die Verfolgung von dem brutalen Verbrecher auf, der Ruth ins Koma geprügelt hat. Und der begriffsstutzige Rub sitzt auf einem Ast fest, den er selbst abgesägt hat.

Man merkt, dass Russo Erfahrung als Drehbuchautor hat. In kurzen Szenen zeichnet er ein Porträt der Provinzstadt und ihrer Bewohner. Bitterböse, aber immer mit Herz. Das Schreiben von Romanen, sagte der 1949 selbst in einer Kleinstadt im Bundesstaat New York aufgewachsene Russo einmal, sei für ihn eine „Einübung von Empathie“. Das merkt man. Er liebt jeden seiner Charaktere. Mag er noch so am Rand der Gesellschaft stehen.  Seine Romane sind ein kleines Universum für sich und können sich mühelos mit denen von John Updike oder Richard Yates messen. „Ein Mann der Tat“ hat das Zeug, zu einem Buch des Jahres zu werden. Lesen Sie Richard Russo!



Richard Russo: Ein Mann der Tat. DuMont, 688 S., 26 €.

Richard Russo: Ein grundzufriedener Mann. DuMont, 780 S, 16 €.