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Gestaltwerdung eines Ortes der Weltkulturen

Eine Luftaufnahme (von Mai 2016) zeigt den Stand Bauarbeiten am Berliner Stadtschloss. Foto: dpa
Eine Luftaufnahme (von Mai 2016) zeigt den Stand Bauarbeiten am Berliner Stadtschloss. Foto: dpa FOTO: dpa
Berlin. Bislang liegt immer noch kein Gesamtkonzept für das Humboldt-Forum vor. In den Räumlichkeiten des wiederaufgebauten Berliner Stadtschlosses werden auf Betreiben des Bundes ab 2019 die völkerkundlichen Sammlungen der Hauptstadt konzentriert. Angeblich ist alles im Zeitplan. Agentur

Weißer Schutzanzug, Staubmaske vor dem Gesicht: Leonie Gärtner, Restauratorin des Ethnologischen Museums Berlin, untersucht gerade eine wertvolle Tanzmaske aus Papua- Neuguinea. Die mehr als 100 Jahre alte Figur wird vermessen, fotografiert, auf ihre Transportfähigkeit geprüft. Gärtner bereitet mit ihrem Team die Südsee-Abteilung des Museums auf den Umzug ins rekonstruierte Berliner Schloss vor. Dort soll 2019 das Humboldt Forum eröffnen, Berlins neues Zentrum für Kunst und Kultur mit der weltweit herausragenden völkerkundlichen Sammlung als besonderem Schwerpunkt.


"Wir liegen absolut im Zeitplan", sagt Museumsdirektorin Viola König. Das von ihr geleitete Ethnologische Museum wird im Humboldt-Forum mit 10 000 Quadratmeter über die größte Ausstellungsfläche verfügen. Seit Mitte Januar sind Teile ihres Hauses in Dahlem geschlossen, um das Mammutprojekt in die Praxis umsetzen. Bis zu 10 000 der mehr als 500 000 Stücke umfassenden Sammlung sollen in die Stadtmitte umziehen - jedes einzelne geht zuvor durch die Hände der Restauratoren. Den vielleicht größten Aufwand erfordern die berühmten Südsee-Boote, wichtigster Publikumsmagnet des Hauses. Die historischen Segel- und Auslegerschiffe sind so groß, dass sie durch keine Tür passen. In der Eingangshalle des neu erstehenden Schlosses bleibt deshalb vorerst ein riesiges Loch offen. Erst nach dem Einzug der Boote 2018 wird es geschlossen.

Parallel zur Aufarbeitung der Exponate läuft die inhaltliche Vorbereitung. Das Humboldt- Forum, das bis dato größte Kulturprojekt des Bundes in diesem Jahrhundert, ist nach dem Willen des Bundestages als "Ort der Weltkulturen" geplant. Gegenüber der Museumsinsel soll sich Deutschland im Dialog mit der Welt präsentieren, so der hohe Anspruch. Zusammen mit dem bisher ebenfalls in Dahlem angesiedelten, kleineren Museum für Asiatische Kunst bespielt das Ethnologische Museum das zweite und dritte Obergeschoss. Im ersten Stock präsentieren sich das Land Berlin und die Humboldt-Uni. Als gemeinsame Plattform dient der ausgedehnte Bereich im Erdgeschoss - mit Ausstellungen, Tagungen, Konzerten, Kino, Performances, Diskussionsveranstaltungen.



Schon früh zeichnete sich ab, dass für die Museen der Umgang mit der Kolonialzeit eines der großen Themen sein wird. Viele Sammlungsobjekte stammen aus der Zeit, als bei der Kongokonferenz 1884/85 in Berlin die koloniale Aufteilung Afrikas ihren Abschluss fand. Andere wurden von Forschern wie Georg Forster, Alexander von Humboldt oder Hermann von Schlagintweit aus fernen Gegenden nach Berlin gebracht. Die Initiative "No Humboldt 21" kritisiert schon lange, der weitaus größte Teil der Exponate sei im Zusammenhang mit kolonialen Eroberungen nach Berlin gekommen, gehöre den Museen daher nicht rechtmäßig. Sie nannte das Humboldt-Forum 2013 "eurozentrisch und restaurativ" und forderte einen Stopp der Arbeiten. Inzwischen sei das Thema bei den Verantwortlichen zumindest angekommen, sagt Sprecher Mnyaka Sururu Mboro aus Tansania. Die für die Museen verantwortliche Stiftung Preußischer Kulturbesitz legte 2015 einen Verhaltenskodex zum Umgang mit den außereuropäischen Sammlungen vor. Danach soll die Geschichte der ab 2019 im Humboldt-Forum präsentierten Objekte vorrangig untersucht werden. "In Einzelfällen kann es auch geboten sein, Rückgaben zu vereinbaren", heißt es in dem Papier. Das neue Zauberwort heißt "shared heritage": geteiltes Erbe. Demnach sollen die Exponate nicht einseitig aus europäischer Perspektive gezeigt werden, sondern im Dialog mit den Herkunftsländern.

Welches Gesamtkonzept die Gründungsintendanz um den britischen Museumsexperten Neil MacGregor für das ganze Haus vorlegen wird, ist immer noch nicht klar. Es ist für Anfang November angekündigt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sieht die Debatte aber auf gutem Weg. "Die Arbeit ist in den vergangenen Wochen und Monaten auf eine derart gute Weise miteinander verzahnt wie vorher jahrelang nicht."