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Literatur
Ein Fest für die Leser von „Maigret“

John Simenon, Sohn des Schriftstellers Georges Simenon, zeigt im Archiv seines Vaters das Originalposter zur Verfilmung eines Simenon-Romans mit Romy Schneider aus den 1970er Jahren.
John Simenon, Sohn des Schriftstellers Georges Simenon, zeigt im Archiv seines Vaters das Originalposter zur Verfilmung eines Simenon-Romans mit Romy Schneider aus den 1970er Jahren. FOTO: dpa / Christiane Oelrich
Lausanne. Kommissar Maigret kommt wieder in die Buchläden, und nicht nur das: Ein neuer Verlag plant die erste deutschsprachige Gesamtausgabe des Werks von Georges Simenon. Dessen Sohn besitzt im Archiv so einige Schätze. Von Christiane Oelrich

Schon das Buch in der Hand lässt nostalgische Verzückung aufkommen: der mit Stoff bezogene Deckel, die gemütliche Pfeife auf dem Cover, die Schriftart von anno dazumal. Die Erzählung „Maigrets Pfeife“ von 1947 aus der legendären Krimi-Serie des belgischen Bestsellerautors Georges Simenon lässt in vergangenen Zeiten schwelgen. Die neue Ausgabe erscheint heute, wenn der neue Kampa-Verlag in Zürich zu einem Maigret-Fest ansetzt. Er plant sogar die erste deutschsprachige Simenon-Gesamtausgabe.


  Möglich wird das, weil der Diogenes-Verlag 2016 nach rund 40 Jahren die Simenon-Rechte verloren hat. Daniel Kampa, viele Jahre in der Diogenes-Geschäftsleitung mit Simenon befasst, hat sich selbstständig gemacht. Die Neuauflage der großen psychologischen Romane und der autobiografischen Werke Simenons teilt sich Kampa mit dem Hoffmann und Campe-Verlag, den er zuletzt leitete.

  Der in Lüttich geborene Simenon ließ sich nach Stationen in Frankreich und den USA in Lausanne am Genfersee nieder. Dort starb er 1989. Sein Sohn John Simenon (69) leitet das dortige Simenon-Archiv – und er hat einige Schätze in den Schubladen. Etwa Erstausgaben in vielen Sprachen. Für damalige Zeiten ganz ungewohnt, haben sie Fotos auf dem Cover. „Mein Vater war in vielem Pionier“, sagt John Simenon beim Gespräch in dem Archiv. Er hat auch illustrierte Beilagen des „Philadelphia Inquirer“ mit Maigret-Geschichten aus den 1940er Jahren im Original, oder Poster zu einer Simenon-Verfilmung mit Romy Schneider aus den 1970er Jahren.



  Dann holt er ein Bündel mit 1000 Briefen Simenons an Johns Mutter Denyse Ouimet hervor. „Er schrieb ihr jeden Tag drei sehr persönliche Briefe, und man sieht: Er war voller Liebe“, sagt John Simenon. Mit Kampa überlegt Simenon, einige Briefe erstmals zu veröffentlichen.

  Georges Simenon schrieb in den 20er Jahren zunächst Groschenromane wie am Fließband, unter Pseudonym. Als „Georges Sim“ schrieb er auch lange vor den Maigrets schon Krimis, etwa mit „Kommissar G7“, der wegen seiner roten Haare nach einem Pariser Taxiunternehmen namens G7 mit rotem Dach benannt war. Vier G7-Geschichten bringt Kampa unter dem Titel „Das Rätsel der Maria Galanda“ in deutscher Erstausgabe heraus. „G7 ist jung und mehr wie Simenon selbst. Maigret ist älter und so, wie Simenon sich seinen Vater gewünscht hätte“, sagt Kampa.

  Maigret-Krimifans schätzen, dass das „Wer war‘s“ meist in den Hintergrund rückt. „Die kleineren und größeren Verbrechen dienen vor allem als Anlass, sich in Lebensgeschichten hineinzudenken, deren Abgründe sich durch traurige Banalität auszeichnen“, schreibt der Schriftsteller und Übersetzer von „Maigrets Pfeife“, Karl-Heinz Ott.

  Um die Dynamik des Zusammenlebens und um menschliche Abgründe geht es auch oft in Simenons großen Romanen, die er neben den Krimis schuf. Mit „Der Schnee war schmutzig“, „Chez Krull“ und „Das blaue Zimmer“ schaffte er es „in den literarischen Olymp“, wie Ott schreibt: Der ehrwürdige französische Verlag Gallimard nahm ihn in die Bibliothèque Pléiade mit Werkausgaben von Klassikern der Weltliteratur auf.

  John Simenon beschreibt das Verhältnis zu seinem Vater als wunderbar. Anstrengend fand er manchmal aber dessen Erwartungen: „Er hat zwar immer gesagt: Mach, was dich glücklich macht – aber wenn man seine Erwartungen nicht erfüllt hat, hat er einen das sehr deutlich spüren lassen.“ Der Sohn war Film- und Fernsehproduzent, bevor er 1995 die Nachlassverwaltung übernahm.

  Die Bücher hat John Simenon oft schon vor der Veröffentlichung gelesen. Verstört war er da, als er sich als pickeligen Teenager im Buch „Die Beichte“ selbst wiederfand: „Das war mir zu intim, aber so war mein Vater: Er hat gesagt, er hat nie etwas erfunden, sondern alles aufgesogen, was er sah und erlebte, und hat es dann literarisch verarbeitet.“ Mit knapp 70 ging Simenon die Luft aus. „Er hatte keine Energie mehr zum Schreiben“, sagt John. Da umfasste sein Werk aber schon mehr als 400 Bücher und über 1000 Erzählungen. Er diktierte noch mehrere autobiografische Bände und starb mit 86 Jahren.

Georges Simenon (1903-1989), der produktive „Maigret“-Schöpfer.
Georges Simenon (1903-1989), der produktive „Maigret“-Schöpfer. FOTO: dpa / -
Die Neuausgaben mit nostalgischer Anmutung.
Die Neuausgaben mit nostalgischer Anmutung. FOTO: dpa / Christiane Oelrich