| 20:36 Uhr

Streit um Saarbrücker Jazzfestival spitzt sich zu
Geprellte Jazz-Musiker ziehen vor Gericht

Blick zurück: Altsaxophonist Lee Konitz war der Top-Act des Saarbrücker Jazzfestivals im vergangenen November.
Blick zurück: Altsaxophonist Lee Konitz war der Top-Act des Saarbrücker Jazzfestivals im vergangenen November. FOTO: gerhard richter
Saarbrücken. 30 Künstler warten immer noch auf ihre Gagen für Auftritte beim Saarbrücker Jazz-Festival. Jetzt wollen sie den Trägerverein und die Stadt Saarbrücken verklagen. Im Fokus der Kritik: Kulturdezernent Thomas Brück. Von Esther Brenner
Esther Brenner

Im Dezember platzte die Bombe: Das Saarbrücker Jazzfestival steht vor dem Aus, weil der künstlerische Leiter und Vorsitzende des Trägervereins „Jazz Syndikat e.V.“, Wolfgang Krause, die Künstlerhonorare vermutlich veruntreut hat (wir berichteten). Wie hoch genau der Schaden ist, ist noch unklar, vermutlich geht es aber um rund 100 000 Euro. Die Staatsanwaltschaft hat mittlerweile ein „Vorermittlungsverfahren“ gegen Krause eingeleitet.



Auch die geprellten Künstler beziehungsweise deren Agenturen erwägen jetzt juristische Schritte gegen den Verein und die Stadt, wie Horst Papeler-Dütsch von der Berliner Agentur ProTon Musikmanagement unserer Zeitung mitteilt. Er fungiert als Sprecher der betroffenen Künstler. „Wir sind empört, dass die Stadt sich einfach für nicht zuständig erklärt und bereits über ein neues Festival nachdenkt, bevor die ausstehenden Gagen bezahlt sind“, so Papeler-Dütsch Er nimmt damit Bezug auf Überlegungen, ein neues Festival dem Saarbrücker Jazz-Professor Oliver Strauch künstlerisch anzuvertrauen (wir berichteten). In einem unserer Zeitung vorliegenden Brief (vom 9. Januar) an die Saarbrücker Oberbürgermeisterin, den Kulturdezernenten der Stadt, Thomas Brück, und Kulturminister Ulrich Commerçon, den 30 Geschädigte unterzeichnet haben, fordern die Betroffenen, dass die Stadt einspringt und die ausstehenden Gagen bezahlt. Das lehnt Kulturdezernent Thomas Brück ab. Begründung: Man sei kein Veranstalter gewesen, sondern als Förderer des Vereins selbst geschädigt (32 000 Euro).

Dennoch weisen die geprellten Künstler Brück persönlich eine Mitverantwortung zu. Er habe „grob fahrlässig“ gehandelt. In dem Brief heißt es: „Obwohl Brück am 9. November persönlich von Krause informiert worden war, dass dieser Geld verspielt habe, hat er nicht dafür gesorgt, dass die restlichen sieben Konzerte abgesagt wurden“, kritisiert Papeler-Dütsch. Ahnungslose Künstler seien so in eine Falle getappt, säßen bis heute auf ihren Kosten. In dem Brief heißt es: „Dies stellt eine grob fahrlässige Verletzung der Sorgfaltspflicht gegenüber den Künstlern dar, für die er auch zur Haftung gezogen werden muss (. . .) Daher richten wir unsere Forderung im Wege der Amtshaftung für ihren Kulturdezernent auch an die Stadt Saarbrücken direkt.“

In seiner schriftlichen Antwort vom 18. Januar an die Geschädigten, die uns vorliegt, rechtfertigt sich Brück und schildert, wie Wolfgang Krause am 9. November – also mitten im laufenden Festival, das bis 19. November ging – unangemeldet in sein Büro gekommen sei und gesagt habe, er wolle „ein Geständnis ablegen“. Er sei „ausgebrannt“ und das Geld des Vereins sei „verzockt“. Er, Brück, will „an diesem Novembertag zum ersten Mal von diesen Vorkommnissen erfahren“ haben. Er habe dann unverzüglich „als Vereinsmitglied des Jazzsyndikat e.V.“ den Vorstand schriftlich informiert und um außerordentliche Kassenprüfung gebeten. Es sei ihm damals nicht bekannt gewesen, dass es in dem Verein überhaupt keinen funktionierenden Vorstand mehr gegeben habe, sagte Brück gestern. Denn dessen Mitglieder waren 2016 beziehungsweise Anfang 2017 sukkzessive zurückgetreten. „Hat Thomas Brück tatsächlich erst am 9. November von der finanziellen Schieflage erfahren?“, fragen sich die Geschädigten. Brück sagt ja – und betont, als Vereinsmitglied und daher als Privatperson, den Verein über das fehlende Geld informiert zu haben.

Hätte er als Repräsentant der Stadt nach Krauses „Geständnis“ nicht sofort Anzeige erstatten müssen? Schließlich geht es auch um Fördermittel der Stadt in Höhe von 32 000 Euro. Nein, denn zunächst einmal, so Brücks Position, sei der geschädigte Verein am Zug. Doch der befindet sich in Auflösung, eine vergangene Woche angesetzte Mitgliederversammlung wurde abgesagt. Zudem ist Wolfgang Krause nicht auffindbar.



„Herr Brück scheint sich als ‚Mitwisser’ aus der Schusslinie bringen zu wollen“, so der Vorwurf von Horst Papeler-Dütsch. Er zitiert aus einem SR-Interview vom 28. Dezember, in dem Brück davon spricht, schon im „Frühherbst“ von den Problemen gewusst zu haben. Dann hätte man womöglich die Reißleine ziehen können. Brück spricht von einem „Versehen bei der zeitlichen Terminierung“. Er habe den völlig aufgelösten Krause erst am 9. November gesprochen und da sei auch erst einmal die Rede gewesen von „10 000 Euro und vielleicht mehr“. Zudem wären sicherlich Regressforderungen entstanden, hätte man die Konzerte abgesagt, argumentiert Thomas Brück.

Wolfgang Krause kann man dazu nicht befragen. In der verwaisten Geschäftsstelle stapele sich die Post, so Vereinsmitglieder. Beim letzten Konzert des Festivals sei er jedenfalls noch gesichtet worden, ist sich Papeler-Dütsch von der Berliner Agentur ProTon sicher. Von einem sofortigen „Abtauchen“ könne also nicht die Rede sein. Kulturdezernent Brück sieht sich und die Stadt jedenfalls nicht in der Verantwortung. Man suche nach einer „gütlichen Einigung“, werde aber finanziell nicht einspringen. Die Stadt werde die Fördergelder zurückverlangen. Die 32 000 Euro sollen auch weiterhin der Jazzszene zur Verfügung stehen, bekräftigte Brück. Man sei in Gesprächen.

„Der Ruf des Festival ist schwer geschädigt“, sagt Papeler-Dütsch. Für einen Neuanfang müssten erst einmal die Altlasten beglichen werden. „Welcher Künstler möchte sonst in Saarbrücken spielen?“