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Serie „Atelierbesuche bei saarländischen Künstlern“
Gelenkte Zufälle „dringlicher Bildwelten“

Künstlerin Mane Hellenthal dieser Tage in ihrem Atelier in der Saarbrücker Hafenstraße vor einigen ihrer „Bergbilder“. 
Künstlerin Mane Hellenthal dieser Tage in ihrem Atelier in der Saarbrücker Hafenstraße vor einigen ihrer „Bergbilder“.  FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. In loser Folge besuchen wir saarländische Künstler im Atelier: heute Mane Hellenthal, eine der interessantesten regionalen Künstlerinnen, die in Saarbrücken zwei Atelierräume unterhält. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

„Ateliergemeinschaft Hafenstraße“: Wüsste man nicht, dass das eine Hinterhofetage über einer keine 100 Meter vom Saarbrücker Arbeitsamt entfernten Großwäscherei meint, man könnte an ein Fabrikloft am Saarufer denken. Weder noch: Hier ist kein Hafen, keine Saar. Mane Hellenthal nutzt dort seit drei Jahren einen der drei großzügigen Atelierräume. Gut 100 Quadratmeter, die sie sich inzwischen mit ihrem Lebensgefährten Ulrich Behr teilt, der wie Hellenthal Mitte der 90er sein Diplom an der Saarbrücker HBK machte.


Weil die zu den bekannteren regionalen Künstlern gehörende Hellenthal (60) zudem noch im Saarbrücker KuBa einen auch als Showroom dienenden Atelierraum unterhält und dazu die Hälfte der Woche in ihrem Haus in Walsheim (Bliesgau) arbeitet, muss sie wohl passabel von ihrer Kunst leben können, oder? Jein. Halbwegs etabliert zu sein, ist hierzulande (wenig Sammler, wenig Bildungsbürgertum, wenig Galerien, wenig Ausstellungsorte, wenig Kaufkraft) monetär eine sehr relative Sache. Manchmal gehe monatelang gar nichts, „dann wieder flutscht es und ich verkaufe fünf, sechs Bilder hintereinander“, sagt sie.

Wie fast alle Professionellen hält sie sich zudem mit Kunstkursen und Lehraufträgen über Wasser  (an der Fachhochschule Nürtingen lehrt Hellenthal nach entsprechendem Aufbaustudium an der Münchner Akademie Kunstherapie). Zwei Jahre arbeitete sie auch als Kunsterzieherin. Als sie merkte, „dass ich immer weniger produzieren konnte“, gab sie auf. Derzeit versucht sie als (ehrenamtliche) Mentorin für Künstler in Rheinland-Pfalz, ihr Netzwerk zu erweitern und so vielleicht einen Galeristen zu finden, wobei ihre zurückhaltende Art das nicht leichter macht. „Einfach irgendwo vorzusprechen, schaff’ ich nie“, sagt sie.

Schon als Kind zeichnete sie. Begann früh mit Ölfarben, malte ihre Zimmermöbel an. Dennoch fand sie spät zur Kunst – mit 33 Jahren. Brach erst eine Goldschmiedelehre ab, um mit ihrem damaligen Freund nach Argentinien zu ziehen, wo ihre Tochter 1982 zur Welt kam. Konnte aber als feministisch geprägte Nach-68erin im damals noch sehr viel konservativeren, dazu vom Falklandkrieg mit Großbritannien zerrütteten Argentinien nicht Fuß fassen. Zwei Jahre später kehrte sie mit ihrer Tochter zurück an die Saar, arbeitete sieben Jahre lang als Zahntechnikerin. Erst danach schob sich die Kunst endgültig in den Vordergrund. Doch dann mit Wucht und Ausdauer.

Seit Hellenthal 1990 an der gerade gegründeten Saarbrücker Kunsthochschule anheuerte (1997 machte sie Diplom), dürften bis heute nahezu 2000 Arbeiten von ihr entstanden sein. Alleine ihre Bügeleisen-Bilderserie umfasst 400 Kleinformate, deren Markenzeichen eine als Bildgrund dienende Bügeleisen-Brandspur war, auf der sie gezeichnete, emblematische Miniaturen hinterließ: allesamt biografische Erinnerungsstücke. „Prägungen“, wie die Serie hieß, war symptomatisch für ihr Schaffen: Dinge, die sich ihr einbrannten, kehren darin immer wieder – ihre Bildmetapher nahm das wörtlich.



Überhaupt ist das Serielle kennzeichnend für Hellenthals Arbeit: Viele der Wege, die sie malerisch einschlug, mündeten in ausgedehnte Werkkonvolute. Auch ihre beiden jüngsten stilistischen Ausdrucksfelder: ihre „Bergbilder“ und ihre auf einer ausgeklügelten Mamoriertechnik basierenden, groß- und kleinformatigen Blätter, deren an Landschaftsformationen erinnernde Areale sie anschließend mit Acrylfarbe teils übermalt. Mehr noch als ihre früheren Serien offenbaren diese beiden von ihr seit einigen Jahren konsequent verfolgten Entwicklungslinien das künstlerische Potenzial Hellenthals. Vor allem dann, wenn die verschwimmenden Farbzonen ihrer marmorierten Blätter ins Großformat drängen und mit daraus aufragenden, mit sehr feinen Pinseln gemalten Türmen, Raumkapseln, Seilbahnen oder Brutalismusbauten gekoppelt werden (in ihrer Werkgruppe „Provinzielle Bauwerke“). Gewinnen diese irisierenden Farbbahnen dann doch den Charakter ausgekühlter  Traumlandschaften. Ihres Kontextes beraubt, thronen die fast endzeitlich anmutenden Bauwerke, Verlassenheitshochburgen gleich, inmitten eines organischen Farbgespinsts. Die schlierenartige Struktur ihrer marmorierten Blätter erzeugt Hellenthal in einem alten, in ihrem Walsheimer Garten im Sommer aufgebauten Schwimmbassin, in das sie verdünnte Ölfarbe spritzt. Durch diesen Farbteppich zieht sie ihre Blätter und erzeugt „durch gelenkten Zufall“ deren farblich zerfließende Formen – ihre Maserung.

Hellenthals mit den Jahren gewonnene Originalität erweist sich auch in ihrer 2004 aufgenommenen, zuletzt immer filigraner gewordenen  Gebirgsformationen ins Zentrum rückenden Serie „Biografische Berge“. Ihr Herstellungsprozess ist ungleich aufwändiger. Nicht nur, weil sie die Leinwände mit Champagnerkreide und Binder zunächst schichtweise glättet, um den Untergrund dann mit verdünnter Acrylfarbe zu bearbeiten. Mehrere puzzleartig aufgetragene, minutiös platzierte Farbschichten wirken dabei ineinander und zeichnen die geologischen Detailformationen steil aufragender Gebirge getreulich nach. Das so entstehende markante Pano­rama löst sich bei näherem Hinsehen auf, zerfällt in abstrakte Farb­areale. Etwa einen Monat braucht sie für diese (hinsichtlich Herstellungsprozess wie Wirkung) meditativen Großformate. Von keiner anderen größeren Werkgruppe hat Hellenthal über die Jahre mehr verkauft. Banken und Institutionen erwarben ein gutes Dutzend, wobei Hellenthal ihren Verkaufspreis mit dem Faktor 19 kalkuliert: Länge + Breite x 19, lautet ihre Preisformel.

Eine „Mittelstandskünstlerin“, was für sie so viel wie eine dem Künstlerprekariat entronnene Malerin bedeutet, sei sie aber bis heute nicht, sagt Hellenthal. In ihrem Atelier lagern Hunderte von Arbeiten. Das Serielle birgt künstlerisch auch Gefahren, wie etwa die Stofftafeln Hellenthals zeigen: auf kleine, quadratische Keilrahmen aufgezogene Textilmuster, die aus ihrem eigenen Kleiderfundus stammen und Lebensphasen konservieren, als Stapelware aber auch eine gewisse Beliebigkeit zeitigen.

Dem entgeht sie immer dann, wenn das, was sie ihre „dringliche Bilderwelt“ nennt, zum Tragen kommt und nicht nur erprobte Muster neu durchexerziert werden. Um ihre Bilderwelt zu nähren, unternimmt Hellenthal nicht nur ausgedehnte Spaziergänge, sie greift auch auf Fotografien zurück. Eigene zumeist, aber auch auf in Zeitschriften gefundene, die sie verfremdet. Manchmal entstehen daraus solch phantastische Bilder wie „Thommi“, in dem Hellenthal über ihren marmorierten Untergrund eine verwunschene Waldlandschaft legt, in der ein Junge steht. Zwei sich überlagernde Bildwelten, in denen wir uns verlieren wollen. Wenn sie in der Art weitermacht, müsste es finanziell mit der Mittelstandskünstlerin eigentlich doch noch etwas werden. Zu wünschen wäre es ihr.

In der Reihe „Atelierbesuche“
erschienen bislang Porträts über Dietmar Binger, Ursel Kessler, Alwin Alles und Dirk Rausch.