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Frauenträume und Orgeldröhnen

Die Illustratorinnen Joni Majer und Anna Kautenburger (rechts) inmitten ihrer Arbeiten, die im KuBa gezeigt werden. Fotos: Iris Maurer
Die Illustratorinnen Joni Majer und Anna Kautenburger (rechts) inmitten ihrer Arbeiten, die im KuBa gezeigt werden. Fotos: Iris Maurer
Saarbrücken/Völklingen. Ein Rundgang durch die kleineren Ausstellungsorte der Landeskunstschau in Saarbrücken und in der Völklinger Hütte. Bülent Gündüz

Neben einigen großen Ausstellungsorten sind in den letzten Tagen mehrere kleinere Projekte der Landeskunstausstellung eröffnet worden. Darunter ist auch die Stadtgalerie in Saarbrücken mit einem Projekt im Innenhof. Dort zeigt das Künstlerpaar Lydia Kaminski und Philipp Neumann eine Bild-Text-Geschichte. "Kanon" erzählt - getarnt als kindertaugliche Fabel - eine Geschichte von Identität, Migration und dem vergeblichen Versuch, sich abzugrenzen. Ergänzt wird der Text durch 14 Zeichnungen von Kaminski, die die kurze Parabel mit Bezügen zur aktuellen Wirklichkeit spicken und so jeden Anflug von Harmlosigkeit schnell ersticken.



In der Völklinger Hütte genießt Leslie Huppert die volle Aufmerksamkeit der SaarArt-Interessierten. Sie zeigt im Hochofenbüro eine multimediale Videoinstallation voller Anspielungen auf Leben und Vergehen. Es beginnt mit einer farbenfrohen Wand, von der die Künstlerin mit einer Plastiktüte über dem Kopf grüßt. Das Wandbild erinnert an Traumsequenzen einer Reise. In einer Ecke läuft eine kurze Videosequenz mit Trommeln der brasilianischen Candomblé-Kultur und der Künstlerin, deren Kopf als Fingerpuppe herhalten muss. An die Stirnseiten des großen Raumes dahinter werden abwechselnd Videos projiziert. In "Milky Way" aus dem Jahr 2016 ist die Künstlerin ein göttliches Wesen, das aus seinen Brüsten Früchte und Tiere "spritzt". Es ist eine Anspielung auf die mythologische Entstehung der Milchstraße, bei der die Göttin Hera Muttermilch verspritzt haben soll. Auch im hinduistischen Schöpfungsmythos spielt die Milch als Ursuppe eine weitreichende Rolle.

Auf der gegenüberliegenden Seite erscheint die hinduistische Göttin "Kali" (2016). Sie ist zugleich göttliche Mutter, Erneuerin und Beschützerin, aber auch Göttin der Zerstörung und des Todes. Bei Huppert wird sie zum brüllenden Zwitterwesen inmitten von Panzern und Waffen. Die vielschichtige Installation spielt mit alten Mythen und Figuren genauso wie mit Weltkulturen und westlicher Moderne. Ein spannender Beitrag.

Auch die Saarbrücker Schlosskirche setzt auf Frauenpower. Sigrún Ólaffsdóttir zeigt eine Stahlplastik aus ineinander verkeilten Kreisen und Kreissegmenten, die an eine gesprengte Röhre erinnert. Véronique Verdet, die zuletzt vor allem zeichnerisch tätig war, überrascht mit einer Installation im Zentrum des Chores. Dort hat sie Kartons gestapelt, aus denen Hobelspäne quillen. Dazu gesellen sich als Klangsequenzen verfremdete Werkzeuggeräusche. Was wohl in den Kartons stecken mag? Wo sind die Objekte, von denen die Hobelspäne abfielen? Ein wunderbares Werk, das zum Nachdenken anregen soll über Arbeit und deren Wert und zugleich wuchtige Intervention im Kirchenraum ist. Dritte im Bunde ist Claudia Brieske mit der Videoinstallation "Stampf-Symphonie - Solo-N°1". Mit Gänsehaut verfolgt man das Geschehen auf dem von der Decke hängenden schwarzen Screen. Die Kamera zeigt die Künstlerin von unten, wie sie mit den Füßen zu stampfen beginnt. Die Orgel dröhnt dazu und flutet den Raum mit einem Liegeton. Immer intensiver und aggressiver wird das Schauspiel, bis es plötzlich aussetzt und ein pulsierendes Herzklopfen einsetzt.

Die Bilder wecken Assoziationen an ein schlagendes Herz, sind aber ein Lichtspiel auf dem Rücken der Madonna aus dem 14. Jahrhundert, die unter der Projektionsfläche steht. Wieder zeigt Brieske damit eine der stärksten Arbeiten der SaarArt. Leider geht das Gesamtkonzept in der Schlosskirche nicht auf und die Ausstellung funktioniert hier überhaupt nicht. Ólafdóttirs imposantes Objekt steht völlig deplatziert in den Stuhlreihen und kann seine Wirkung nicht entfalten. Verdets und Brieskes Arbeiten sind beide von Klang geprägt und stören sich trotz Pausen gegenseitig. Das ist sehr schade, weil gerade diese drei Arbeiten mehr Aufmerksamkeit verdient hätten.



Dass es auch anders geht, zeigt das KuBa-Kulturzentrum im Quartier hinter dem Saarbrücker Hauptbahnhof. Hier haben sich Anna Kautenburger und Joni Majer mit Kurator Andreas Bayer zusammengesetzt und ihre beiden unabhängig entstandenen Werke ineinander verzahnt. In einer kongenialen Aufführung im Treppenhaus leiten die beiden Künstlerinnen gemeinsam zur Präsentation ihrer Einzelarbeiten über.

Grundlage für Kautenburgers Videoarbeit war ein Traumtagebuch. Die Künstlerin untersucht die bildlichen Elemente unserer medial geprägten Kultur und entwickelt daraus eine subjektive Medieninszenierung in einer ganz eigenen Ästhetik. Illustratorin Majer präsentiert 100 Zeichnungen aus einem kürzlich erschienen Buchprojekt. Die Tuschezeichnungen erzählen Witziges, Skurriles und Nachdenkliches.

Ein Hingucker sind die dicken schwarzen Punkte. Als Daumenkino wandert der Punkt im Buch von oben nach unten. In der Ausstellung bekommt der Besucher dafür eine Folie, die er auf jedes Werk legen kann und damit die Seitenzahl erhält. Dieses partizipative Element hat zwar keinen großen Sinn, wie Majer augenzwinkernd erzählt, aber der kleine Schabernack beteiligt die Betrachter und dürfte einiges Kopfzerbrechen bereiten.

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Weitere Termine und Eröffnungen Heute wird die SaarArt um 19 Uhr in Neunkirchen in der Städtischen Galerie eröffnet. Morgen folgen die Ausstellungen im Schloss Fellenberg in Merzig (19 Uhr) und am Samstag im Museum St. Wendel (18 Uhr). Seit gestern läuft die SaarArt auch in Saarlouis im Museum Haus Ludwig und im Forschungszentrum für Künstlernachlässe am Institut für aktuelle Kunst im Saarland (Berichte folgen). Das umfangreiche Rahmenprogramm mit Vorträgen, Konzerten und Performances an den 13 Ausstellungsorten findet man unter www.saarart11.de

Leider nur wenig Platz hat diese Skulptur von Sigrún Ólaffsdóttir in der Schlosskirche.
Leider nur wenig Platz hat diese Skulptur von Sigrún Ólaffsdóttir in der Schlosskirche.