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Saarbrücker Stadtgeschichte
Französische Visionen, deutsche Traditionen

Saarbrücken. Im Stadtarchiv hielt Clemens Zimmermann einen Vortrag über Saarbrückens Stadtplanung nach 1945. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Am Ende mussten gar noch ein paar Stühle in den Saal hineingetragen werden, so groß war das Interesse vorgestern Abend im Saarbrücker Stadtarchiv an Clemens Zimmermanns Vortrag über „Politische Konflikte um die Saarbrücker Stadtplanung nach 1945“ – es war der letzte der dortigen Vortragsreihe über neue Forschungsergebnisse zur hiesigen Stadtgeschichte. Nicht alleine der Andrang überraschte: Ein derart engagiertes, kundiges Publikum sah man selten. Insoweit strafte die anschließende Diskussion über Zimmermanns Thesen jene Lügen, die glauben, dass es mit der Bürgergesellschaft heute nicht mehr zum Besten steht. Im Mindesten lässt sich nach diesem Abend also sagen, dass Ausnahmen die Regel bestätigen.


Zimmermann, Professor für Kultur- und Mediengeschichte an der Universität des Saarlandes, zeichnete die Nachkriegskontroverse um die Neuordnung Saarbrückens nach. „Wiederaufbau oder Reconstruction?“ überschrieben, machte sein Vortrag einleitend die Dimensionen des damaligen Projekts deutlich: Demnach belief sich der Wiederaufbau Saarbrückens Schätzungen zufolge auf 300 Millionen Reichsmark (was heute in etwa 100 Millionen Euro entspräche). Die französischen Urbanisten um Georges-Henri Pingusson sahen laut Zimmermanns Akten- und Plänestudium in ihrer funktionalistisch geleiteten Stadtplanung einen „Totalumbau der Stadt“ vor, die „Ausdruck eines extremen Rationalismus’“ im Zeichen eines effektiven, handelsorientierten Transportsystems nebst markanter Trabantensiedlungen gewesen sei.

Bekanntlich kam es anders: Auf Betreiben der stärker Wünschen und Bedürfnissen vor Ort Rechnung tragenden lokalpolitischen Kräfte setzte sich ein Konzept behutsameren Wiederaufbaus durch, dem der tabula-rasa-Ansatz Pingussons fernlag. Die etablierte Bodenordnung ward (nicht zuletzt auf Betreiben einflussreicher Grundstücksbesitzer) erhalten; historische Gebäude erneuert, vorhandene Blockstruktur jedoch partiell beseitigt. Anstelle urbanistischer Radikalität propagierte man eine vom Bemühen um Ausgleich getragene Planungspolitik aus forciertem Wiederaufbau einerseits und konfliktscheuer Schonung andererseits.

Schon damals setzte sich insoweit das im Rückblick eher zwiespältig zu bewertende „Prinzip permanenter Improvisation“ (Zimmermann) durch. Wobei sich die Stadtväter das urbanistische Konzept einer „Kolonisierung der Stadt durch das Auto“ (Zimmermann) in den 50ern dann noch quasi zu eigen machten: Die Stadtautobahn drückt sich auch ein halbes Jahrhundert danach noch menetekelhaft an die Saar. Dass der Bund sie zu 75 Prozent finanzierte, macht die Sache nicht besser. Andererseits erforderte die „miserable Verkehrs­infrastruktur Saarbrückens“ schnelles Handeln, worauf Stadtarchivleiter Hans-Christian Herrmann hinwies.

Die französischen Stadtplaner hätten im Unterschied zu den deutschen zwar im Zeichen der architektonischen Internationalen Moderne Ideen geliefert, jedoch seien ihre Visionen auch mangels des nötigen Fremdkapitals gescheitert, bilanzierte Clemens Zimmermann. Ein eigenes Forschungsprojekt wäre es wert, die unklare Rolle des französischen Hochkommissars Gilbert Grandval in der stadtplanerischen Dekade vor der Zweiten Saarabstimmung 1955 zu untersuchen, regte er an. Desgleichen einen Vergleich der damaligen Saarbrücker Entwicklung mit der anderer deutscher (und französischer) Städte sowie eine detailliertere Untersuchung der Rolle der Saarbrücker Kaufmannschaft und Grundstücksbesitzer beim Wiederaufbau Saarbrückens.



Insbesondere Zimmermanns These, dass die Urbanisten um Pingusson in ihren Plänen eine „koloniale Attitüde“ an den Tag gelegt hätten, bestimmte die nachfolgende Diskussion – wobei sich Für und Wider in den Wortbeiträgen die Balance hielten.