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Jahresrückblick 2017 Kultur
Farbenspiele, Festivalsorgen und ein ganz großes Aufatmen

Bunte Kunst der Amerikanerin Pae White empfängt die Besucher der neuen Modernen Galerie des Saarlandmuseums. Die Wiedereröffnung des Hauses war das große Kulturereignis an der Saar in diesem Jahr. Für 2019 ist eine große Doppelausstellung Rodin/Nauman geplant.
Bunte Kunst der Amerikanerin Pae White empfängt die Besucher der neuen Modernen Galerie des Saarlandmuseums. Die Wiedereröffnung des Hauses war das große Kulturereignis an der Saar in diesem Jahr. Für 2019 ist eine große Doppelausstellung Rodin/Nauman geplant. FOTO: Robby Lorenz
Saarbrücken. Ein Rückblick auf das Kulturleben 2017 im Saarland. Endlich wurde das Kapitel „Vierter Pavillon“ abgeschlossen, und das Saarländische Staatstheater hat einen neuen Intendanten. Von Tobias Kessler
Tobias Kessler

Das große, das ganz große Aufatmen – und das nach Hängen und Würgen, jahrelang. Die Eröffnung des erweiterten Saarlandmuseums mit dem „Vierten Pavillon“ am 18. November war das große Kulturereignis 2017 an der Saar. Beim Festakt strahlte man kollektiv, die angereiste Kultur-Staatsministerin Barbara Grütters (CDU) sprach angesichts des Pavillons gar von einem „Kathedralenraum“ – (fast) vergessen waren da die achtjährige Bauzeit, in den Himmel steigende Kosten und zwei Untersuchungsausschüsse, die sich mit herumgeschobenen Verantwortungen, Vettern- und Günstlingswirtschaft beschäftigten. Nun ist der Pavillon da, die Begeisterung ist groß, und die Besucher strömen (freier Eintritt noch bis 31. Dezember). Für 2019 ist ein spektakuläres Doppel-Ausstellungsprojekt geplant: Die Kunst von Auguste Rodin (1840-1917) soll mit der des Amerikaners Bruce Nauman (76) in der Modernen Galerie zusammenfinden.



Wenige Meter weiter im Saarländischen Staatstheater tat sich auch einiges: Die Intendantin Dagmar Schlingmann verließ Saarbrücken nach elf Jahren, begleitet von vielen ihrer Bühnenkollegen, und wechselte zum Staatstheater Braunschweig – Bodo Busse ist ihr Nachfolger in Saarbrücken, zuvor war er Intendant am Landestheater Coburg. Seine erste Saarbrücker Spielzeit, vollmundig mit „O Lust des Beginnens!“ überschrieben, läutete Busse mit Rossinis Oper „Guillaume Tell“ ein. Es folgten, unter anderem  Elfriede Jelinek und „My fair Lady“, „Die kleine Hexe“ als Weihnachtsstück und ein „Winnetou“-Hörspiel, im Januar kommen die „Blues Brothers“. Busses Intendanz verspricht Buntes.

„Bunt“ war geradezu programmatisch für ein neues Festival namens „Colors of Pop“, unterstützt vom Land mit 350 000 Euro und kuratiert von Thilo Ziegler. Der erfahrene Festivalmacher („Rocco del Schlacko“, „Electro Magnetic“) hatte für das elftägige Festival eine Art regionale Leistungsschau im Sinn;  es gab Konzerte, Lesungen, Ausstellungen, Filmvorführungen (darunter eine Horrorkomödie, gezeigt in einem Beerdigungsinstitut) und einiges mehr. Das wirkte mitunter wie ein großes Sammelsurium, zumal Kleinsttermine und Veranstaltungen, die ohnehin stattgefunden hätten, unter dem großen „Colors of Pop“-Festivalbegriff liefen. Jeder durfte mitmachen, irgendwie war alles „Pop“. Etwas beliebig vielleicht, aber es gab manche Glanzlichter – den Auftakt mit Poetry-Slam im Staatstheater etwa, den Konzert/Kino-Hybriden „Cinefonie“ im Garelly-Haus, und ein Band-Marathon mit 14 Konzerten in Saarbrücken. 21 000 Besucher zählte Ziegler am Festival-Ende und zeigte sich zufrieden. Auf eine neue Ausgabe kann man sich freuen, die von einem festen Festivalclub profitieren würde, einem abendlichen Zentrum.

Wem es angesichts dieser „Colors of Pop“ dann doch zu bunt wurde, waren die Macher der Musikfestspiele Saar. Denn jene 350 000 Euro, mit denen Kulturminister Ulrich Commerçon (SPD) und Saar-Toto das „Colors of Pop“ unterstützten, flossen zuvor zum großen Teil zu den Musikfestspielen – jetzt nicht mehr. Die 2017er Ausgabe, die sich China widmete, war mit rund 20 Konzerten schon deutlich übersichtlicher als früher, auch wenn sie etwa das Shanghai Opera House und das Suzhou Symphony Orchestra für Verdis „Aida“ an die Saar holte und insgesamt um die 30 000 Gäste zählte. Die größte Überraschung war allerdings etwas, was Musikfestspiele-Chef Robert Leonardy seit Jahren immer ankündigte, dann aber gerne wieder relativierte und verschob: seinen Abschied von der Leitung des Festivals. Im August gab der 77-Jährige den Stab weiter an Sohn Bernhard. Der Organist soll die Musikfestspiele nun weiterführen. Als erste Amtshandlung hat sich Leonardy der Jüngere von den oft doch sehr biegsamen Länder-Motti verabschiedet; kompakter soll das Festival werden, sagt er und will schon 2018 eine Brücke ins Festspiele-Jahr 2019 schlagen: mit Requien von Mozart und Fauré in Verdun mit einem deutsch-französischen Ensemble.

Da könnte es bei Klassikfreunden vielleicht zu akuter Festival-Verwechslung kommen, denn 2018 soll auch ein neues Klassikfestival an den Start gehen, das die Landesregierung 2016 versprochen hat. Offiziell verkündet wurde dazu zuletzt nichts mehr, aber gerüchteweise soll die Staatskanzlei beim Staatstheater angefragt haben, ob das Festival dort andocken könne. Intendant Busse habe dies „im Prinzip“ bejaht, hieß es. Wäre er dann nicht ein passender Festivalchef? Es bleibt spannend.



Spannend war meist auch die Kunst der SaarArt 11. Die alle vier Jahre stattfindende Landeskunstausstellung (30 000 Besucher diesmal) zeigte Werke von knapp 90 Künstlerinnen und Künstlern, die leider mindestens eines verband: Sie erhielten, gängige Praxis bei solchen Veranstaltungen auch anderswo, kein Honorar.

Erfreulicher: Im Januar erlebte  Svenja Böttger, neue Leiterin des Filmfestivals Max Ophüls Preis, ein gelungenes Debüt. Im März öffnete das „Forschungszentrum  für Künstlernachlässe“ am Institut für aktuelle Kunst in Saarlouis – dort werden nun Nachlässe regionaler Künstler erfasst und ausgestellt. Und doch endete das saarländische Kulturjahr traurig: einmal durch den Tod des Merziger Verlegers und Politikers Alfred Diwersy (siehe Chronik) und durch den Kollaps des renommierten Saarbrücker Jazzfestivals: Musiker warten auf ihre Gage, Geld fehlt, der künstlerische Leiter ist abgetaucht, das Festival wohl am Ende.       

Das „Forschungszentrum für Künstlernachlässe“ in Saarlouis wurde im März eröffnet: Jo Enzweiler (vorne), Kulturminister Ulrich Commerçon (r.) und Oberbürgermeister Roland Henz, der im November gestorben ist.
Das „Forschungszentrum für Künstlernachlässe“ in Saarlouis wurde im März eröffnet: Jo Enzweiler (vorne), Kulturminister Ulrich Commerçon (r.) und Oberbürgermeister Roland Henz, der im November gestorben ist. FOTO: Forschungszentrum für Künstlernachlässe
„Colors of Pop“: Der Künstler O.W. Himmel im Historischen Museum Saar, bei der Vernissage seiner Ausstellung „Im Plattenland – Vinyl ist Kunst!“.
„Colors of Pop“: Der Künstler O.W. Himmel im Historischen Museum Saar, bei der Vernissage seiner Ausstellung „Im Plattenland – Vinyl ist Kunst!“. FOTO: Rich Serra
Der derzeitige Intendant des Landestheaters Coburg, Bodo Busse wird zur Spielzeit 2017/18 neuer Generalintendant am Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken.  Foto: Rich Serra
Der derzeitige Intendant des Landestheaters Coburg, Bodo Busse wird zur Spielzeit 2017/18 neuer Generalintendant am Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken. Foto: Rich Serra FOTO: Rich Serra / Foto © Rich Serra - www.rich-se