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Eine Doku-Fiktion spielt die Unabhängigkeit des Saarlandes durch
Es lebe die Republik des Saarlandes

Michael Koob und seine Frau Caroline (Produzentin und Co-Drehbuchautorin) in ihrem Studio im Kulturzentrum am Eurobahnhof in Saarbrücken.
Michael Koob und seine Frau Caroline (Produzentin und Co-Drehbuchautorin) in ihrem Studio im Kulturzentrum am Eurobahnhof in Saarbrücken. FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. Der saarländische Filmemacher Michael Koob spielt in seiner Dokufiktion „Das Statut“ durch, wo das Saarland heute stünde, hätte das Saarstatut 1955 die Unabhängigkeit des Landes gebracht. Ende 2018 soll der Film, in dem auch die erste Garde der Saar-Politik mitspielt, fertig sein. Von Christoph Schreiner

Das Saarland ist und bleibt ein Vorzeigeland. Nicht nur, dass sein Einwanderungsgesetz europaweit als vorbildlich gilt und sich das Land auch als Filmstandort in der Welt einen Namen gemacht, sodass Steven Spielberg seinen nächsten, Johannes „JoHo“ Hoffmann gewidmeten Kinofilm hier drehen wird, wie der aus Niederwürzbach stammende Hollywood-Filmausstatter Bernhard Henrich gerade mitgeteilt hat. Einmal mehr hat auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel bei ihrem jüngsten Staatsbesuch im Saarland dessen maßgebliche Rolle als europäische Metropole unterstrichen. Kein Wunder, dass andere Zwergstaaten wie Monaco und Lichtenstein neidvoll unsere Vorreiterrolle anerkennen. Großes entsteht im Kleinen, das weiß man inzwischen.


Wichtige europäische Institutionen haben ihren Sitz in Saarbrücken, das überdies als Wissenschaftsstandort das Silicon Valleys Europas ist. Es geht uns also richtig gut. Umso wichtiger ist es, daran zu erinnern, dass wohl alles anders gekommen wäre, hätte sich das Saarland nicht 1955 mit großer Mehrheit für seine Unabhängigkeit entschieden. Hätte, könnte, wäre – eine Dokufiktion des saarländischen Filmemachers Michael Koob spielt genau dies durch. Noch sind erst Teile seiner Realsatire „Das Statut“ abgedreht, doch alleine der fünfminütige Trailer, den Koob daraus zusammenmontiert hat, zeigt, welches komische, aber auch politische Potenzial darin steckt.

Seit die Saarländer 1955 mit gut Zweidrittelmehrheit gegen das von der Regierung „Joho“ favorisierte Saarstatut (und damit gegen die Unabhängigkeit des Landes) votierten, ist bis zum heutigen Tag an Küchentischen und auf Podien genau dieses „Was wäre, wenn es damals anders gekommen wäre?“-Spiel immer wieder durchexerziert worden. „Jeder hat sofort eine Meinung zum Saarstatut“, sagt Koob. In seinem Film dreht er die historische Realität um und spielt konsequent durch, welchen Weg die saarländische Identität genommen hätte, wäre hier ein europäischer Zwergstaat à la Luxemburg entstanden.



Szene aus Michael Koobs „Das Statut“: In seiner Dokufiktion steht 60 Jahre nach der Staatsgründung des Saarlandes ein neues Referendum an, in dem über einen EU-Austritt des europäischen Vorzeigestaats entschieden werden soll.
Szene aus Michael Koobs „Das Statut“: In seiner Dokufiktion steht 60 Jahre nach der Staatsgründung des Saarlandes ein neues Referendum an, in dem über einen EU-Austritt des europäischen Vorzeigestaats entschieden werden soll. FOTO: Michael Koob

Die Qualität des Projekts besteht in der Verzahnung historischen Filmmaterials aus den 50ern und 60ern mit Zeitzeugen-Interviews und Spielszenen sowie allerlei kuriosen Umdeutungen und Verfremdungen der Landesgeschichte im Zeichen der Grundidee eines seit über 60 Jahren bestehenden eigenen Staats mit internationalem Flair. Koob: „Wir erzählen das als Zeitreise so, wie es hätte sein können.“

Im Stil von Robert Zemeckis’ Kinoklassiker „Forrest Gump“ montiert er mit Hilfe eines befreundeten Special-Effects-Fachmanns (ein in Berlin lebender Saarländer, was sonst?) Archivaufnahmen um, sodass etwa beim Grand-Prix-Sieg Nicoles auf der Anzeigetafel „douze points Sarre“ erscheint, Pop-Art-Gott Andy Warhol auf Galeriesuche durch Uchtelfangen schlurft oder sich Uwe Conrath, Direktor der Landesmedienanstalt, über den TV-Sender „Radio Television de la Sarre“ auslässt. Selbstredend wird, wenn der Film idealerweise Ende 2018 im Kasten und geschnitten ist, auch ein US-Präsident im europäischen Vorzeigestaat Station gemacht haben. Die erste saarländische Polit-Garde hat Koob für sein Projekt bereits gewonnen: In den abgedrehten Interviews mit Heiko Maas, Ulrich Commerçon oder Oskar Lafontaine steigen diese in die Fiktion mit ein und treten als saarländische Staatsmänner auf. Die Frage, wer den Außenminister des Saarlandes gibt, hat sich ja glücklicherweise nun auch erledigt: Koob braucht quasi nur noch einen Schriftzug à la „Republik Saarland“ auf Maas’ Diplomatenflieger drüberzulegen.

Das Casting für die Rollen von „Joho“ und des französischen Hochkommissars Gilbert Grandval, die vor der Saarabstimmung 1955 im Sender „Europa 1“ in Berus und im Saarbrücker Pingussonbau bei Cognac und Zigarren zusammenkommen sollen, steht noch aus. Klar ist hingegen, wohin sich der am Ende wohl 90-minütige Kinofilm dramaturgisch entwickeln soll: Im Staate Saarland steht aktuell ein neues Referendum an, in dem es um die Frage „Austritt aus Europa oder nicht?“ geht. Pro-Europa-Aktivisten (gespielt etwa von Martin Brambach und SST-Schauspieler Ali Berber) treffen da auf europamüde „Saar­exit“-Anhänger. Spätestens hier wird die politische Dimension von „Das Statut“ deutlich. Geht es Koob und seiner Frau Caroline, Produzentin und Co-Drehbuchautorin, letztlich doch auch darum, für die europäische Idee zu werben.

Weil sie mehr als eine trashartige Satire planen, sollen Interviews mit dem Saarbrücker Historiker Rainer Hudemann, der Politologin Ulrike Guerot oder dem Brüsseler Ex-ARD-Journalisten Rolf-Dieter-Krause eine Brücke zwischen Realität und Fiktion schlagen und die Zukunft des Projekts Europa problematisieren. Im Zeichen von Brexit, Trump und eines wachsenden Nationalismus allenthalben. „Diese politische Dimension braucht der Film, um nicht nur im Regionalen stecken zu bleiben“, umreißt Koob das Konzept. Einerseits wird „Das Statut“ nicht mit Situationskomik geizen. Etwa wenn Smudo von den „Fantastischen Vier“ (sein Bandkollege Thomas D war im realen Leben Trauzeuge der Koobs und lebte mit Koob ein Jahr in seiner Eifel-Kommune) mit seinem Privatflieger ins Saarland exiliert, um sich hier einbürgern zu lassen. Oder wenn ausgerechnet Flüchtlinge aus Bayern (ein kleiner Seitenhieb in Richtung des neuen Heimatministers Seehofer?) ins Wohlstandsland Saarland pilgern. Andererseits aber verspricht „Das Statut“ auch eine zeitgeschichtliche Reflexion mit Tiefgang zu werden.

Alles fein also? Nein. Nur lausige 30 000 Euro an Fördergeldern (im Wesentlichen von der Saarlandmedien GmbH und dem Kultusministerium) hat das Projekt bislang einsammeln können. Ein Föderantrag bei der RAG-Stiftung läuft noch. So schließt sich der Kreis: Koobs Low-Budget-Film entsteht nun mal wo? Eben: im Saarland.