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„Es ist eine Revolution, Susi!“

 T.C. Boyle (70) Anfang Februar in Berlin.   Foto: Britta Pedersen/dpa
T.C. Boyle (70) Anfang Februar in Berlin.  Foto: Britta Pedersen/dpa FOTO: dpa / Britta Pedersen
Saarbrücken. Auf der Höhe seiner Kunst: T.C. Boyles neuer Roman „Das Licht“ kreist um Timothy Leary, Vater der Hippie-Bewegung & LSD-Guru. Von Ulrich Steinmetzger

Fitz hatte sich langsam hineingesteigert. Als er noch Schulpsychologe war in der kleinen Stadt am Hudson, frisch liiert mit Joanie und stolz auf seinen kleinen Sohn Corey, waren ein Brandy aus dem Portionierer und ein Bier das Äußerste gewesen. An ganz verwegenen Abenden kam noch ein Cocktail hinzu. Dann aber hatte er sein Leben in die Hand genommen und war in den Wissenschaftsbetrieb eingestiegen. Es folgenreich zu nennen, dass in Harvard ausgerechnet Timothy Leary (1920–1996) sein Doktorvater wurde, wäre eine maßlose Untertreibung. Schon nach der zweiten Session bei ihm wurden gewisse Veränderungen an Fitz beobachtet: „er sei draußen herumgerannt, habe Jackett und Hose ausgezogen und heftige Zusammenstöße mit der unbelebten Welt gehabt“. Die allerdings hatten dann höchstens noch am Rande mit Alkohol zu tun.


Timothy Learys Spezialgebiet waren die stärkeren Drogen. Der Witwer hatte seine Frau durch Suizid verloren, wandte sich danach mit Verführerlächeln und auch mit seinem weiter unten gelegenen Teil allen anderen weiblichen Wesen in seiner Umgebung zu. „Was tun wir nicht alles für die Wissenschaft . . .“, begründete er das und verstand sich als Promoter, Guru und Impresario. Er meinte, dass mit LSD alle von der Gesellschaft aufgedrückten Rollen und Spielchen weggewischt werden könnten. Die Chemie muss stimmen. Deswegen rekrutierte er nach seinem Universitätsrausschmiss einen inneren Kreis, von dem er die bewusstseinsverändernden Kräfte der Substanzen nach Selbstversuchen genau protokollieren ließ. Er war so eine Art Konrad Lorenz und alle anderen die Gänse. Die fanden zunehmend Spaß bis zur Abhängigkeit an den sich immer mehr von der Forschung entfernenden Trips.

Timothy Leary ist eine historisch verbürgte Gestalt genau nach dem Geschmack des T. C. Boyle. So sehr, dass der fulminante Großerzähler mit ihr seinem Triptychon über die Grundbedürfnisse im allzu freien Land Amerika nun einen vierten Band hinzufügt. Nach dem Essen mit John Harvey Kellogg in „Willkommen in Wellville“, der Liebe mit Alfred C. Kinsey in „Dr. Sex“ und dem Wohnen mit Frank Lloyd Wright in „Die Frauen“ geht es nun um den Rausch. Wie immer wieder von „Grün ist die Hoffnung“ über „Drop City“ bis zu „Die Terranauten“ installiert Boyle zur Verdeutlichung und Bloßstellung der Mechanismen eine Inselsituation, eine Art Kommune neben dem Rest, wo sich ein paar Auserwählte um einen Charismatiker scharen. So spitzt er die Ereignisse zu und macht ihre Absurdität schön übersichtlich.



Wieder beginnt das in quasi großfamiliärer Idylle und führt dann über immer verworreneren Kuddelmuddel in die Katastrophe. Tim, wie Leary zugeneigt von allen genannt wird, ist ein Manipulator mit größtmöglichen organisatorischen Fähigkeiten. Immer wieder gelingt ihm die Anmietung großer Häuser für seine ichbezogenen Menschenversuche, zunächst 1962 in Cambridge, ein Jahr später in Zihuatanejo (Mexiko) und 1964 im Hitchcock Estate zu Millbrook (New York). Immer wieder musste die Karawane weiterziehen, weil diverse Kollisionen mit der jeweiligen Landbevölkerung unausweichlich waren. Weil Tim auch ein respektabler Geschäftsmann war, bot er bei Bedarf seine psychedelischen Therapien auch anderen an zur Stabilisierung seiner Haushaltskasse. Eine Schickeria aus Professoren, Dichtern, Geschäftsleuten kam, um unter seiner Anleitung zu schweigen, von den Männern des inneren Kreises in Weiß und den Frauen mit viel nackter Haut umschwirrt. Auch die Kinder bekamen ihre Anfängerdosis, damit sich unter den ins Nachbarhaus Abgeschobenen kein Szenario wie bei „Herr der Fliegen“ entwickelt. Der Schriftsteller Ken Kesey hat seinen Auftritt und der Jazztrompeter Maynard Ferguson. Allen Ginsberg, Aldous Huxley und Charlie Mingus huschen durch die Szenerie, wenn Tim seine Sakramente verabreicht, wozu moderner Jazz, Bach-Messen, vor allem endlose indische Ragas und später leider auch die Beatles als Signal für die „Infantilisierung Amerikas“ den Soundtrack geben. Immer wieder geraten Tims PR-Aktionen ins Visier der staatlichen Kontrollorgane. Klar, dass sich alles immer mehr steigert: „Tims Idee, Paare willkürlich zusammenzustellen, sollte die letzten verbleibenden Blockaden des Gruppenbewusstseins auflösen.“ Natürlich wird es vor diesem Hintergrund nichts mit den Dissertationsplänen von Fitz. Sie versinken ebenso im Nebel wie seine Ehe und die äußeren Ereignisse mit Kennedy-Mord, Vietnam und Black Panther.

Ein wenig schaumgebremst zieht T. C. Boyle die Register seiner überbordenden Erzählkunst im Dienste historischer Genauigkeit. Die beginnt mit einem Vorspiel 20 Jahre früher in Basel. Hier erprobte der distinguierte Wissenschaftler Dr. Albert Hofmann erstmals in einem Selbstversuch die Wirkung von LSD. Wie der sonst so Zugeknöpfte mit einem Lachanfall erwacht und seiner ihn still verehrenden Laborantin Hoffnungen macht, indem er sie unverhofft duzt, ist ein in sich geschlossenes Kabinettstück vom Feinsten: „Es ist eine Revolution, Susi“. Vor allem hier ist Boyle auf der absoluten Höhe seiner Kunst.

T. Coraghessan Boyle: Das Licht. Aus dem Engl. von Dirk van Gunsteren. Hanser, 384 S., 25 €