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Erst einladen, dann protzen

Brühl. Wie haben die Regierungen der DDR und der BRD die Kollegen bei Staatsbesuchen empfangen? Eine Ausstellung im Brühler Schloss Augustusburg bei Bonn zeigt es. Klar ist: Kommunisten und Kapitalisten liebten den Pomp gleichermaßen innig. Uli Traub

Wer hätte das gedacht: Die Chefs des Arbeiter- und Bauernstaates schlüpften gerne in die Rolle des Schlossherren. Ulbricht, Honecker und Co. störte es keineswegs, dass sie damit in preußische Fußstapfen treten mussten. Man wollte eben dem Klassenfeind im anderen Teil Deutschlands auch beim Thema glanzvolle Repräsentation das Wasser beziehungsweise den Sektkelch reichen können.


Eine Ausstellung im Schloss Augustusburg in Brühl, nördlich von Bonn, erinnert jetzt daran, wie die beiden deutschen Staaten ihre Staatsgäste empfangen haben. Schlösser bildeten dabei sowohl für die BRD als auch die DDR die Bühne. Mit Objekten und Fotos, Ton- und Filmsequenzen wird eine Zeit lebendig, die langsam in Vergessenheit zu geraten droht. Hauptdarsteller der Schau "Schlösser für den Staatsgast" ist - neben Augustusburg - das Berliner Schloss Schönhausen. Die Ausstellung zeigt Gemeinsames und Unterschiedliches, setzt Zeitgeschichte pointenhaft ins Bild und informiert dezidiert über die politischen Hintergründe. Das Projekt verdankt sich der Ost-/West-Kooperation der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg mit der Schlösserverwaltung in Brühl.

Die "Herren in Pankoff", so spottete Kanzler Adenauer über die Machthaber in Ost-Berlin, brauchten etwas länger, um Schönhausen auf der Karte der internationalen Politik zu platzieren. 1965 wurde der Sommersitz Elisabeth-Christines, der Gemahlin Friedrichs des Großen, zum Gästehaus der DDR umgebaut. Aber erst nach der Ratifizierung des Grundlagenvertrages 1972, der es der DDR ermöglichte, zu allen Staaten diplomatische Beziehungen zu knüpfen, war das Haus häufiger ausgebucht. Bis 1989 residierten hier 120 Mal Staatsgäste. Unter ihnen war 1972 auch Fidel Castro, für den Fitnessgeräte ins Schloss geschafft wurden. Vielleicht ein Grund für sein langes Leben.

Augustusburg, Sommerresidenz des Kölner Kurfürsten und Erzbischofs Clemens August, wurde dagegen nur für Empfänge genutzt. Rund hundert Staatsbesuchen bot das Schloss, das zum Weltkulturerbe gehört, die prunkvolle Kulisse - von der Amtseinführung des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss 1949 bis ins Jahr 1996, als die Bonner Republik nach Berlin umzog.

Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs stand man Spalier und schwenkte Fähnchen. "Wir wurden zu diesen Empfängen abkommandiert", erinnert sich Hartmut Dorgerloh, Generaldirektor der Preußenstiftung, an seine Zeit als Schüler in Ost-Berlin. Die Gäste wurden mit Hymnen, Bruderküssen (Ost) und Händeschütteln (West) begrüßt. Es folgte der Fototermin etwa im Treppenhaus von Balthasar Neumann (West) und meist auf dem Grünen Sofa (Ost), "auf dem die Staatsgäste wirkten wie bei einer misslungenen Therapiesitzung", frotzelt Dorgerloh. Geschenke wurden hüben wie drüben übergeben. Bundespräsident von Weizsäcker bekam vom thailändischen König ein Elefantenbaby. Äthiopiens Haile Selassie brachte eine Tischzier in Form einer Triumphsäule (mit Mercedes-Stern!) mit. Ob sich Erich Honecker über das Foto eines finnischen Präsidenten namens Urho Kekkonen gefreut hat? Oder über das Taj Mahal im Miniaturformat, das Indira Gandhi überreichte?



Leonid Breschnew wurde im Westen mit Kirsch- und Zwetschgenwasser beglückt. Und ein Stabfeuerzeug der Marke "Rowenta Butler" gab's noch obendrauf. Nach Ost-Berlin kam er trotzdem häufiger.

Höhepunkt der Ausstellung ist die reich gedeckte Festtafel. Hier wächst zusammen, was nie zusammengehörte. Porzellan, Besteck und Tischschmuck aus Ost und West vertragen sich trotzdem bestens. Auf DDR-Seite stehen indes nur drei statt sieben Polsterstühle. Eine private Berliner Management-Uni, die im Besitz des Mobiliars ist, zeigte sich wenig geschichtsbewusst. Der langjährige Chefkoch aus Schönhausen erzählt von der hohen Kunst der Improvisation, bei der sogar ein Lötkolben Verwendung fand. Auch im Westen mussten Hindernisse gemeistert werden. So wurde die Speisenfolge in Bonn vorgekocht und nach Brühl transportiert, 25 Kilometer weit. Im Schloss gab es keine Küche. Convenience Food der frühen Stunde.

"Bonzen-Barock"

Was die beiden deutschen Regimes einte - neben dem Wunsch nach außenpolitischer Anerkennung durch Repräsentation - war das Faible für Neo-Rokoko. Die DDR, die zunächst zeitgenössischem Mobiliar vertraut hatte, bestellte in den 70ern die Möbelpacker: Neues raus, alt Aussehendes rein. Der in Brühl ausgestellte Rote Salon täuscht Rokoko vor, ist aber "Bonzenbarock" und zeige, warum die DDR untergehen musste, so Hartmut Dorgerloh: "Mehr Schein als Sein." Die unbedingte Moderne war aber auch bei der BRD nicht erste Wahl. "In beiden Fällen bildet sich kein über längere Zeiträume geltender einheitlicher ‚Staatsstil' heraus", heißt es dazu im Katalog. Der Rückgriff auf die Vergangenheit gilt übrigens heute noch als adäquates Mittel zum Zweck. Das Barockschloss Meseberg in Brandenburg ist das Gästehaus der Bundesregierung. Aus den rivalisierenden Staatsschlössern Augustusburg und Schönhausen sind Museen geworden.

Bis 1. November. Informationen: www.schlossbruehl.de und Tel. (0 22 32) 440 00.

Blumig: die Gartenseite des Schlosses Augustusberg in Brühl. Foto: Ulli Traub
Blumig: die Gartenseite des Schlosses Augustusberg in Brühl. Foto: Ulli Traub FOTO: Ulli Traub