| 20:20 Uhr

Operetten-Premiere am Staatstheater
Eitel Walzerseligkeit und Champagnerlaune

Blick ins in schummriges Rot getauchte „Orpheum“, wo die Chansonette Sylva Varescu (Valda Wilson, Bildmitte) umjubelt wird.
Blick ins in schummriges Rot getauchte „Orpheum“, wo die Chansonette Sylva Varescu (Valda Wilson, Bildmitte) umjubelt wird. FOTO: Martin Kaufhold/SST / martinkaufhold.de ;Martin Kaufhold
Saarbrücken. Erik Petersens Version der Operette „Die Csárdásfürstin“ kommt am Saarländischen Staatstheater vor allem im zweiten Akt mächtig in Fahrt. Von Kerstin Krämer

„Habt Ihr gesehen? Mindestens 100 Autos vor der Tür. Man kommt kaum durch.“ Diese Zustandsbeschreibung wurde am Samstag vom Publikum heftig belacht. Denn sie kommt tatsächlich in Emmerich Kálmáns Operette „Die Csárdásfürstin“ vor, schilderte aber perfekt die reale Situation rund ums Saarländische Staatstheater (SST), wo sich vor Beginn der Vorstellung Schlangen vorm Parkhaus bildeten. Schuld an dem Verkehrschaos war aber nicht das Operettenfieber, sondern der angrenzende Alt-Saarbrücker Weihnachtsmarkt – dass im SST ausgerechnet bei dieser Premiere die Reihen etwas licht blieben, mag durchaus daran gelegen haben, dass nicht jeder Operettenfreund einen Parkplatz fand.


Denn eigentlich müsste diese Produktion überrannt werden: alles eitel Walzerseligkeit und Champagnerlaune, jedes Lied ein Gassenhauer. Dazu die lässige Nonchalance der K&K-Monarchie kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, die sich hier in der verruchten Noblesse eines Budapester Revuetheaters, in der herablassenden Légèreté eines Wiener Adelshauses und in der Lobby eines vornehmen Grandhotels etabliert – das alles macht die 1915 uraufgeführte „Csárdásfürstin“ (Libretto: Leo Stein, Béla Jenbach) zur perfekten Weltflucht aus dem grauen Alltag. Zumal Erik Petersens Inszenierung den Zauber des historischen Kolorits wahrt. Kaufen wir uns also die Welt, denn wer weiß schon, wie lange der Globus sich noch dreht!

Entsprechend verheißungsvoll geht’s los: Der Vorhang gibt den Blick frei auf die Showtreppe des in schummriges Rot getauchten „Orpheums“, wo die Chansonette Sylva Varescu (Valda Wilson) umjubelt wird. Danach wird einem schier schwindlig, was aber nicht an zu viel Crémant liegt, sondern an der Drehbühne, deren innerer und äußerer Teil umeinander kreisen: Die Showtreppe bildet im Hintergrund den halbrunden Rahmen, in der Mitte wirbelt das Ensemble – darunter „Die Mädis vom Chantant“, denn ganz ohne Weiber geht die Chose bekanntlich nicht; dazu männliche Nachtschwärmer, Tänzer und Akrobaten (Choreographie: Sabine Arthold). Noch eine Drehung weiter, und wir blicken hinter den Kulissen in die Künstlergarderoben des Orpheums, die in die Rückseite der Treppe integriert sind – Bühnenbildner Christof Cremer ist ein ebenso funktionaler wie wirkungsvoller Schauplatz gelungen. Auch die von ihm entworfenen Kostüme fügen sich prächtig ins zeitgeschichtlich luxuriöse Ambiente ein.



Dazu schnurrt das Orchester: Unter der schwungvollen Leitung von Justus Thoreau werden Stimmungen und Klangfarben schwelgerisch ausgekostet; vor allem die Walzer gelingen wunderbar duftig und schmissig. Schummrig wird’s einem außer vom Dreivierteltakt auch angesichts der komplizierten Beziehungskisten der Protagonisten. In diesem Gefühlskarussell stimmt eigentlich alles, und dennoch wirkt das Ganze seltsam unterkühlt, die Stimmung will sich partout nicht übertragen. Vielleicht liegt‘s an der doch ziemlich hermetischen Bühnensituation; vielleicht daran, dass die Sänger mehrheitlich mit Microports unterwegs sind und teils einen erheblichen, nur leider keinen ungarischen Akzent haben – das alles schafft Distanz. Auch mag man Valda Wilson das verführerische Teufelsweib in Hotpants nicht recht abnehmen: Körperlich bleibt sie eher geziert als lasziv und verbreitet eine derartige Eleganz, ja geradezu majestätische Aura, dass sich ihr glühender Verehrer Edwin (Algirdas Drevinskas) daneben wie ein linkischer Bub ausnimmt – ein komischer Kontrast, den Drevinskas durch sein humoriges Spiel absichtlich befördert. Stimmlich sind beide ein schönes Paar: Wilsons glitzerndem, elastisch vibrierenden dramatischen Sopran mit spröden Tiefen setzt Drevinskas einen wunderbar unforcierten und warm timbrierten Tenor entgegen.

 Im zweiten Akt (geringe Umbauten haben die Szenerie in Edwins Wiener Elternhaus verwandelt) wird alles besser: Endlich prickelt‘s, in intimeren Szenen und innigen Duetten rücken die Liebeskapriolen und das Verhandeln von Standesunterschieden näher heran. Vor allem aber kommen Akteure ins Spiel, die das Publikum im Nu erobern – Marie Smolka als Edwins Cousine Stasi etwa: Die lyrische Sopranistin verkörpert die Rolle der versetzten Braut mit soviel ungebremstem Temperament, Witz und nuancierten Tönen, dass es eine Freude ist. Und was Gabriela Krestan und Rudolf Schasching als Edwins Eltern, das Fürstenpaar von und zu Lippert-Weylersheim, hinlegen, ist schlicht grandios: Die beiden langjährigen SST-Größen geben zwei herrliche Schranzen mit ausgeprägtem Wiener Schmäh. Neben diesen köstlichen Charakterstudien bleiben der Tenor Simeon Esper als Graf Boni Káncsiánu und Stefan Röttig (Bariton) als Feri Bácsi notgedrungen eher blass. Am Ende möchte man wirklich tanzen und jauchzen, während tausend kleine Engel singen: „Habt euch lieb!“

Wieder am 7., 9., 12., 15., 18. und 28.12.; Karten: (06 81) 30 92 48 6.