| 21:05 Uhr

Doku „Bloß keine Tochter!“ auf Arte
Eine Welt mit immer weniger Frauen?

Das Ungleichgewicht der (hier sauber voneinander getrennten) Geschlechter in einer indischen Schulklasse.   
Das Ungleichgewicht der (hier sauber voneinander getrennten) Geschlechter in einer indischen Schulklasse.   FOTO: © Dorothe Dörholt / Dorothe Dörholt
Saarbrücken. Die Dokumentation „Bloß keine Tochter!“ der saarländischen Regisseurin Dorothe Dörholt erzählt von Männerüberschuss, Geburtenkontrolle, systematischer Gewalt gegen Frauen – und der Rolle der Entwicklungshilfe aus dem Westen. Von Tobias Kessler
Tobias Kessler

Ein schmerzlicher Film. Eine Inderin erzählt von sechs durch ihren Mann erzwungenen Abtreibungen in acht Jahren – Mädchen allesamt, denn die sind in Gesellschaften mit „Sohn-Präferenz“ nichts wert. Die Dokumentation „Bloß keine Tochter!“ beschäftigt sich mit dem Männerüberschuss vor allem in Asien; eine UN-Studie  schätzt, dass 177 Millionen Frauen weltweit fehlen. Dieses Ungleichgewicht bedroht Gesellschaften, China hat schon einen eigenen Begriff für Männer, die keine Partnerin finden: „kahle Äste“. Soziologen bescheinigen Gesellschaften mit Männerüberschuss eine gesteigerte Gewaltbereitschaft.


Jene Gewalt war der Anstoß des Films. Dorothe Dörholt, in Rappweiler geboren, Filmemacherin und Psychologin, hatte eine Dokumentation über Vergewaltigungen in Indien gedreht – für die Produktionsfirma von Antje Christ, die jetzt Co-Regisseurin ist von „Bloß keine Tochter!“. Nach Gesprächen über den Zusammenhang der Vergewaltigungen mit dem Männerüberschuss begannen sie eine Recherche, die sie überraschte – ihr Film stellt nun einen Bezug her zwischen dem Geschlechterungleichgewicht und der Entwicklungshilfe, die sich humanitären Idealen verpflichtet fühlt, gleichzeitig aber, so die These des Films, ideologische Motive hat.

In den USA der 1960er, davon erzählt im Film der US-Historiker Matthew Connelly, grassiert die Angst vor der Bevölkerungsexplosion vor allem in den Ländern der Armen. Reiche Unternehmer-Familien wie  Rockefeller und Ford – „mit Wurzeln in der Eugenik-Bewegung“, sagt Dörholt – machen sich stark für die Einflussnahme des Westens. Gerne mit Druck: 1966 knüpft US-Präsident Lyndon B. Johnson Getreidelieferungen für das hungernde Indien an die Forderung nach Geburtenkontrolle. Premierministerin Indira Ghandi beugt sich: vor allem Arme werden zu Sterilisationen gedrängt, etwa mit einer finanziellen Belohnung in Höhe eines Monatslohns. In Südkorea beginnt Anfang der 1960er Jahre, finanziell unterstützt von den USA, eine Kampagne für Familienplanung. Der Film lässt vier Frauen von damals erzählen, als „Unser Land ist zu klein“ ein Motto war, Verhütungsmittel verteilt wurden und  Gesundheitsämter zu Abtreibungen ermunterten. „Wir haben abgetrieben“, sagt eine der Frauen, „wir dachten damals, wir tun das Richtige“.



In den 1970ern wächst in den USA die Angst vor einer Übermacht Chinas. 50 Millionen Dollar des UN-Bevölkerungsfonds fließen laut Film nach China, wo Deng Xiaoping die Ein-Kind-Politik einführt: mit Zwangsabtreibungen und Bestrafungen. Doch was bedeutet die Ein-Kind-Politik in einem Land ohne staatliche Rente, in dem der Sohn als Versorger der Eltern gilt? „Wer nur ein Kind bekommt, der stellt sicher, dass es ein Sohn ist“, heißt es im Film – wie, kann man sich denken. Die Folge: Männerüberschuss und eine drohende Vergreisung, weswegen China mittlerweile eine Zwei-Kind-Politik betreibt. Doch das grundlegende Problem der „Sohn-Präferenz“ besteht weiter – auch in Indien. Dort kann eine Tochter den Ruin einer Familie bedeuten, denn sie muss mit einem teuren Brautgeschenk in die Ehe gehen. Die Regierung hat mittlerweile die vorgeburtliche Geschlechtsbestimmung verboten – umso stärker blüht das Geschäft mit importierten US-Ultraschallgeräten, mit denen man privat feststellen kann, ob eine Frau einen Jungen oder ein Mädchen erwartet – und je nach Ergebnis zu einem Abtreibungsarzt geht.

Mit vielen Aussagen von Betroffenen und Forschern sowie historischen Bildern schildert „Bloß keine Tochter!“, wie die traditionelle Bevorzugung von Söhnen, der Druck von außen (aus dem Westen) und technische Möglichkeiten fatal ineinandergreifen; ein komplexes Gefüge, so dass man dankbar sein muss, dass die durchweg packende ArteDoku sich 90 Minuten Zeit lassen kann. „Solche Programmplätze sind sehr selten“, sagt Regisseurin Dörholt – für den WDR und das Schweizer Fernsehen hat sie zwei deutlich kürzere Schnittfassungen erstellt. Anderthalb Jahre arbeitete sie am Film, die Recherchen in Indien, USA, China und Südkorea waren schwierig. „Wer erzählt schon gerne vor der Kamera von seinen Abtreibungen oder von der erlittenen Gewalt?“, sagt Dörholt. Noch schwieriger waren die Nachforschungen bei Institutionen: Der UN-Bevölkerungsfonds, den der Film  dafür kritisiert, dass er Indira Ghandi nach Massen-Sterilisierungen und einen chinesischen General im Zuge der brutalen Ein-Kind-Politik auszeichnete, gab nur nach langem Abwiegeln ein Interview: im Film ein karges Statement eines sichtlich gereizten Pressesprechers. Die Rockefeller Foundation, eine Schlüssel-Organisation der Geburtenkontrolle, gab kein  Interview. Umso überraschender war die Reaktion des Rockefeller-Archivs, das von der kritisierten Stiftung unabhängig ist und das auch zeigte: „Ich konnte dort zweieinhalb Wochen sitzen und Boxen voller Unterlagen sichern. Eine unglaubliche Hilfe.“

Die Einflussnahme des Westens via Geburtenkontrolle sieht die Regisseurin, abseits des Humanitären, auch politisch motiviert: „Es war die Angst davor, dass sich etwa in Indien eine Milliarde Menschen zum Kommunismus verleiten lassen. Denkt man das Ganze böse weiter, könnte man sagen, dass es bei der Geburtenkontrolle auch darum geht, dass der Westen die Kontrolle der Ressourcen behält.“ Das grundlegende Problem bleibt für Dörholt die gesellschaftliche Position der Frau und die archaische Sohn-Bevorzugung. „Die besten Mittel zur Geburtenreduktion sind Bildung und wirtschaftliche Sicherheit. Wenn Frauen mehr Zugang zu Bildung bekommen und es mehr wirtschaftliche Sicherheit gibt, haben sie automatisch weniger Kinder.“ Die Millionen der Entwicklungshilfe müsste man dort investieren,  „anstatt die Länder mit Verhütungsmitteln zu überschwemmen.“

Dienstag, 20.15 Uhr, Arte. Danach bis 26. Juni in der Mediathek zu sehen.