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Musical am Staatstheater
Eine Musical-Romanze? Mann drillt Frau

Tobias Licht ist aus dem Fernsehen bekannt und spielt jetzt am Saarbrücker Theater Professor Higgins, der das Blumenmädchen Eliza (Herdis Anna Jónasdóttir) mit ziemlich viel Drill zu einer Dame von Welt macht.
Tobias Licht ist aus dem Fernsehen bekannt und spielt jetzt am Saarbrücker Theater Professor Higgins, der das Blumenmädchen Eliza (Herdis Anna Jónasdóttir) mit ziemlich viel Drill zu einer Dame von Welt macht. FOTO: Martin Kaufhold / martinkaufhold.de
Saarbrücken. Mehr Schmerz als Herz: Am Samstag hat am Saarbrücker Staatstheater „My fair Lady“ Premiere. Wir waren bei einer Probe. Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

Mancher wird sich bei der Premiere am Samstag mal kurz kneifen: Wo bin ich? Zurück in den Sixties, auf dem Sofa bei Tante Trude, während im Fernsehen zwei Männer im Frack ein graziöses Etwas in weißer Abendrobe eine Showtreppe hinunter geleiten? Zuvor haben die drei  „Es grünt so grün“ geschmettert, und gleich wird das zur Frau von Welt umerzogene Blumenmädchen Eliza ihre weltberühmte Erkennungsmelodie anstimmen, die Hymne aller Frauen, die sich einmal in ihrem Leben wie eine Prinzessin fühlen durften: „Ich hab’ getanzt heut Nacht, die ganze Nacht heut’ Nacht“. Bei diesem Song überpudert Herdis Anna Jónasdóttir ihre glockenhelle Stimme mit Hauchlauten. Und alle tragen wunderbar adrette Kostüme, als seien sie einem Historienschinken entstiegen. Ach, ist das schön! Aber ist so viel Retro-Charme auf einer Staatstheater-Bühne noch statthaft? Denn wenn fortschrittliche Musicalbesucher eines nicht mehr erwarten, dann das: Dass ihre heimliche Sehnsucht nach prunkvoller Ausstattung, nach Herzschmerz-Pathos und geistvollen, aber harmlosen Pointen je wieder gestillt werden könnte. Die Saarbrücker „My fair Lady“ wird sie eines Besseren belehren. Denn Gast-Regisseur Thomas Winter ist sich ganz sicher: Diese  Erziehungs- und Emanzipationsgeschichte aus dem Jahr 1912 übersteht keine Reise ins 21. Jahrhundert, obwohl sie auch heute in Neukölln spielen könnte: Zwei Wissenschaftler wetten, ein Mädchen aus dem Prekariat in sechs Monaten so zu trainieren, dass sie von der Oberschicht als eine der ihren akzeptiert wird. Das Konstrukt hat, wie Winter meint, allerdings einen entscheidenden Haken: „Heute würde Eliza, um ihren sozialen Aufstieg zu organisieren, nicht bei einem Phonetik-Professor Sprechunterricht nehmen, sondern zur Abendschule gehen. Standesunterschiede funktionierten nicht mehr allein über die Sprache.“


Wir treffen den Regisseur am Rande einer Bühnen- und Orchesterprobe. Erst seit rund fünf Jahren beschäftigt sich Winter, der als Sänger einer Soulband startete, mit Musical-Regie. In Bielefeld gab man ihm die Chance zu inszenieren, zwischenzeitlich ist er dort Musical-Hausregisseur und war auch schon für die Oper Graz oder die Oper Chemnitz tätig. Schon länger bestanden Kontakte zum Saarbrücker Intendanten Bodo Busse, doch eine Verpflichtung an dessen früheres Coburger Haus, das angeblich eine Art „Broadway“ im Unterhaltungsfach war, scheiterte an Terminproblemen. Nun bot Busse Winter am SST den Klassiker „My fair Lady“ an.

Was reizte Winter am Stoff? Der Regisseur bringt sehr oft Bernard Shaw  in die Argumentation, den Autor des Schauspiels „Pygmalion“ (1913), auf dem Frederick Loewes Musicalhit von 1956 beruht. In „Pygmalion“ erschafft sich ein Mann sein Frauenideal – und bleibt allein zurück. Kein Happy End, obwohl „Romanze“ drüber steht, dieser Gedanke reizte Winter: Dass da einer nicht den Menschen an seiner Seite liebt, sondern sein Bild von ihm, sprich die eigene Schöpferkraft. Higgins sei „ein erfolgreicher Einzelgänger, in seinem Job extrem engagiert. Er ist zu keinen sozialen Kontakten fähig.“ Voilà, da ist sie, die moderne Figur, sie braucht kein Handy. Im SST spielt der aus dem ZDF bekannte Tobias Licht (,,Die Spezialisten“) den Higgins: einen ungewöhnlich temperamentvollen ganzen Kerl, ungeduldig, aufbrausend, arrogant. Er unterwirft Eliza einem drastischen Drill, verkennt ihre Zuneigung und ihre Nöte, denn er macht sie sozial heimatlos. Diese nahezu ungebrochen unsympathische Einfärbung der Higgins-Rolle verblüfft im ansonsten vertrauten Charakter-Tableau.



Doch Winter hat an noch mehr Stellschrauben gedreht, hat die Spieldauer gekürzt, und er lässt Higgins in einer Art Rückschau als Erzähler durchs Geschehen führen. Trotzdem soll das Ganze nicht als „Lehrstück“ rüberkommen, gleichwohl Winter Gefallen daran hat, den Zuschauer darüber nachdenken zu lassen, warum er sich das Happy End von zwei Menschen wünscht, die „auf zwei unterschiedlichen Gleisen fahren“ und sich gegenseitig wohl unglücklich machen würden, wenn sie zusammen leben müssten. So gesehen hat das Wintersche Musical-Praliné einen überraschend bitteren Kern.,,

Die Premiere am 9.12., 19.30 Uhr, Großes Haus, ist ausverkauft. Weitere Termine: 12.12., 15.12., 20.12., 2912., 31.12. Tel. (06 81) 30 92 486.

Thomas Winter
Thomas Winter FOTO: Martin Kaufhold