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Gerüchte um Ophüls-Doku „Germania“
Ein Skandal, der keiner ist

Saarbrücken/Wien/München . Haltlose Empörung: Die nachträgliche Kritik an der Ophüls-Wettbewerbsdoku über das Münchner Corps „Germania“ ist fehl am Platz.

Während das 39. Ophüls-Filmfestival in den überregionalen Medien (außer in dürren Agenturmeldungen) bislang weitestgehend nicht stattgefunden hat, ist eine in Saarbrücken im Dokumentarfilm-Wettbewerb zu sehen gewesene Doku über das Münchner Germania-Corps gewissermaßen indirekt nun noch einmal in den Fokus gerückt.



Vorgestern wurde bekannt, dass in Österreich die dortige Burschenschaft gleichen Namens aufgelöst werden soll, nachdem bei ihr ein Liederbuch gefunden worden war, in dem die NS-Zeit verherrlicht und zum Judenmord aufgerufen wird. In diesen Skandal, in den auch österreichische Politiker involviert sind (FPÖ-Chef und Vize-Kanzler Heinz-Christian Strache war Vizepräsident der Burschenschaft), ist nun vorschnell auch Lion Bischofs Saarbrücker Wettbewerbsdoku „Germania“ hineingezogen worden. Ein Text des Internetportals saarklar.de etwa insinuiert, dass beim Saarbrücker Ophüls-Festival, dessen Namensgeber Max Ophüls bekanntlich jüdischer Herkunft war, eine „rechtsradikales Denken“ unkommentiert zeigende Doku Lion Bischofs gelaufen sei. Dies trifft ebensowenig zu wie die kolportierte Behauptung, dass das von Bischof porträtierte Corps „letztendlich entschied, welches Filmmaterial freigegeben wurde“.

Auf SZ-Anfrage stellt Bischof klar, dass das Corps seinen fertigen Film zwar vorab sehen durfte, jedoch nur im Falle gänzlich verzerrter Darstellung hätte intervenieren können. Dass man keine Einwände hatte, bedeutet hingegen nicht, dass Bischof etwa einen verherrlichenden Film drehte. Wer „Germania“ gesehen hat, mag sich an dessen rein beobachtendem, auf Off-Kommentare verzichtenden Regiekonzept stoßen – Bischof indessen tendenziöse Haltungen zu unterstellen, ist abwegig und unlauter. Wie schon während des Festivals machte er am Freitag erneut klar, dass das von ihm porträtierte Münchner Corps nichts mit Burschenschaften gleichen Namens in Deutschland (deren Hamburger Ableger der dortige Verfassungsschutz als rechtsextrem einstuft) oder Österreich zu tun hat. „Viele werfen vorschnell alles in einen Topf“, so Bischof. Corps seien nicht mit Burschenschaften gleichzusetzen: Während erstere „per se unpolitisch“ (wenngleich konservativ bis nationalistisch) seien, propagierten Burschenschaften offen politisch chauvinistische Ziele. Folglich habe das im Film zuletzt auftauchende Hamburger Germania-Corps auch nichts mit der vom Staatschutz observierten hanseatischen Burschenschaft zu tun. Ehe man sich empört, sollte man also  genauer hinsehen.

(cis)