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Kinoglück in Thionville
Ein Kino mit Gesicht und Geselligkeit

Romain Christmann – Vorführer und Anekdoten-Lexikon bei einer der Kultnächte im Kino.
Romain Christmann – Vorführer und Anekdoten-Lexikon bei einer der Kultnächte im Kino. FOTO: STEPHANE THEVENIN / STEPHANE THEVENIN / La Scala
Thionville. Das Kino „La Scala“ in Thionville zeigt in seinen zwei Sälen ein anspruchsvolles Programm, trotzt der Multiplex-Konkurrenz und hat um die 45 000 Zuschauer im Jahr. Wie gelingt das dem Kino?   Von Silvia Buss

Zuletzt ließ Thionville staunen durch eine neue Stadtbibliothek: mit hypermoderner Multimedia-Ausstattung, eleganter Architektur und fast 19 Millionen Euro teuer. Die 42 000-Einwohner-Stadt an der Grenze zu Luxemburg ist auch sonst kulturell gut aufgestellt. Sie leistet sich unter anderem ein eigenes Stadttheater, einen Konzertsaal und – was auch in Frankreich seltener wird – ein städtisches Programmkino, ein Cinéma d‘Art et Essai“. Es heißt „La Scala“ und läuft trotz der Konkurrenz durch ein Multiplex-Kino offenbar auch gut.


„Wir kommen auf 45 000 bis 48 000 Besucher im Jahr“, sagt Justine Girardi, Leiterin seit 2012. „Zuschüsse von der Stadt brauchen wir nicht, die Einnahmen reichen, um den Spielbetrieb und die Mitarbeiter zu bezahlen.“ Aber Miete und Nebenkosten habe man nicht, da das Gebäude ja der Stadt gehöre. Girardi und ihre fünf Mitarbeiter sind „fonctionnaires“, also Beamte. 45 000 Kunstkinobesucher sind für eine 42 000-Einwohner-Stadt ein guter Schnitt.

Wie schafft man das? Auch beim Kino hat die Stadt zuerst einmal investiert. 2013 ließ sie das bisherige „La Scala“, seit 1932 in der Fußgängerzone ansässig, renovierungsbedürftig und mit typischen Altbauproblemen (eng und nicht barrierefrei)  schließen. Stattdessen übernahm sie ein anderes altes Kino, das 1999 wegen der Multiplex-Konkurrenz aufgab. Es war größer und hatte eine günstigere Lage: gleich gegenüber von einem (gebührenfreien) Riesenparkplatz und nur wenige Meter entfernt vom Stadttheater und der neuen Stadtbibliothek „Puzzle“. Für 2,8 Millionen Euro ließ die Stadt das Gebäude modernisieren.

Für Girardi, die 2012 eingestellt wurde, um das Kino zu „redynamisieren“, war die Renovierung die goldrichtige Entscheidung. Eine neue Studie der Pariser Filmhochschule Femis, an der Girardi 2011 ihren zweiten Kino-Masterstudiengang abschloss, um sich für die Kinoleitung zu qualifizieren, habe Folgendes gezeigt: „Die Leute wollen keine alten Säle mit alten Sesseln mehr.“ Ausschlaggebend für Kinobesuche seien laut Studie drei Kriterien: Vor allem die Nähe, dann der Komfort und erst an dritter Stelle die Filme.

Das neue „La Scala“, dem die 30er-Jahre-Jahre-Architektur von außen einen gewissen Retro-Charme verleiht, verfügt im Innern nun über zwei moderne Säle mit je 108 und 199 bequemen Sesseln. Hinzu kommt ein großzügiges Foyer für Diskussionen und Ausstellungen und eine privat betriebene Bar mit Außenterrasse zur Straße hin, auf der man schon ab halb sieben Uhr morgens Kaffee trinken kann. Ab 13.45 Uhr laufen dann – das Label „Art et Essai“ verpflichtet – anspruchsvolle Filme, fünf bis sieben täglich, oft im Original mit Untertiteln. Diese Woche unter anderem im Programm: Ruben Östlands Satire „The Square“, die in Cannes die Goldene Palme bekam, Fatih Akins  „Aus dem Nichts“, das franko-libanesische Polit-Drama „The Insult“, aber auch ein Animationsfilm für Kinder ab drei Jahren. Um schon die Jüngsten fürs Kino zu gewinnen, arbeitet Girardi mit Vorschulen und Schulen zusammen. Samstags, „wenn die Eltern die Kinder ja beschäftigen müssen“, bietet sie beim „Ciné-Goûter“ ein Rundumwohlfühlprogramm: mit kurzen Animationsfilmen, Kuchen und Spielen, bei denen man kleine Geschenke gewinnen kann. Das ist fast immer ausverkauft.



Auch abends sorgt Girardi oft für „gesellige Erlebnisse“. Einmal im Monat, bei den „Rendez-vous avec Justine“ steigt sie selbst in den Ring und präsentiert Klassiker wie „Paris Texas“. Kultcharakter haben die monatlichen „Nuits Bis de la Scala“, bei denen Vorführer Romain Christmann je zwei Horror- oder ähnliche Genre-Filme vorstellt. Einmal im Jahr, bei der langen Nacht, sind es sogar vier bis fünf. Kino bis zum Morgengrauen. Dafür lässt das La Scala einen Künstler eigens handgezeichnete Plakate entwerfen. Da kommen dann sogar Besucher aus Paris und Lille, etliche Zuschauer sind als Zombies geschminkt.

Den Kultcharakter verdanken die langen und auch kurzen Horror-Nächte aber vor allem Christmann. Er erzählt zu den Filmen allerlei unglaubliche Geschichten und Anekdoten. „Er ist da sehr beschlagen, weiß unheimlich viel“, sagt Girardi. Als Kino „Gesicht“ zu zeigen, mit Persönlichkeiten – auch das findet sie wichtig. Und sich gezielt Nischen-Publikum zu erschließen, das in den Multiplexen leer ausgeht. Man müsse es schaffen, eine Marke zu werden, der die Leute vertrauen, sagt Girardi. Das hat sie anscheinend geschafft. „Die Leute kommen zu uns nicht wegen eines bestimmten Films. Sondern sie gehen einfach ins Scala, weil sie uns vertrauen, dass unser Filmprogramm gut ist.“

Die Programmgestaltung abzugeben, davon hält Girardi gar nichts. Thionville habe das auch mal gemacht, erzählt Girardi. „2013, als wir umzogen, war das Kino privat, es wurde städtisch, aber das Programm wurde von Metz aus mitgemacht.“ Mit dem Ergebnis war man nicht sehr zufrieden. Die Gefahr sei eben, dass der Private zuerst sein eigenes Kino bediene und dem städtischen nur den Rest überlasse, meint sie. Girardi: „Wir haben das dann auch schnell beendet.“

Justine Girardi, die das Kino seit 2012 leitet.
Justine Girardi, die das Kino seit 2012 leitet. FOTO: La Scala
Retro-Charme: „La Scala“ von außen.
Retro-Charme: „La Scala“ von außen. FOTO: La Scala