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„Ein Heim voller Freude wünscht sich mein Herz“

Leslie Huppert mit Flüchtlingen beim Malen in ihrem Atelier.
Leslie Huppert mit Flüchtlingen beim Malen in ihrem Atelier. FOTO: Iris Maurer
Saarbrücken. Die Beschäftigung mit dem Thema „Identität“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Arbeiten der Saarbrücker Künstlerin Leslie Huppert. Am Freitag stellt sie in Saarbrücken die dritte Auflage des Projektes „Moving Identity“ vor, das mit elf Flüchtlingen entstanden ist. Esther Brenner

Eine große bunt bemalte Leinwand mit Köpfen und Schrift liegt im Gang vor dem Atelier von Leslie Huppert im KuBa-Kulturzentrum am Eurobahnhof in Saarbrücken. Noch bevor ich hier die jungen Menschen treffe, die aus Syrien, dem Iran, Afghanistan und Eritrea nach Deutschland geflüchtet sind, studiere ich ihre gemalten Köpfe, lese von ihren Träumen. "Ein Heim voller Freude wünscht sich mein Herz" steht zum Beispiel auf der Leinwand. Die meisten von ihnen flohen sehr jung. Im Saarland haben sie Zuflucht gefunden - statt in einem "Heim voller Freude" wohnen sie in Wohngruppen, so wie Mohammed Ali (19). Der Afghane gehört als Hazara zu einer ethnischen Minderheit in seinem Land, floh erst mit den Eltern in den Iran. "Dort durfte ich nicht zur Schule gehen, man wollte uns nicht haben", erzählt er. Allein machte er sich auf den Weg nach Deutschland. An der Saarbrücker Rastbachtalschule besucht er nun die neunte Klasse. Bildung - die sei ein Geschenk. Auch Reza (15) ist Hazara und Schüler der Rastbachtalschule. Er hatte Glück, kam mit seiner Familie.



Fünf Syrerinnen und Syrer, ein Junge aus Eritrea und sechs Afghanen - haben sich zusammen mit Leslie Huppert künstlerisch auseinandergesetzt mit ihren "Moving identities" - ihren sich wandelnden Identitäten, geprägt von den Traumata der Flucht und beständiger Unsicherheit. Seit April treffen sie sich regelmäßig zum Malen und Reden. Es geht um ihre Träume und ihre Ängste, es geht um Zukunft und Vergangenheit. "Identity III" ist die Fortführung der soziokulturellen Projekte, die Huppert seit Jahren weiterentwickelt. So arbeitet sie auch mit Häftlingen in der Justizvollzugsanstalt.

Für ihre "engagierte" Kunst erhielt sie 2014 den Kulturpreis des Regionalverbandes, der auch dieses vom KuBa getragene Projekt unterstützt. An regionalen Auszeichnungen mangelt es ihr nicht. Im Sommer zog die Weltenbummlerin mit Saarbrücker Wurzeln ein großes Los: Als eine von nur 35 Ausgewählten aus insgesamt rund 800 Bewerbern aus der ganzen Welt gewann sie einen Arbeitsaufenthalt in Brasilien auf dem Gelände der privaten Sacatar-Stiftung. Dort, auf der Insel Itaparica vor Salvador de Bahia, entstand von August bis Oktober ihre neueste Videoarbeit. "Wir waren dort sechs Künstler aus aller Welt - Musiker, Videokünstler, Schriftsteller, Maler. Es war eine tolle, sehr bereichernde Erfahrung", schwärmt die 56-Jährige, die sich als "Nomadin" sieht und deren Kunst von ihren unzähligen Weltreisen auch in abgelegene Gegenden geprägt ist. In Brasilien habe sie vor allem das Mystisch-Geheimnisvolle des Condomblés verwoben mit dem Katholizismus und der ungeheuren Fröhlichkeit und Lebensfreude der Menschen in Bahia inspiriert. Doch das Fremde, Unbekannte findet man eben auch in Saarbrücken bei der Arbeit mit den jungen Flüchtlingen.

Leslie Huppert arbeitet seit langem auch mit Videos. Und so haben die von den Teilnehmern gemalten Bilder allesamt Codes, die man mit dem Smartphone scannen kann, um zu jedem dieser Persönlichkeiten eine Geschichte zu hören. Außerdem hat Huppert ihre vor Jahren begonnenen "Random Mobile Peace Talks" weitergeführt. In diesen - oft erschütternden - Videointerviews befragt sie Menschen zum Thema Frieden. "Ich mache lieber was mit als über die Menschen", erklärt sie ihre Arbeitsweise. Bei der Diskussion am Freitag zur Eröffnung der Schau kommen auch die jungen Flüchtlinge zu Wort.

Das Projekt wird von Freitag bis Sonntag im KuBa am Eurobahnhof präsentiert. Am Freitag um 19 Uhr findet eine Gesprächsrunde zum Thema "Kunst hilft! Hilft Kunst?" mit einigen der minderjährigen Flüchtlinge, Leslie Huppert, Kultusminister Ulrich Commerçon und anderen statt. Geöffnet: Fr 19 bis 22 Uhr. Sa und So von 15 bis 19 Uhr.