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Kino in Metz
„Ei des Kolumbus“ oder Ausverkauf?

Das Kino „Le Palace“ ist etwas in die Jahre gekommen – jetzt soll es verjüngt werden.
Das Kino „Le Palace“ ist etwas in die Jahre gekommen – jetzt soll es verjüngt werden. FOTO: Silvia Buss
Metz. Die Stadt Metz will ihr Kunstkino-Programm retten – mit Hilfe einer kommerziellen Kinokette. Der Plan ist heftig umstritten. Von Silvia Buss

Kinos, die künstlerisch wertvolle Filme zeigen, sind in der Regel ein Zuschussbetrieb. In den langen Jahren der Diskussion um den Erhalt des Filmhauses etwa stand nie zur Debatte, dass die Stadt Saarbrücken die Förderung einstellt. Die Frage war nur: Wie viel lässt sich die Kommune ihr Filmkunst-Kino kosten?



In der französischen Nachbarstadt Metz geht man jetzt einen ganz anderen Weg, um das einzige Filmkunstkino der Stadt (auf Französisch „cinéma d‘art et essai“) in die Zukunft zu retten. Der sozialistische Bürgermeister Dominique Gros und sein Kulturbeigeordneter Hacène Lecadir preisen die seit rund drei Jahren vorbereitete Lösung, die sie nun am Freitag vor Weihnachten in einer Pressekonferenz noch einmal vorstellten, als eine Art Ei des Kolumbus. Filmfreunden und zahlreichen lokalen Kultur- und Filmkultur-Vereinen lässt sie allerdings die Haare zu Berge stehen; nach jahrelangen Protesten waren sie am Vortag mit ihrer letzten Eingabe beim Verwaltungsgericht Straßburg gegen dieses „Ei“ jedoch gescheitert.

Bisher konnte sich Metz glücklich schätzen: Das Filmkunst-Kino „Caméo-Ariel“, das vom unabhängigen Kinobetreiber Michel Humbert, geführt wird und mit vier Sälen 95 000 Besucher jährlich anzieht, kostete sie keinen Sous. Die Stadt ist nur Eigentümerin des Gebäudes, ein historischer Sandstein-Bau mit prunkvoll verzierter Fassade, unweit der Kathedrale, mitten in der Altstadt. Als es 1973 eröffnete, war das „Ariel“ das modern­ste Kino der Stadt und das erste mit mehreren Sälen. Heute aber hat es, genau wie das zweite Metzer Innenstadt-Kino „Le Palace“ (sieben Säle, 1500 Plätze), vom selben Betreiber geführt und ebenfalls eine städtische Immobilie, einen angestaubten Charme.

Zwei veraltete Kinos in der Innenstadt – das sei einer universitären Großstadt nicht würdig, findet Bürgermeister Gros. Zumal gleich zwei neue Einkaufszentren, das 2014 eröffnete „Waves“ im Metzer Süden und das im November eröffnete „Muse“ neben dem Centre Pompidou Metz hinterm Bahnhof, den Bau zweier hypermoderner Multiplex-Kinos von Anfang mit eingeplant hatten. War nicht zu befürchten, dass diese neue Konkurrenz den zwei Alt-Kinos unausweichlich den Garaus machen würde? Bürgermeister Gros und sein Kulturbeigeordneter Lecadir entschlossen sich zu einem einzigartigen Deal: Sie gaben der belgischen Multiplex-Kinokette Kinépolis, einer von mehreren Bewerberinnen, die Konzession für die beiden neuen Multiplexe. Im Gegenzug musste sich Kinépolis vertraglich verpflichten, 2,5 Millionen Euro in die Renovierung des „Le Palace“ zu investieren und es die nächsten 27 Jahre als Filmkunstkino zu betreiben. Dafür wird die Stadt das kleinere Filmkunstkino „Caméo-Ariel“ ganz schließen.

Mit dieser Regelung erhält die Kinépolis-Gruppe, die 1995 in einem Vorort das erste Metzer Multiplex eröffnete, für die ganze Stadt und ihr Umland eine Art Kinobetreiber-Monopol. Genau darin sieht das Ciné-Collectif eine große Gefahr. Seit Bekanntwerden der Pläne vor drei Jahren protestierten die Bürger und Vereine, zu denen auch der FRAC Lorraine gehört, mit Menschenketten, Petititionen und juristischen Eingaben gegen den städtischen Deal. „Für ein unabhängiges Kino in Metz“, lautet ihr Slogan.



Die Stadt hätte zunächst, statt nur mit einem Anbieter zu verhandeln,  eine Ausschreibung machen müssen, so ihr Vorwurf. Kinépolis sei ein gewinnorientiertes, nur den Aktionären verpflichtetes Unternehmen, habe keine Kompetenz im Führen eines Filmkunstkinos, und man könne niemanden vertraglich zu bestimmten Programmausrichtungen verflichten. „Als Kinépolis 2006 oder 2007 hier ein Multiplex bauen wollte, hat Dominique Gros noch mit uns dagegen protestiert und jetzt gibt er ihnen alle Kinos. Ausgerechnet ein Sozialist schafft ein Monopol“, sagt Johannes Peeters vom Ciné-Collectif kopfschüttelnd. Gros und Lecadir wiederum argumentieren: „Hätten wir zwei Anbieter, würden sie beide nur die zugkräftigsten Filme zeigen. Nur durch das Monopol können wir die Vielfalt erhalten.“ Im Vertrag hat sich die Stadt zudem ein Mitspracherecht bei der Bestimmung des Programmdirektors eingeräumt. Ironie des Schicksals: Michel Humbert, bisheriger Leiter des „Palace“ und des „Cameo-Ariel“, der lange gegen die Pläne war, wird als Berater die Programmgestaltung des neuen „Palace Art et Essai“, das 75 Prozent als „Art et Essai“ klassifizierte Filme zeigen muss, übernehmen. Für ein, bis zwei Jahre, wie er sagt. Danach übernehme sein bisheriger Stellvertreter, der nun Kinodirektor wird, diese Aufgabe mit. Auch alle Angestellten der beiden alten unabhängigen Kinos ist Kinépolis bereit zu übernehmen.

Am Freitag, als den Plänen nun kein juristisches Hindernis mehr im Wege stand, verkündeten Bürgermeister Gros, sein Kulturbeigeordneter Lekadir und zwei Vertreter von Kinépolis nunmehr den Beginn der Umbauarbeiten. Am 8. Januar soll es losgehen, im Juni, traditionell ein Kinoflaute-Monat, soll das „Palace“ dann im neuen Glanz öffnen und das „Caméo-Ariel“ schließen. Rund 30 Millionen Euro will Kinépolis, das 2015 auch die drei größten Luxemburger Kinos aufkaufte, nach früheren Angaben insgesamt in Metz in Kinos investieren. Wenn auch die beiden neuen Multiplexe der Shopping-Malls Waves und Muse gebaut sind, kann Kinépolis laut einer Studie mit 1,5 bis 1,8 Millionen Kino-Eintritte in Metz im Jahr rechnen.