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Literatur
„Dingen eine Sprache geben, ohne Worte“

Saarbrücken. In der Sparte4 las Sasha Marianna Salzmann aus ihrem Debütroman „Außer sich“, der es 2017 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Von David Lemm

Nur knapp die Hälfte der Plätze sind in der Sparte 4 besetzt. Dennoch findet es Sasha Marianna Salzmann „wunderbar, hier zu sein – vor allem im Theater“. Dort ist die gelernte Dramatikerin zuhause. Seit 2013 ist sie Hausautorin des Maxim-Gorki-Theaters Berlin, dessen Studiobühne sie bis 2015 leitete. Doch an diesem Abend möchte sie kein Theater inszenieren, sondern aus ihrem viel beachteten Debütroman „Außer sich“ lesen, „bis der letzte vom Stuhl fällt“, scherzt sie gut aufgelegt.


Obwohl bisher jeder Leser des Romans etwas Anderes verstanden habe und sie selbst nicht genau wisse, was ihr Roman eigentliche bedeute, sei er eine Hommage an Shakespeares „Was ihr wollt“, klärt sie vorab auf. In Shakespeares Komödie aus dem Jahr 1601 verlieren sich die beiden Zwillinge Viola und Sebastian nach einem Schiffsunglück vor der Küste Illyriens. Im Glauben ihr Zwillingsbruder sei tödlich verunglückt, begibt sich Viola als Knabe verkleidet in die Dienste des Herzogs Orsino und stiftet mit den mehreren Identitäten, die sie im Verlauf des Stückes annimmt, allerlei Verwirrung, bis sich vieles zum Guten wendet.

In Salzmanns Roman „Außer sich“ ist es Alissa, die sich in den Wirren der Proteste 2013 rund um den Taksim Platz auf die Suche nach ihrem in Istanbul verschollenen Zwillingsbruder Anton begibt. Gleich zu Beginn des Romans, den Salzmann von Anfang an und ohne vorauseilende Sprünge liest, flimmert die allenthalbene „Entgrenzung von allem – Geschlecht, Nation und Sprache“, wie Salzmann das Romansujet später benennt, durch. „Gibt es eine Möglichkeit, wie ich beweisen kann, dass ich keine russische Nutte bin?“, schmettert die russischstämmige Berlinerin Ali bei der Passkontrolle den skeptischen türkischen Beamten entgegen, die zwar nichts gegen „Frauenimporten aus Russland“ haben, aber dennoch an Alis Identität zweifeln.

Was man den Beamten nicht gänzlich verdenken kann, schließlich zersplittert Alissa Identität zunehmend – nicht zuletzt der jüdischen Herkunft und den Steroiden geschuldet. Im Reigen der erlebten Reden imaginiert sich Ali als anzugtragende, kettenrauchende Variante ihres türkischen Onkels Kemals, der junge Frauen auf seinen Beifahrersitz einlädt und ihnen den Olymp anbietet. In einer heruntergekommen Istanbuler Transvestitenbar mutiert sie zum spendablen Kampftrinker, bis sie sich mit der ebenfalls russischstämmigen Tänzerin Katharina in dreckigen Hauseingängen die Gesichter aus dem Kopf saugt.

Mit dieser leidenschaftlichen Szene beendet Salzmann ihre 40-minütige Lesung. Man hätte ihr gut und gerne länger gelauscht – ihrem fast fehlerfreien, von einer angenehmen Stimme getragenen Lesen mit den pointierten Dialogen und den klangvollen russischen und türkischen Einsprengseln. Auch SST-Chefdramaturg Horst Busch ist beeindruckt. Salzmanns Leben klinge „nach gelebter Utopie“, sagt er. Er hat nicht ganz unrecht. Salzmanns Werdegang von der 17-jährigen Schulabbrecherin über die perspektivlose Amateur-Boxerin zur etablierten Dramaturgin und Suhrkamp-Autorin ist beachtlich. Ihre Karriere verdanke sie ihren Förderern und all den Menschen, die sich gegenseitig helfen, betont sie mehrmals. Und zu ihrer Kunst: „Aufgesetzte Programmatik riecht man sofort. Kunst kann nur dann gut sein, wenn man loslässt“, ist sie sich sicher. Obwohl Romane bleiben und Theaterstücke verschwinden, halte sie auch weiterhin dem sozialen Ort des Theaters die Treue, ist sie sich sicher – alles andere wäre auch schade.