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Krise des Dillinger Kunstvereins spitzt sich zu
Dillinger Kunstverein vor dem Aus?

Mehr als 30 Jahre war der Dillinger Kunstverein im dortigen Schloss untergebracht. Die Aktien-Gesellschaft der Dillinger Hüttenwerke, deren Hochofen dahinter in den Himmel aufragt, hat nun andere Pläne mit der Immobilie.
Mehr als 30 Jahre war der Dillinger Kunstverein im dortigen Schloss untergebracht. Die Aktien-Gesellschaft der Dillinger Hüttenwerke, deren Hochofen dahinter in den Himmel aufragt, hat nun andere Pläne mit der Immobilie. FOTO: Rolf Ruppenthal / rup
Dillingen. Die Dillinger Hütte verlängert den Mietvertrag für das Alte Schloss in Dillingen nicht. Nun hat der Kunstverein keine Räume mehr. Von Bülent Gündüz

Nach mehr als 30 Jahren ist Schluss. Die gerade gestartete Ausstellung mit Werken von Werner Constroffer und Joachim Ickrath wird die letzte Ausstellung des Dillinger Kunstvereins im Alten Schloss sein.


Gründungsvater Gerhard Leonardy ist entsetzt. Seit nahezu 35 Jahren setzt er sich für „seinen“ Kunstverein ein und war 30 Jahre lang dessen Vorsitzender. Wehmütig erinnert sich der ehemalige Bürgermeister an die Aufbruchsstimmung der Anfangstage: „Als wir hier angefangen haben, war das Gebäude in traurigem Zustand. Wir haben Geld gesammelt und den Bau saniert.“ Rund eine Million Mark mussten aufgewendet werden. 100 000 Mark kamen von der Hütte, weitere 100 000 von der Stadt, 250 000 vom Land. Den Rest musste der neu gegründete „Förderverein Altes Schloss“ selbst aufbringen. Nachdem der Kunstverein erst die Galerie im Rathaus und dann das Kulturforum am Markt genutzt hatte, durfte man 1987 in das Schloss umziehen.

Das Anwesen befindet sich im Besitz der Aktien-Gesellschaft der Dillinger Hüttenwerke, dessen Hochöfen hinter dem Schlosspark in den Himmel aufragen. Als Ausgleich für die Investitionen vermietete das Unternehmen der Stadt das Gebäude für eine symbolische Miete von einer Mark (später 0,51 Euro). Förderverein und Kunstverein durften die Räume kostenlos nutzen. Die Stadt behielt einen Raum im Erdgeschoss als Trauzimmer. Der Förderverein organisierte Kunsthandwerkermärkte, Lesungen und Konzerte. Im ersten Stock sind neben dem Veranstaltungsaal auch die drei Ausstellungsräume des Dillinger Kunstvereins untergebracht.

Schon vor dem Auslaufen des Mietvertrages im Oktober 2017 habe es Gespräche zwischen der Hütte als Eigentümer und der Stadt als Mieter gegeben, erzählt Stadt-Pressesprecherin Gertrud Schmidt. Schnell wurde klar: Eine weitere öffentliche Nutzung würde schwierig. Die Anforderungen an die Verkehrssicherungspflicht und die Brandschutz­auflagen sind inzwischen so hoch, dass die Stadt diese nicht ohne größere Investitionen erfüllen kann. Im Juni 2017 wurde ein Aufhebungsvertrag unterzeichnet, der vorsah, dass nur noch vereinzelt Veranstaltungen in dem Gebäude stattfinden durften. Nur der Kunstverein konnte bleiben.

Im Januar kam dann die Hiobsbotschaft: Die Dillinger Hütte eröffnete der Stadtverwaltung, dass man sich entschlossen habe, das Schloss selbst zu übernehmen. Auf Anfrage teilt die Hütte mit, dass das Gebäude zu einem Innovationszentrum umgestaltet werden soll. Gleichzeitig sagte man der Stadt zu, dass der Kunstverein die Ausstellungsräume noch bis Juni nutzen dürfe.



Wie es weitergehen soll? Vorsitzender Lambert Holschuh weiß es nicht. „Ich habe kaum Hoffnung, dass wir einen adäquaten Ausweichraum finden werden“, so der 75-Jährige resignierend. Das Ende für den Ausstellungsort habe ihn überrascht: „Die Stadt hat uns vor zwei Wochen mitgeteilt, dass wir raus müssen.“ Gespräche mit der Hütte habe es nicht gegeben, wirkliche Ideen für ein Ausweichquartier gebe es auch nicht. Stadt-Pressesprecherin Gertrud Schmidt hingegen verspricht: „Die Stadt betreibt aktiv die Suche nach einem alternativen Standort.“

Schon länger hat der Verein Probleme. Anfang 2016 war der Vorsitzende Francis Berrar zurückgetreten. Der Künstler hatte den Vorsitz 2013 von Leonardy übernommen.  Doch sein ambitioniertes Programm mit überregionalen Künstlern überforderte das Publikum. Die Besucher blieben weg, die Mitglieder auch und das Geld wurde knapp. Berrar beklagte die fehlende Unterstützung und gab entnervt auf. Mehr als ein halbes Jahr schlingerte der Verein führungs- und konzeptlos vor sich hin, bis der ehemalige Interimsvorsitzende Holschuh das Zepter übernahm. Man kehrte zum alten Ausstellungskonzept zurück und konzentriert sich nun wieder auf zeitgenössische Kunst aus der Großregion. Die Mitgliederzahlen sind seither leicht gestiegen, die Besucherzahlen erholen sich, die finanzielle Lage ist stabil.

Die Suche nach einem neuen Ausstellungsort ist nicht die einzige Herausforderung. „Wir haben ein Nachwuchsproblem“, so Holschuh, „daran müssen wir arbeiten, denn ich möchte nicht mehr ewig weitermachen.“ Es fehlt aber auch an nachhaltigen Konzepten. Kunst nur auszustellen, ist zu wenig. Grundlegende Ideen für eine Kunstvermittlung fehlen schon länger. Führungen, Künstlergespräche und Begleittexte gibt es nicht. Deshalb muss der Verein den Verlust des Ausstellungsortes zu einem Umbruch nutzen. Jüngere Leute müssen ran, Konzepte her und Sponsoring und Mitgliedergewinnung müssen aktiver als bisher betrieben werden. Sonst steht der Verein bald vor dem Aus und dem Land fehlt eine anerkannte Kunstadresse.