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Literatur
„Die Zivilisation schmerzt mich“

Léon Werth mit Sohn Claude 1936.
Léon Werth mit Sohn Claude 1936. FOTO: (c) Editions Viviane Hamy/fond W / Foto: (c) Editions Viviane Hamy/
Saarbrücken. Eines der großen Bücher in diesem Herbst: Léon Werths Tagebücher schildern seine Sicht auf die französische Kollaborationszeit. Von Wolf Scheller

Was für ein faszinierendes Buch! Das Tagebuch von Léon Werth über die Jahre der deutschen Besatzung in Frankreich gehört zu den großartigen Entdeckungen in diesem Bücherherbst. Der Journalist, Schriftsteller und Kunstkritiker Léon Werth war jüdischer Herkunft aus den Vogesen, in jungen Jahren ein linker Anarchist, antiklerikal, aber kein verbohrter Fanatiker. Vor allem aber ein brillanter Autor, Republikaner durch und durch, der – obschon Pazifist – freiwillig mit 36 Jahren in den Ersten Weltkrieg zog.


Seine Erfahrungen aus dieser Zeit konnte man später in der Erzählung „Clavel Soldat“ nachlesen, ein kriegskritischer Text, der ihn in schroffen Gegensatz zur Literatur des französischen Faschismus während der entre-guerre-Zeit brachte. Zeitweise war Werth auch Chefredakteur des linken, aus der Résistance geborenen „Combat“, der während der Besatzungsjahre 1940 bis 1944 von Albert Camus redigiert wurde. Léon Werth (1878- 1955) war ein Aristokrat des Geistes, unabhängig, ein scharfer Beobachter seiner Umgebung. Als Essayist und Romancier veröffentlichte er mehr als ein Dutzend Bücher. Bekannt wurde vor allem sein Roman „La Maison blanche“, mit dem er 1913 den Prix Goncourt um nur zwei Stimmen verfehlte. Berühmt wurde er auch durch die enge Freundschaft mit Antoine de Saint-Exupéry, der ihm 1943 sein Werk „Der kleine Prinz“ widmete.

Das Tagebuch beginnt Ende Juli 1940 und endet am 26. August 1944 mit einem reportageähnlichen Bericht über die Befreiung von Paris. Die Wehrmacht marschierte 1940 ohne jede Gegenwehr unter dem Triumphbogen hindurch und die Champs-Élysées hinab. „Liberté“, „Egalité“, „Fraternité“ – die großen Inspirationen des französischen Geistes zählten nicht mehr. Am 17. Oktober 1940 notiert er: „Die Zivilisation schmerzt mich.“ Werth ging davon aus, dass sich diese Zivilgesellschaft selbst entmündigt hatte. Nicht wenige Nationalisten träumten von einem Zusammengehen mit Hitler-Deutschland und einer engen Kollaboration. Am 9. Juli 1941 muss sich Werth als Jude registrieren lassen: „Ich fühle mich erniedrigt, es ist das erste Mal, dass die Gesellschaft mich erniedrigt, nicht weil ich Jude bin, sondern weil ich als Jude minderwertig sein soll.“

Werth flieht mit seiner nichtjüdischen Frau Suzanne in den kleinen Jura-Ort Saint-Amour in der sogenannten „freien Zone“. Halb Frankreich ist auf der Flucht. Die Werths brauchen 33 Tage, bis sie am Ziel angelangt sind, für eine Autofahrt zu ihrem Ferienhaus, für die sie sonst  acht Stunden brauchten. Werth hat die Chronik von diesem panischen Exodus in dem Bericht „33 Tage“ beschrieben, der 2016 auf Deutsch erschien. Doch auch in ihrem Ferienhaus gibt es für die Werths keine Sicherheit. Die Vichy-Behörden warten nicht ab, bis sie von den Deutschen aufgefordert werden, noch die letzten im Land verbliebenen Juden aufzuspüren. Längere Zeit können die Flüchtlinge in einem Hotel in Bourg-en-Bresse unterkommen.

Erst im Januar 1944 kehrt Léon Werth nach Paris zurück. Die letzten Monate bis zur Befreiung von Paris, dem Einmarsch der Amerikaner und der Flucht der Besatzer erlebt Werth aus nächster Nähe. Als er erfährt, dass zwei Panzerfahrzeuge des Generals Leclerc vor dem Rathaus angekommen sind, schreibt er mit feiner Selbstironie: „Ich wusste nicht, dass die Geschichte existiert. Ich glaube nicht an die Geschichte. Und nun ist alles voll historischer Resonanzen. Meine Brust ist geschichtsgebläht.“



Im Zentrum seiner Beobachtungen, die er dem Tagebuch anvertraute, steht die Frage nach den Ursachen dieser jahrelangen Unterwerfung unter das Diktat der Besatzer. Am Beispiel der unterschiedlichen Verhaltensweisen der Menschen in Saint-Amour und in Paris arbeitet er die eigenen Antipathien heraus. Sie richten sich nicht nur gegen die gehobene Politikerkaste, gegen die diversen Honoratioren, subsumiert unter dem Begriff der „Bourgeoisie“. Ebenso verabscheut er die Schriftsteller und Künstler, die sich von der Kollaboration anlocken ließen. Wie viele andere konnte er nicht glauben, dass die breite Öffentlichkeit gegenüber der verordneten Judenverfolgung gleichgültig bleiben würde. Die moralischen Schranken waren gefallen. Am Schluss setzte er große Hoffnungen auf de Gaulle, auch wenn er für das Militär nichts übrig hatte.

Léon Werth: Als die Zeit stillstand. Tagebuch 1940-1944. S. Fischer. 944 Seiten, 36 €.