| 20:28 Uhr

Theater in Saarbrücken
Die Tochter und die Staatsräson

Von der hadernden Tochter zur Heroine: Lisa Schwindling in einer überzeugenden Darstellung als reifende Iphigenie.
Von der hadernden Tochter zur Heroine: Lisa Schwindling in einer überzeugenden Darstellung als reifende Iphigenie. FOTO: Martin Kaufhold;0049(0)171/4158942 / Martin Kaufhold
Saarbrücken. „Iphigenie in Aulis“ erzählt von göttlicher Macht und menschlicher Unterordnung – aber auch vom freien Willen und der Emanzipation. Am Sonntag hatte die Tragödie von Euripides Premiere in der Alten Feuerwache in Saarbrücken. Von Kerstin Krämer

Was passte besser in die Osterzeit als dieses Stück? Ein Vater, der sein Kind zum Wohle des Volkes opfert; eine Tochter, die ihr Schicksal als Opferlamm annimmt: 406 vor Christus nahm der antike Dichter Euripides mit „Iphigenie in Aulis“ quasi eine weibliche Passionsgeschichte vorweg.


Verhandelt werden die Unterordnung unter eine göttliche Macht und die Selbstbestimmung des Individuums gegen die Staatsräson: Es geht um nichts weniger als den freien Willen und, auch dies typisch für die aufklärerische Haltung Euripides‘, um die Emanzipation der Frau. Der Mensch hat eine Wahl und damit auch das Recht, die Sinnhaftigkeit von Opfern und Kriegen zu hinterfragen – darauf liegen denn auch folgerichtig die Akzente von Volker Schmidts bildgewaltiger Inszenierung der Tragödie.

Am Sonntag war Premiere in der Alten Feuerwache, wo sich die Meerenge von Aulis in einem schwarz folierten Planschbecken manifestiert (Bühnenbild: Thea Hoffmann-Axthelm). Ein Bassin, so seicht und zugleich so tief, dass mancher Protagonist sich zunächst nur nasse Füße holt, um dann doch im wahrsten Sinne des Wortes baden zu gehen. Manche dümpeln träge darin herum; andere versuchen, sich freizuschwimmen, und wälzen schwer wie ein Krokodil durchs Wasser – ein starkes Symbol für das Ringen des Einzelnen. Dahinter bäumt sich eine schräge Gitterwand auf, ähnlich einem Solarpanel, auf der grelle Neonröhren Digitalziffern formen und den Countdown bis zur Hinrichtung zählen. Am Ende wird diese Mauer wie ein Sargdeckel Iphigenie unter sich begraben. Was bleibt, als sie sich wieder hebt: ein daran aufgehängtes, weißes Opfergewand – Kreuzigungsmetapher und zugleich Zeichen für Iphigeniens Rettung durch die Göttin Artemis, die an ihrer Stelle eine Hirschkuh sterben lässt.

Das Drama – denn ein Drama bleibt es, auch wenn der Ton hier oft so flapsig wird, dass die Tragödie ins Komödienhafte zu kippen droht – ist im trojanischen Krieg angesiedelt. Die schöne Helena, Gattin von Agamemnons Bruder Menelaos (als schnaufender, zottelhaariger Kraftmensch: Thorsten Köhler), wurde entführt. Agamemnon (Sébastien Jacobi) will mit seiner Kriegsflotte Helena zurückholen, doch wegen einer von Artemis verursachten Flaute kommt er nicht voran. Der Seher Kalchas verkündet, Troja könne vernichtet, Helena gerettet werden, wenn Agamemnon seine Tochter Iphigenie opfere – das verzweifelte väterliche Herumlavieren verdeutlicht Jacobi durch hilfeheischendes Sprechen ins Publikum. Seine selbstbewusste Gattin Klytaimnestra, von Martina Struppek als mondäne Rothaarige verkörpert, ordnet sich ihrem Weichei von Gemahl nicht unter: Sie nutzt ihre weiblichen Reize, um den vermeintlichen Schwiegersohn Achill zu Iphigeniens Rettung zu gewinnen.

Doch selbst dieser antike Superstar, von Philipp Seidler mit E-Gitarre und silbernem Overall (Kostüme: Svenja Gassen) als Chauvi-Schnösel angelegt, steht am Ende als düpierter Schwächling da: angesichts der von Lisa Schwindling überzeugend dargestellten Reifung Iphigeniens von der hadernden Tochter zur Heroine durch ihren reflektierten und selbstbestimmten Wunsch zu sterben. Stimmig ist die Musik: ein halb live, halb aus der Konserve generierter wuchtiger Sound (Jacob Suske) zwischen Schwermut und schwärender Wut.



Heimlicher Star des Abends ist Christiane Motter, die als Diener, Chor und Bote drei exaltiert angelegte Rollen im fliegenden Wechsel meistert und am Ende zudem (als gehörnte Artemis selbst?) die archaische Opferzeremonie gesanglich exzellent begleitet. Chapeau.

Termine:  Morgen, Freitag; 20., 27. und  28. April; 9. und 11. Mai. Karten und Infos:
Tel. (06 81) 309 24 86.

Der schwächliche Vater Agamemnon (Sébastien Jacobi) und und seine Frau Klytaimestra (Martina Struppek).
Der schwächliche Vater Agamemnon (Sébastien Jacobi) und und seine Frau Klytaimestra (Martina Struppek). FOTO: Martin Kaufhold;0049(0)171/4158942 / Martin Kaufhold