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Stadtplanung
Die Puppenstube hat bald die Patina, die sie braucht

Frankfurt. Im Frühjahr 2018 wird die neue Altstadt von Frankfurt am Main fertig sein. Zu besichtigen ist sie schon heute. Von Roland Mischke

In Nähe zum Main, noch näher zum Rathaus mit dem Römerplatz und abgehenden Gassen, die zum Dom führen, wird derzeit ein rekonstruiertes Frankfurter Stadtviertel sichtbar. Die Frankfurter schenken sich eine Altstadt, nachdem die authentische in den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs fast gänzlich versunken war. Danach setzte die Stadt auf den Hochhausbau. Doch die Sehnsucht nach dem Altbekanntem, nach vertrauten Plätzen, Höfen, Winkeln, Giebeln und Erkern, nach dem historischen Raumgefüge hat sich durchgesetzt. Die neue Altstadt, noch nicht ganz fertig, wird bereits geliebt.


Anfangs stieß die Idee auf erheblichen Widerstand von Bürgern, die keine Puppenstube im Schatten der Hochhäuser wollten. Die Altstadtkopie ist für sie falsche Architektur, weil sie vortäuscht, was es nicht mehr gibt. Die Ablehnung bröckelte rasant, als der Zuspruch für die 35 Häuser in historischen Gewändern – 16 davon am originalen Standort rekonstruiert, dazu 19 Neubauten, auf alt gemacht – zunahm und Kaufinteressenten Schlange standen. Der Mensch, sagt die Psychologin Beate Mitzscherlich, brauche eine Altstadt als „Idee eines Raums, in dem ich Geborgenheit erfahre“. Eine Altstadt mache die Stadtbürger stolz.

„Ein Zimmer mitten in der Stadt“, sagt auch Architekt Michael Schumacher, acht Jahre lang federführend beim Projekt neue Altstadt. Noch sehe sie „geleckt“ aus, „aber nach fünf Jahren mit Regen und Sturm wird sie Patina haben. Unsere Altstadt ist kein Disneyland, sondern eine gründliche Rekonstruktion. Sie werden kein Haus finden, das mit Brettern vornedran auf Fachwerk macht.“ Die gelungensten Objekte, mit Lehmputz an der Außenfront, sind am Hühnermarkt zum geschlossenen Ensemble gefügt worden. Ein Spaziergang macht Historie und Baugeschichte lesbar. Der „Hof zum Rebstock“ leuchtet mit rotgelben Laubengängen, Haus „Klein-Nürnberg“ zeigt feingeschliffene Konsolen aus Sandstein, die „Goldene Waage“ reich verziertes Fachwerk. Die „Grüne Linde“ präsentiert sich als barocker Gasthof, allein dieses Haus kostet 3,4 Millionen Euro. Insgesamt werden 190 Millionen Euro ausgegeben.

In solchen Häusern haben Menschen im Mittelalter und danach gelebt. Aber nie so komfortabel. Alle neuen Altstadthäuser haben Passiv­hausstandard, Fernheizung und Quelllüftung. Der Fassadenschmuck besteht großteils aus Originalteilen. Der Journalist Dieter Bartetzko, der 2015 starb, hatte viele Artikel über das Projekt geschrieben. Er forderte die Frankfurter auf, sogenannte Spolien – Überreste von Reliefs oder Skulpturen, Friesen und Säulen, Eckfiguren, Maskensteine und Ziergitter –, die sich Bürger in der chaotischen Nachkriegszeit angeeignet hatten, zurückzugeben. Mehr als 300 Hinterlassenschaften kehrten wieder, dazu Funde aus Straßenarbeiten.

Der geschnitzte Zierbalken aus dem Haus „Heydentanz“, Baujahr 1590, ist wieder da, Teile einer gotischen Kapelle. Eigentlich lässt die Denkmalpflege nur zu, dass gefundene Bauteile und Fassadenschmuck am authentischen Ort zweitverwendet werden oder im Museum gezeigt werden. Doch es gab viele Ausnahmen, um das „Gepräge der Altstadt“ wiederzugewinnen. Die Frankfurter mögen es, dass „das alte Herz der Stadt“, wie Architekt Francesco Collotti sagt, wieder zum Schlagen gebracht wird.



Bremen hatte dieses Herz schon. In der Nachkriegszeit wurde die Altstadt, das gerettete Viertel Schlur, auf dem alten Straßennetz und alten Grundrissen wiederaufgebaut. In Freiburg wurde der Münsterplatz mit 50er-Jahre-Architektur bebaut, doch die Häuser behielten den Anblick aus der Zeit vor dem Krieg, so blieb das Zentrum geschlossen. Frankfurt simuliert spät die alte Stadt, sie bietet den Bürgern emotionalen Halt. Die meisten Besucher der neuen Altstadt sind die Frankfurter selbst. Nun werden die Touristen kommen. So stark können Nachschöpfungen sein.