| 19:08 Uhr

„Die Musik wird ignoriert oder nicht akzeptiert“

Pianist und Nebenher-Koch Pierre-Laurent Aimard. Foto: Borggreve/DG
Pianist und Nebenher-Koch Pierre-Laurent Aimard. Foto: Borggreve/DG FOTO: Borggreve/DG
Der Pianist, der am 8. Juni nach Homburg kommt, über die Rolle der Neuen Musik und über die legendäre Kochkunst seines Großvaters.

Leichte Kost beschert Pierre-Laurent Aimard seinem Publikum höchst selten. Messiaen, Ligeti, Stockhausen, Benjamin: Der französische Pianist konfrontiert die Zuhörer gern und immer wieder mit der Avantgarde. Steter Tropfen höhlt den Stein, steter Neuklang öffnet das Ohr für die Moderne, hofft er. Bei den Homburger Meisterkonzerten präsentiert der 59-Jährige in seinem Rezital mit Bach und Schubert eine Rückbesinnung auf die alten Meister.


In Homburg widmen Sie sich Bach und Schubert. Ausgerechnet Sie, der doch seit jeher als Mann der Moderne gegolten hat.

Aimard Man hat es oft so gesehen, aber so ist es nicht gewesen. Sicher habe ich mich viel der zeitgenössischen Musik gewidmet, aber ich erinnere mich an meine allerersten Recital-Programme als ganz junger Pianist: Eines umfasste eine Geschichte der Sonatenform von Carl Philipp Emmanuel Bach bis Boulez.



Wie kommt es, dass in der Öffentlichkeit dieses andere Bild entstanden ist von einem überwiegend der Moderne zugewandten Pianisten?

Aimard Die Auseinandersetzung mit der Moderne scheint ungewöhnlich zu sein. Für mich aber ist es ganz normal, sich mit einer Kunst zu beschäftigen, die Menschen unserer Zeit schaffen.

Hat sich die einst sehr ablehnende Haltung des Publikums gegenüber Neuer Musik verändert?

Aimard Sie steckt heutzutage weniger in einem Ghetto als früher, es gibt auch mehr Interpreten, die sich mit ihr beschäftigen, und auch ein größeres Publikum. Aber von welcher Neuer Musik sprechen wir? Wenn wir an das Problem der Ghettoisierung der Neuen Musik denken, dann war das ein Problem in den Jahren der Avantgarde, in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, als die Neue Musik teilweise noch wirklich Avantgarde war, ein Bruch mit dem Erbe und dem gesellschaftlichen Einvernehmen. Aber hat sich diese Avantgarde heutzutage wirklich integriert in unsere Musik-Gesellschaft? Nein. Die größten Werke der Moderne werden nicht regelmäßig gespielt und unterrichtet, die Mehrheit des Publikums versteht diese Musik nach wie vor nicht. Und in der Mehrheit der Hochschulen wird diese Musik ignoriert oder nicht akzeptiert.

Ist das nicht ein allzu pessimistischer Blick auf die Moderne?

Aimard Natürlich gibt es mehr und mehr Spezialisten und dadurch auch mehr Verständnis. Nur bleibt die Frage: Was ist 2017 Neue Musik? Die Avantgarde der 50er und 60er Jahre ist Teil der Geschichte. Das ist keine Neue Musik mehr. Und die Musik, die heute komponiert wird, klingt zwar manchmal radikal neu, aber ihre Mehrheit ist dem Kommerz zugewandt und will bloß nicht stören.

Befürchten Sie, dass die Entwicklung der klassischen Musik an dieser Bruchstelle zwischen Tradition und Moderne scheitern könnte?

Aimard Es gibt überall derzeit eine Tendenz, rückwärts zu gehen, und das ist gefährlich für die Menschheit. Aber ich glaube an einen anderen Menschen, und der hat schon ganz andere Kämpfe gewonnen. Blicken wir nach vorn.

Wie ist es um Ihre eigenen Kochkünste bestellt? Ihr Großvater war einer der berühmtesten Saucenkünstler von Lyon…

Aimard …was in Frankreich eine wichtige gesellschaftliche Position bedeutet. Für uns ist die Gastronomie wirklich eine Kunst, deshalb spielt das eine zentrale Rolle.

Sind Sie selbst denn von ihm auch beeinflusst worden?

Aimard Leider nicht. Und da ich auch nicht so begabt bin, koche ich zwar gern etwas, aber sehr bescheiden und einfach. Ich habe Musikerkollegen in Frankreich, die wie Götter kochen und drei Tage lang ein Abendessen vorbereiten: Da glauben Sie, Sie äßen in einem Drei-Sterne-Restaurant

Christoph Forsthoff hat mit Pierre-Laurent Aimard gesprochen.

Konzert: 8. Juni, 20 Uhr, Saalbau Homburg. Karten: Tel. (0 68 41) 10 11 68.