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Bundestagswahl ohne Intellektuelle
Die kulturellen Feigenblätter, alle abgefallen

Einen Korb wird die Kanzlerin (hier im Wahlkampf im Osten) am Sonntag kaum bekommen. Sie bleibt wohl am Ruder.
Einen Korb wird die Kanzlerin (hier im Wahlkampf im Osten) am Sonntag kaum bekommen. Sie bleibt wohl am Ruder. FOTO: Jens Büttner / dpa
Saarbrücken. Früher mischten sich Intellektuelle noch in Wahlkämpfe ein – lange her. Wenn sie sich heute mal einbringen, haben sie nur wenig zu sagen. Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

„Die Zeit der Intellektuellen ist vorbei“, hat der deutsch-türkische Autor Feridun Zaimoglu unlängst in einem Interview gesagt. Wenn das Schweigen der Künstlerschaft im Vorfeld der Bundestagswahl ein Indiz für eine solche Zäsur ist, dann hat Zaimoglu recht. Wann war das anders? Richtig, zu Zeiten von Willy Brandt und Helmut Schmidt, als zumindest die SPD Schriftsteller wie Böll, Grass und Walser oder Philosophen wie Jürgen Habermas und Oskar Negt an ihrer Seite wusste. Unendlich lange her, das alles. Warum aber ist es eigentlich nicht mehr so? Hätten nicht spätestens die Debatten um Willkommens- vs. Leitkultur vs. Xenophobie eine Renaissance der politischen Einmischung bewirken können? Oder die gesellschaftliche Visionslosigkeit und die sozialen Deklassierungen vieler.



Unter dem Titel „Wie wir leben wollen“ erschien bereits Anfang 2016 ein Band mit 25 Texten zeitgenössischer Autoren zur Flüchtlingsdebatte. Bahnbrechendes enthielt er nicht. Immerhin erinnerte Stephan Thome in seinem Beitrag daran, dass man Leitkultur nicht verwechseln solle mit einer „Hausordnung, die der Hausherr aufstellt, um anschließend missmutig jeden Verstoß durch die Gäste zu registrieren“.

Der Versuch, in Zeiten des Wahlkampfs ein Stimmungsbild sich politisierender Intellektueller auszumachen, ist schnell beendet: gähnende Leere. Sieht man von jenen rituellen Aufrufen des letzten Aufgebots der unverwüstlichen Dauer-Unterstützer der Sozialdemokratie ab. Dem armen Martin (Schulz) halten nun dieselben die Stange, die das vor vier Jahren beim armen Peer (Steinbrück), vor acht Jahren beim armen Frank-Walter (Steinmeier) und vor zwölf beim armen Gerhard (Schröder) umsonst versucht haben – die Ahnengalerie der Merkel-Gescheiterten kann, wenn überhaupt, erst nach deren Abdanken ein Ende finden. Schröder war 2005 immerhin noch Kanzler, als „sie“ damals vor der Wahl wieder das kulturelle Feigenblatt der Es.Pe.De aus der Mottenkiste holten und damit aufs neue hausieren gingen. Sie, das waren und sind bis heute in federführender Nibelungentreue der Graphiker Klaus Staeck sowie der Literaturfunktionär Johanno Strasser – der eine ehemals Präsident der Akademie der Künste, der andere Ex-Präsident des Pen.

Fragt man sich, weshalb sich die Intellektuellen sich seit mindestens einem Vierteljahrhundert weitgehend heraushalten aus politischen Debatten, kommt man schnell auf den Punkt: Die geistige Verbundenheit von Politik und Denkern ist spätestens nach der Wende verloren gegangen. Das hat mit dem Fehlen markanter Charakterköpfe in Regierung und Opposition zu tun. Und mit dem Verlust von Leidenschaftlichkeit und Grundsatzdebatten in der Politik. Und dem Kleinlaut-Gewordensein der Künstler und deren fehlendem Nimbus. Während Politik heute zum schnöden Mediengeschäft verkommt, indem Aufmerksamkeit Selbstzweck ist und Überzeugungen unter die Räder des Pragmatismus geraten, haben sich die Intellektuellen  auf das Kerngeschäft der eigenen Profession zurückgezogen.

Symptomatisch dafür ist die einzige nennenswerte Publikation der letzten Monate, die einen Querschnitt des politischen Denkens heutiger deutscher Autoren liefert – der im Juni bei Steidl erschienene, 32 Autorenstimmen bündelnde Sammelband „Wenn ich mir etwas wünschen dürfte“. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk hat der Herausgeber des Bandes, der Schriftsteller Joachim Helfer, unlängst die Gefechtslage der Intellektuellen skizziert (und unfreiwillig auch die Essenz dieses wenig wagemutigen Bandes umrissen): „Ich habe manchmal das Gefühl im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen, dass man sich nicht eingestehen will, dass man mit den Verhältnissen im Grunde recht zufrieden ist. Und dass dann sehr schnell so ein romantischer deutscher Überschuss an revolutionärem Überschwang für den einzig möglichen politischen Beitrag des Künstlers, des Intellektuellen gehalten wird.“ Weil unter der großen „Wir schaffen das“- Dunstglocke wirkliche Umbrüche sowieso nicht zu erwarten sind, haben sich die Intellektuellen lieber gleich ganz von allem abgewandt.



Feridun Zaimoglu übrigens hat in einem bemerkenswerten Nachsatz zu seinem eingangs zitierten Statement „Die Zeit der Intellektuellen ist vorbei“ nachgeschoben: „Und das ist gut so.“ Endlich einmal kein Bedauern darüber, dass die eigene Feigenblattrolle nicht gewürdigt wird. Ganz im Gegenteil. „Ich finde die Machtlosigkeit der Literatur gut! Literatur kann nur gelingen, wenn sie schwach ist. Literatur darf nicht brüllen, sie muss immer abseits der Macht stehen“, meint Zaimoglu.

 Sieht man sich die wenig ertragreichen Einmischungen von Künstlern in den Wahlkampf an, scheint diese Abstinenz tatsächlich ratsam. So bat etwa der Deutschlandfunk Autoren, im Rahmen seiner Reihe „Fiktive Wahlkampfreden“ den Spitzenkandidaten der Parteien eine Rede zu schreiben. Karen Duve ließ Merkel vorm Bauernverband, Michael Kleeberg den AfD-Mann Alexander Gauland vor der Uno sprechen und Tanja Dückers den FDP-Alleinunterhalter Christian Lindner eine Wahlkampfrede halten – außer Polemik haben sie wenig zu bieten.

 Im Nachbarland Frankreich wäre das undenkbar. Dort prägen die Intellektuellen die politischen Debatten mit. Dazu passt, dass der interessanteste Text in dem Sammelband „Wie wir leben wollen“ ein „Manifest für eine intellektuelle und politische Gegenoffensive“ von Geoffrey de Lagasnerie und Édouard Louis ist. Es schließt mit den Worten „Sich einmischen, so oft es geht. Den öffentlichen Raum einnehmen. Kurz, die Linke zum Leben erwecken.“