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Die Gefahr der Beliebigkeit

Eine Spielstätte des Festivals: die denkmalgeschützte Hofanlage Altenhof. Foto: Dorfmüller und Kröger
Eine Spielstätte des Festivals: die denkmalgeschützte Hofanlage Altenhof. Foto: Dorfmüller und Kröger FOTO: Dorfmüller und Kröger
Kiel. Das Schleswig-Holstein Musik Festival, Deutschlands ältestes Flächen-Festival, feiert sein 30-jähriges Jubiläum. In welche Richtung hat sich das Festival entwickelt – zielt das Programm vor allem auf gute Zahlen? Christoph Forsthoff

"Das Gewitter - auf diese Stimmung habe ich gewartet." Klaus Maria Brandauer hebt gekonnt die gebrochene Stimme, sein Blick schweift durch die von Stahlträgern durchzogene Weite der Nordart-Ausstellungshalle in Rendsburg-Büdelsdorf. Gespannt lauschen die 1400 Besucher: Nein, kein Donnergrollen tönt von draußen, stattdessen gibt es reichlich sonnige Worte an diesem Sommernachmittag, schließlich feiert das Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) sein 30-jähriges Jubiläum. Was nicht nur reichlich lokale Prominenz im Publikum bedeutet, sondern auch den Weltstar auf der Bühne mit sich bringt, der zwischen Haydns "Vier Jahreszeiten" in die Rolle des Komponisten schlüpft und aus dessen Briefen rezitiert.



Gute Stimmung herrscht beim Festival, schließlich stimmen in diesem Jahr nicht nur die Zahlen mit mehr als 150 000 verkauften Karten und rund 100 ausverkauften unter den 181 Konzerten; sondern seit langem harmoniert es auch mal wieder mit der Landespolitik. Landesvater Torsten Albig (SPD) lebt und liebt "diese eine dauerhafte geniale Idee: ein Festival für die Menschen unseres Landes anzubieten, sie an Orte zu holen, die sie bisher noch nicht kannten, fernab der oft strengen Rituale der Konzertsäle". In der Tat: Mag dieser Gedanke von SHMF-Gründer Justus Frantz inzwischen auch drei Jahrzehnte alt sein - seine Wirkungskraft hält an.

Allein: Sind gute Zahlen wirklich genug? Braucht es nicht auch neue Ideen jenseits musikalisch zwar hochkarätiger, aber eben so ähnlich auch übers Jahr stattfindender Konzerte wie des Auftritts des NDR Chors in der Hamburger St. Jacobi-Kirche? Oder programmatisch kunterbunter Musikfeste auf dem Gut Stockseehof, wo neben Mendelssohn Landfeinkost wie Whiskey-Senf geboten und zu Prokofjews "Romeo und Julia" der Festivalteller "Alles Käse" serviert wird?

Intendant Christian Kuhnt lassen solche Spitzen kalt: "Die Idee zieht noch immer und will jedes Jahr neu mit Leben gefüllt werden", sagt der Festival-Chef. "Mir ist es vor allem wichtig, noch weiter in die Fläche zu gehen und nach neuen Orten zu suchen." Doch reicht das für eine (Weiter-)Entwicklung? Sebastian Nordmann ist da skeptisch: "Die Idee ‚Musik auf dem Lande' wird nicht ewig tragen", prophezeit der Festival-Kenner, der einst seine Promotion über den "Einfluss des Schleswig-Holstein Musik Festivals auf die Musiklandschaft Schleswig-Holstein" schrieb. Selbst lange Jahre an der Spitze der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, fordert der heutige Intendant des Berliner Konzerthauses: "Festivals müssen sich weiterentwickeln, etwa mit einer Carte Blanche wie früher an den Königshöfen: Heute sind wir die Ermöglicher der neuen Ideen der Musiker."

In Schleswig-Holstein hat Kuhnt solch eine Idee umgesetzt mit einem jährlich wechselnden Porträtkünstler: Zehn verschiedene Konzertprojekte hat András Schiff eigens für die sieben Wochen dieses Festivalsommers konzipiert. Nicht jedes ist ein Glücksgriff, wie sein Auftritt mit dem Salzburger Marionettentheater zeigte, wo die fein gesetzten Schumann- und Debussy-Zyklen des Pianisten zur schlichten Begleitmusik der fantasiearmen Puppenspieler verkamen; doch künstlerisches Scheitern muss bei neuen Wegen eben auch möglich sein.



Zumal die Richtung stimmt: Vorbei sind nämlich die Zeiten, als das SHMF sich auf seinem Status als "First Mover" ausruhen konnte, während sich die Nachahmer überall in der Republik über den Sommerfestival-Hype hinaus um programmatische Ideen bemühten, um sich abzuheben. Das hat auch Kuhnt erkannt, setzt neben dem Künstlerporträt allsommerlich einen Komponistenschwerpunkt (2016 Haydn) und auf das "Luustern" (plattdeutsch für Lauschen) in andere Genres. Frankreichs Superstar Zaz findet sich ebenso im Programm wie Portugals Fado-Königin Mariza, Entertainer Tom Gaebel und Songwriterin Sophie Hunger. "Es geht um unsere Arbeit als Veranstalter und weniger um unser Image über den Norden hinaus", verteidigt der 49-Jährige sein Künstler-Potpourri am Rande der Beliebigkeit. "Wir wollen die Menschen hier im Norden abholen." Was zweifellos gelingt, wie auch auf der Klub-Nacht im S-Bahnhof am Hamburger Flughafen: Während der Bahnverkehr vier Stunden lang ruht, zieht es 1100 junge tanzende Menschen zu den Techno-Beats von DJ Christian Löffler auf den Bahnsteig.

Fraglich, ob solche Szene-Events am Ende tatsächlich ein Festivalprofil schaffen wie es etwa im benachbarten Mecklenburg-Vorpommern gelingt mit programmatischen Brückenschlägen zur Geschichte von Land und Leuten - oder ob hier nicht nur die regionale Identität gepflegt wird. Letzteres ist zweifellos gelungen, wie Nordmann feststellt: "Der Landesname sorgt für eine Identifikation aller Menschen in Schleswig-Holstein mit dem Festival." Und das durchaus auch jenseits der Landesgrenzen: "Man identifiziert Schleswig-Holstein heute mit dem Festival wie Kaiserslautern mit dem Fußball-Club." Doch ob das genug ist? Die großen Erfolge der Roten Teufel liegen lange zurück: Heute kickt man dort in der Zweiten Liga.

Das Festival läuft noch bis Sonntag. Infos: www.shmf.de

Weltstar Klaus Maria Brandauer. Foto: Christof Mattes
Weltstar Klaus Maria Brandauer. Foto: Christof Mattes FOTO: Christof Mattes
Zaz aus Frankreich. Foto: Orhan
Zaz aus Frankreich. Foto: Orhan FOTO: Orhan
Auch der renommierte Organist Christian Schmitt, der an der Musikhochschule Saar (HfM) studiert hat, ist ein Gast des Festivals. Foto: Schmitt
Auch der renommierte Organist Christian Schmitt, der an der Musikhochschule Saar (HfM) studiert hat, ist ein Gast des Festivals. Foto: Schmitt FOTO: Schmitt