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Literatur
Die „Frohsina“ und der Eismann am Osthafen

Schriftsteller und Wahl-Saarbrücker Jörg W. Gronius.
Schriftsteller und Wahl-Saarbrücker Jörg W. Gronius. FOTO: Muriel Serf
Saarbrücken. Meisterliche Geschichten erzählt Schriftsteller Jörg W. Gronius in seinem neuen Band. „Daheim und wieder da draußen“ stellt er am Montag in Saarbrücken vor. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Nehmen wir etwa die hinreißende Miniatur „Café Oriental“, die damit anhebt, dass das Karstadt-Gebäude in der sinkenden Sonne seine Schatten über die „Agora“ wirft: den St. Johanner Markt. Die Leichtigkeit, mit der Jörg W. Gronius darin sein „Ich“ vor dessen Lieblingscafé neben eine „professorale Freundin“ (sie hört auf den wunderbar mondänen Namen „Gina“) setzt und beide dann über die Vorzüge von Burkas parlieren lässt, kann man nicht anders als erfrischend nennen.


„Café Oriental“ zeigt pars pro toto die Qualitäten des Wahl-Saarbrückers Gronius, der hier vor gut zehn Jahren sein Schriftstellerzelt aufschlug und nun nach mehreren seither entstandenen Büchern von ihm schon wieder das nächste daraus hervorholt: 20 ganz überwiegend gelungene, literarisch versierte Geschichten, die er unter dem Titel „Daheim und wieder da draußen“ zusammengeschnürt hat. Ohne umständliche Expositionen lässt er uns in „Café Oriental“ gleich mit dem ersten Satz beherzt hineinspringen in dieses kleine Prosa-Kammerspiel. Würzt die Seiten nicht zu knapp mit Situationskomik. Gibt wohlproportionierte, fein zugeschnittene Dialogstücke hinzu. Rührt ein paar Einfälle (etwa Indianerzelte oder Hölderlin betreffend) mit hinein. Und serviert uns damit ein Amuse gueule, das man sich gerne auf der Zunge zergehen lässt – dem gedanklich darin „verborgenen Wissen“ nachhängend. Etwa Ginas Kopftuchträgerinnen-Fantasie: „Ich stelle mir vor, dass mein Körper (…) unter der kompletten Verhüllung mir eine Macht verleiht. Die Macht, ganz alleine über mich zu verfügen.“ Versteht sich von selbst, dass diese Komposition AfDlern und sonstigen Wurst-mit-Sauerkraut-Fraktionen nicht schmecken wird.

Gronius, von Haus aus ursprünglich Theaterdramaturg (in den 80ern und 90ern heuerte er an großen Bühnen in Berlin, Hamburg und  Wien an), ist als Autor zunächst mit einer autobiografischen Romantrilogie („Ein Stück Malheur“, „Der Junior“, „Plötzlich ging alles ganz schnell“, 2000-2007) bekannt geworden. Brachte aber mit „Nicht alles ist so, wie es ist“ (2009 im saarländischen Conte Verlag erschienen) danach schon einmal einen Band mit Kurzgeschichten heraus, der wie der druckfrische neue nun auch eine ziemliche Schlagseite in Richtung eines magischen Realismus hatte. Zwecks Intensivierung dessen, was wir behelfsweise Wirklichkeit nennen.



Anders als im damaligen Conte-Band, den sie noch prägte, blitzen diese Realitätsbrechungen jetzt nurmehr vereinzelt auf. Gleich die erste Prosaskizze („Kamele“) etwa lässt den Erzähler bei einem Spaziergang ins Saarbrücker Almet zu den dort grasenden Alpakas unter dem dichten Wollschopf eines der Tiere „die blond gelockte Stirn eines Menschen, eines Mannes“ erblicken, der ihn und seine Begleiterin an „eine Jünglingsskulptur etwa von Arno Breker“ denken lässt. Schluss, aus, fertig – mehr Irritation muss nicht sein.

Mehrfach taucht in Gronius’ Geschichten leitmotivisch eine ,,Pforte” auf, die den Übergang in einen anderen Daseinszustand markiert. In ,,Vor dem Einstieg” etwa lässt Gronius sein mal von ihm eben zum Götterboten gemachtes Erzähl-Ich (Hermes’ Flügelschuhe tragend) dessen Freund Orph auf Höhe von Von-der-Heyd zu einem ,,Einstieg” führen, auf dass der Eurydike, die ihn verließ, wiedersieht. ,,Mein Gott, sagt Orph und fasst meine Hand. Ich finde die Anrede passend”, heißt es einmal – so, mir nichts, dir nichts, geht das bei Gronius oft. Man liest seine diebische Freude heraus, Gestalten und Situationen zu drehen, umzulenken und ,,Wunder zu tun”. Kurz drauf sammelt er dann alles wieder ein, als sei’s bloß ein literarisches Kartenspiel: ,,Ich denke an die Kollegen, die sich jetzt beim ,Jour fixe’ über den Nek­tar hermachen. …. Würde es lohnen, davon zu erzählen?”. Und setzt eine jener für sein Erzählen typisch-süffisanten Schluss-Kapriolen.

Nicht alle Texte zeigen diese Raffinesse, dieses von Ferne manchmal an Arno Schmidt erinnernde punktgenaue, hochnäsige Fabulieren – es gibt auch Einbrüche wie die langatmige Abendgesellschaftsetüde ,,Helden” (mit Beate Zschäppe und Edward Snowden als ,,Ikonenpaar” eines Malers), die fade Skizze eines Zusammentreffens mit Peter Handke anlässlich der Helmlé-Preisverleihung (,,Ausgerechnet in Sulzbach”) oder ,,Die Bornheimer Nische”, die auch ihre überbeanspruchte Pointe (eine Nische als Ort der Unsichtbarwerdung) nicht zusammenhalten kann. Dann aber gelingt Gronius – in seiner fabelhaften ,,Fürstin” – auf nicht mal vier Seiten wieder ein hinreißendes Baden-Badener Kleinod, in dem er vom Casino in die Hotelsuite stolziert, wo dann alle Hüllen fallen: ,,Die Fürstin weist, den Sektkelch in der Hand, auf meine Erektion. Das ist das Szepter, sagt sie prustend vor Lachen, damit regiert der Herr.”

Immer wieder mal verortet Gronius einzelne Geschichten auch in und um Saarbrücken. Sei es, dass in ,,Kamtschatka” (eine sibirische Halbinsel, vor allem aber eine Klangmalerei, die sich als Weckruf der Ferne durch mehrere Texte zieht) das Fahrgastschiff ,,Frohsina”, auf dem Gronius alter ego ,,eins zwei fix” eine Schiffspartie bis Sibirien unternehmen will. Sei es der Saarbrücker Winterberg (wo Gronius tatsächlich wohnt) oder der Osthafen mit dem Silo, wo in ,,Winter am Fluss” ein Spaziergängerpaar auf einen erstarrten italienischen Eismann trifft (Kein Wunder eigentlich, wo doch selbst im echten Leben Fischli/Weiss’ Schneemann am Heizkraftwerk nicht weit ist).

Gronius gibt sich in diesem neuen Band nicht nur als erfahrener Jongleur seiner Einfälle zu erkennen, auf seiner Satzklaviatur spielt er Mal um Mal seine Kompositionen auch ziemlich virtuos durch. Lakonisch und mit viel Sinn für Erzählökonomie, weshalb er sein stilistisches Repertoire selten überreizt. Wie er in ,,Begegnung mit Borges” sein zweites ,,Ich”, den argentinischen Meister des magischen Realismus, schrumpfen und Borges in einem Sideboard unterbringen lässt, um kurz darauf beider Audienz beim ebenso weinerlichen wie cholerischen argentinischen Präsidenten (Juan Perón?) zu schildern –das darf man neidlos meisterlich nennen.

Jörg W. Gronius: Daheim und wieder da draußen. Geschichten. Verlag PoCul, 171 Seiten, 17 €.
Am Montag (20 Uhr) stellt Jörg w: Gronius sein Buch im Saarländischen Künstlerhaus vor.

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kul-gronius2 FOTO: PoCul Verlag