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Die dem Stillstand nicht entkommen

Saarbrücken. Den Dorfroman pflegen nur wenige zeitgenössische Autoren, sieht man etwa von Andreas Maier oder zuletzt Juli Zeh („Unterleuten“) ab. Der Österreicher Reinhard Kaiser-Mühlecker scheint darauf abonniert. Sein neuer, soeben erschienener Roman zeichnet Oberösterreich als Seelenlandschaft. Christoph Schreiner

Charakter, gibt der Großvater seinen ungleichen Enkeln in Reinhard Kaiser-Mühleckers Roman mit auf den Weg, zeige sich daran, "ob die Umstände einen verändern". Freunde, Frauen, Macht oder Geld. "Fremde Seele, dunkler Wald", der jüngste Heimatroman des dieses Genre seit seinem Debüt "Der lange Gang über die Stationen" (2008) kultivierenden österreichischen Autors, lässt mit Blick auf dieses großväterliche Vermächtnis keine eindeutige Antwort zu. Die beiden ungleichen Brüder Alexander und Jakob scheinen als Eigenbrötler, die sie sind, zwar relativ immun gegenüber Fremdbestimmungen. Doch schlittern sie, einer wie der andere, in ein Leben hinein, das sie in dieser Form nicht wollen.


Alexander, früher das Idol seines jüngeren Bruders (15), landet über den Umweg einer Priesterausbildung beim österreichischen Militär und verpflichtet sich im Kosovo, um der Enge von Heimat und Familie zu entfliehen. Jakob hingegen, introvertiert und labil, würde zwar den elterlichen Hof übernehmen, den sein Vater nur noch als Verfügungsmasse betrachtet für anderweitige, windige Geschäfte. Allein, die Familie lässt ihn nicht zum Zug kommen. Als Alexander auf Heimaturlaub kommt, offenbart sich das Scheitern der Lebensentwürfe der ungleichen Brüder. "Ihm war auf einmal, als sei alles, was ihn umgab, nur der Schein von dem, wofür er es gehalten hatte." Was auf Alexander gemünzt ist, gilt für Jakob nicht minder: Beide fühlen sie das Auseinanderfallen der traditionellen, dörflichen Bande, die in der Kindheit noch Halt zu geben schienen. Doch der um sich greifenden sozialen Diffusion allenthalben etwas entgegenzusetzen, das vermögen sie nicht.

Kapitelweise zeichnet der Roman über drei Jahre hinweg im Wechsel die Desillusionierungen seiner zwei Hauptfiguren nach. Kaiser-Mühlecker (34) findet dafür einen nüchternen, ernsthaften Ton, der seiner Prosa etwas träge Dahinfließendes verleiht. Die Vergangenheit scheint darin konserviert, "als Unausgesprochenes, gegenwärtig wie ein Geruch, wie Licht oder Dunkelheit". So beiläufig sich das Innenleben von Kaiser-Mühleckers Figuren nur erschließt, so genau ist die Schilderung ihrer unmerklich aus den Fugen geratenden Lebenswelt. Eine vom Dorf argwöhnisch beobachtete obskure Urchristengemeinde und deren sektiererische Führerin werden zuletzt zur versteckten Nagelprobe beider. Trotz mancher Längen: In seiner genauen Nachzeichnung stillstehender Leben erinnert diese Prosa an einen großen österreichischen Ahnherrn, an Arthur Schnitzler.

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald. Suhrkamp, 301 Seiten, 20 €.