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Die blühende Blume der Subkultur – nur Biermann fehlt

Jürgen Schäfers Gemälde „Umarmung“, das 1989 entstand, wenige Wochen vor dem Fall der Mauer. Foto: Eric Tschernow
Jürgen Schäfers Gemälde „Umarmung“, das 1989 entstand, wenige Wochen vor dem Fall der Mauer. Foto: Eric Tschernow FOTO: Eric Tschernow
Berlin. In verfallenen Wohnhäusern in der DDR blühte ab 1976 eine bunte Subkultur auf. Der Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt einen Teil davon: Skulpturen, Fotografien, Plakate und Installationen. Roland Mischke

Wolf Biermann ist alt geworden. Er arbeitet an einem Buch, braucht seine Zeit, seine Kräfte. Einer Einladung der Deutschen Gesellschaft e.V., die die Schau im Gropius-Bau organisiert hat, folgte der in Hamburg lebende Liedermacher nicht. Er konzentriert sich auf den Herbst, wenn er am 15. November 80 wird und seine Memoiren vorstellt.


Die Organisatoren waren enttäuscht. Denn Biermann steht für die Teilung der Kunst in der DDR. 1976 war er nach Auftritten in der Bundesrepublik ausgebürgert worden, das SED-Regime erlaubte ihm, dem bekennenden Sozialisten, keine Rückkehr. Er war zu kritisch, aufmüpfig, frech. Das mögen Stalinisten nicht. Ihr Willkürakt gegen den einen sollte eine Warnung für die anderen Künstler sein. Sie wurde zur Zäsur, ab 1976 gab es in der DDR zwei Kunstwelten: eine offizielle und eine blühende Subkultur.

Der Kurator der Ausstellung, Christoph Tannert, hat sich in die Gemengelage jener Zeit hineingearbeitet. Etwa 300 bildende Künstler aller Generationen gab es, sagt er, die sich seinerzeit gegen die staatliche Maßnahme erhoben - in Briefen an Honecker, in halböffentlichen Protesten in Kirchen, in der Bürgerbewegung und in ihren Arbeiten. Sie wurden zu "Gegenstimmen", wie die Ausstellung tituliert ist.



Eine davon war Jürgen Schäfer, dessen Bild "Umarmung" damals nicht ausgestellt werden durfte. Das zwei Meter große Ölgemälde zeigt einen Menschen in kantiger Rüstung, aber ohne Gesicht. Er hält einen Raben, würgt ihn oder umklammert den Vogel in der Hoffnung, dass er mit ihm wegfliegt. Dahinter bersten rote Trümmerteile, eine Welt zerbricht. Das Werk entstand 1989, Wochen vor dem Mauerfall.

80 Künstler sind als "Gegenstimmen" vertreten. Etwa 25 davon, so Kurator Tannert, sind damals ausgereist, darunter A. R. Penck, Via Lewandowsky und Cornelia Schleime, die sich im Westen etablierten. Der Großteil sei aber in die "innere Emigration" gegangen und habe nur noch für den "Eigenbedarf" gemalt, so Tannert. Viele Werke werden hier erstmals ausgestellt.

Symbolisch für die Endzeit der DDR standen Altbauten und ganze Straßenzüge, die abrissreif waren. In heruntergekommenen Wohnungen, besetzt von Aussteigern und Lebenskünstlern, lebte die Gegenkultur zum staatlich beaufsichtigten Kulturbetrieb auf. Mit improvisierten Ausstellungen, Lesungen und Diskussionen - die meldepflichtig waren, woran sich aber niemand hielt. Neben düsteren Aspekten des Lebens im Realsozialismus wurde trotzige Lebenslust vermittelt. Genau das zeigt sich in der Ausstellung an expressiven, abstrakten, figürlichen und dokumentarischen Arbeiten, die leise oder laut, subtil oder plakativ die Themen Angst, Flucht und Freiheit durchspielen: Wie die nackten Männer auf vier Leinwandmetern von Hans-Hendrik Grimmling, die große Vögel dazu animieren, sie auf ihren Flügeln aus dem Land zu tragen. Mutig war Wasja Götze, der sich offen gegen die Ausbürgerung Biermanns stellte und 1978 mit seinem "Stilleben mit einem ungebetenen Gast" einen Stasi-Mann als Schattenfigur nachschob. Eine ungeheuerliche Provokation, seine Werke waren fortan verboten. Die Subkultur war ein lustvolles Experiment, Vorbilder waren der Surrealismus, der Punk und Joseph Beuys im Westen. Das geriet grell, auch zynisch und stand für die Auflösung eines siechenden Staates von innen. Aufregende inoffizielle Kunst, endlich zu sehen.

Bis 26. September. Mi-Mo

10-19 Uhr. Tel. (0 30) 25 48 60