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Saarbrücker Verleger Erwin Stegentritt
Die Beschwörungen des Erwin Stegentritt

Erwin Stegentritt in seinem Haus auf dem Saarbrücker Triller. Die einstige Kulturstaatsministerin Christina Weiss, mit der er in Saarbrücken studierte, nannte ihn 1985 in einem von ihr in der Wochenzeitung „Die Zeit“ verfassten Porträt einen „Einzelkämpfer für die Kunst und mit der Kunst für das Experiment einer Veränderung der Weltsicht“. In Stegentritts Text „Quintessenz“ von 2009 findet sich der aufschlussreiche Satz: „Erinnerung wird Erinnerung von Erinnerung.“
Erwin Stegentritt in seinem Haus auf dem Saarbrücker Triller. Die einstige Kulturstaatsministerin Christina Weiss, mit der er in Saarbrücken studierte, nannte ihn 1985 in einem von ihr in der Wochenzeitung „Die Zeit“ verfassten Porträt einen „Einzelkämpfer für die Kunst und mit der Kunst für das Experiment einer Veränderung der Weltsicht“. In Stegentritts Text „Quintessenz“ von 2009 findet sich der aufschlussreiche Satz: „Erinnerung wird Erinnerung von Erinnerung.“ FOTO: Christoph Schreiner/SZ / Christoph Schreiner
Saarbrücken. Seit 35 Jahren betreibt Erwin Stegentritt (71), Linguist, Übersetzer und Unternehmer, seinen Saarbrücker AQ-Verlag. Gut 120 Bücher hat er seither verlegt – darunter auch Werke seiner Ex-Geliebten, der französischen Autorin Agnès Rouzier (1936-1981). Beider Geschichte liest sich selbst wie ein Roman. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

„Sie war ein Gespenst“, sagt Erwin Stegentritt und erzählt, wie dieses Gespenst ihm vor 53 Jahren den Kopf verdrehte. 17 war er damals und als Pennäler auf Klassenfahrt in Paris, als er sie an der „Avenue de l’Opera“ in einem offenen Bus sitzen sah. Kurz darauf lief sie vor ihm her, drehte sich unvermittelt um und fragte, ob er sie begleiten wolle. Sie hielt Stegentritt zunächst für einen jungen Schweden. Und stellte sich ihm als die Schriftstellerin Agnès Rouzier vor.


„Ich erinnere mich so genau, weil es eine Explosion gewesen ist. Ein Leben änderte sich, innerhalb weniger Minuten“, schreibt Stegentritt in einer Broschüre, die er 42 Jahre später unter dem Titel „Schreibübung“ in seinem Saarbrücker AQ-Verlag publiziert hat. Was da 1964 auf der „Avenue de l’Opéra“ wie ein Meteorit in sein Leben einschlug, war der Beginn einer verwickelten, sechsjährigen Affäre mit einer verheirateten Frau – auch wenn sie sich bis 1970 nur etwa zehn Mal sahen, wie er heute überschlägt. Umso ausdauernder wechselten sie Briefe: 1000 schrieb er ihr, 300 sie ihm. Seine ließ sie später (vermutlich von einem Angestellten) verbrennen, ihre hält Stegentritt bis heute wie einen Schatz zusammen. Was für eine Geschichte!

Agnès Rouzier hat sein Leben verändert. „Auch wenn ich für sie vor allem eine Erfindung war“, sagt Stegentritt und greift in seinem Saarbrücker Haus in einen Archivkarton mit Manuskripten und alten französischen Literaturzeitschriften, in denen Rouzier Texte veröffentlichte. Er kramt auch die erste Fassung seiner Übersetzung ihres einzigen zu Lebzeiten veröffentlichten Ro­mans „Non, rien“ heraus, der 1974 bei Laffont in Paris erschien – sieben Jahre vor ihrem Tod durch einen epileptischen Anfall. 2018 will Stegentritt „Non, rien“ in seinem Saarbrücker Verlag herausbringen. Darin tauche hin und wieder „der Schatten von einem jungen Mann auf, der blond ist und grüne Augen hat“. Ein Schatten namens Stegentritt. Weil die Realität Rouziers Sehnsüchten nicht genügte, musste sie sie aufladen. An der Hand nehmen ins Unerreichte. Ganz ähnlich, wie der von Rouzier über alle Maßen verehrte Rainer Maria Rilke es in seinem Leben und Werk tat. „Ach, von jetzt an dürfen wir nur noch der Intensität der Luft vertrauen“, heißt es in Rouziers, im Herbst von Stegentritt publiziertem Band „Briefe an einen toten Dichter“ – einer literarischen Zwiesprache mit Rilke, im französischen Original auszugsweise 1981 erschienen.



Stegentritt lebte in den Jahren seiner Liaison mit Rouzier anfangs noch bei seinen Eltern in Dudweiler, später dann als Zivildienstleistender in Freiburg. Nur alle paar Monate konnte er zu ihr in die Dordogne reisen, wo Rouzier mit ihrem Mann vom Kauf und Restaurieren alter Häuser lebte. „Wenn du mir als mein Phantasiegebilde nicht mehr gefällst, ist es vorbei“, machte sie Stegentritt klar. Er liebte sie dennoch.

Zwei frühere Romane Rouziers sind verbrannt bzw. verschollen. Die Veröffentlichung ihres 1964 bei Gallimard geplanten Romandebüts „Hélène“ zog sie zurück, verbrannte es später. Das Manuskript eines zweiten Romans unter dem Titel „le prince russe“ soll sie dann in einem Zug liegengelassen haben. „Als würde jeder Schritt, jedes Wort dich auflösen – und du sinkst in dich zusammen – oder dass alle dich zugleich erschöpfen“, schrieb sie etwa in „Non, rien“. Rouziers Vater war 1941 von der Gestapo zu Tode gefoltert worden, ihre Mutter 1944 im KZ Ravensbrück gestorben – dennoch weiß Stegentritt, selbst Verfasser des Wikipedia-Eintrages über Rouzier, nicht zu sagen, ob ihre Eltern Juden waren. Dass dies dem jungen Deutschen gegenüber, der wegen ihr Französisch lernte, sogar ein Tagebuch in der Sprache seiner Liebe führte und später in Saarbrücken Romanistik studierte (und darin promovierte), nie Thema gewesen sein soll, erstaunt. Rouzier, mit acht Jahren Waise geworden, wuchs in Paris bei einer Tante auf, Antoine de Saint-Exupéry („Der kleine Prinz“) wurde ihr Patenonkel. Ein Leben lang blieb sie ohne Halt. Stegentritt beschreibt sie heute als „absolut zerrissen. Fordernd auf der einen, niedergedrückt auf der anderen Seite.“

Zuletzt sah er sie 1970 in einem Restaurant in Südfrankreich, wo sie die Beziehung mit ihm ebenso unvermittelt beendete, wie sie diese 1964 begonnen hatte. Ein Grund war Stegentritts standhafte Weigerung, einer neuen, an einer Erzählung George Batailles geschulten sexuellen Obsession Rouziers nachzukommen: Sex zu dritt. „Sie stand einfach auf und verschwand“, sagt Stegentritt und wischt mit der Hand über den Tisch. Nach Rouziers Tod bat ihr bisexueller Mann, der früher selbst ein Auge auf ihn geworfen hatte und 1996 im marokkanischen Fés von einem Freier ermordet wurde, Stegentritt in einem Brief, etwaige, in seinem Besitz befindliche Manuskripte Agnès Rouziers zu vernichten. Noch heute sucht er manchmal den Keller seines Hauses am Triller, dem Verlags­archiv, nach einem Manuskript von Rouziers Romandebüt „Hélène“ ab, von dem Stegentritt nur noch eine damals von ihm selbst erstellte vollständige Übersetzung besitzt (und 30 Seiten des französischen Originals). Wieso nur 30 Seiten? Nach über 40 Jahren, sagt er, „weiß ich es selbst nicht mehr genau“.

 Umso mehr, als es doch auch ein reiches, umtriebiges Leben Stegentritts jenseits von Agnès Rouzier gab und gibt. 15 Jahre lang arbeitete er an der Saarbrücker Uni als Sprachwissenschaftler im Sonderforschungsbereich „Automatisches Übersetzen“, ehe er sich mit einer Firma für sprachverarbeitende Kommunikation selbständig machte, deren Nachfolger er heute noch führt.

Seinen aus einer ambitionierten Kunstzeitschrift namens „Antiquarium“ hervorgegangenen AQ-Verlag hatte er schon 1972 gegründet. Der erste Band „Versteckte Gewalt“ bestand aus kuriosen Kurzmeldungen aus dem „Kölner Stadtanzeiger“. Bis heute sind in Stegentritts AQ-Verlag mehr als 120 Bücher erschienen – „alles, was mir so gefällt“, sagt der 71-Jährige: Künstlerbücher (etwa von Helmut Federle, Martin Disler oder jüngst von Till Neu), Fotobände, eine Editionsreihe „Sprachwissenschaft – Computerlinguistik“, Leporellos und auch eine gute Handvoll eigene Bücher und Hefte von Stegentritt. Ist er nicht nur Linguist, Unternehmer, Übersetzer und (seit einem Jahr) Sprachlehrer für Flüchtlinge, sondern auch Schriftsteller? Ja. Und dazu seit 25 Jahren mit einer Griechin verheiratet, Übersetzerin wie er.

Zu Stegentritts eigenen Texten gehört eine fünfbändige, zwischen 1974 und 2003 verfasste, persönliche „Enzyklopädie“: prosahafte Betrachtungen und Erkundungen, die ein 2009 unter dem Titel „Quintessenz“ erschienener Text Stegentritts nochmal „eingekocht“, kondensiert hat. „Quintessenz“, Monolog, Beschwörung und weltliche Predigt in einem, erinnert in seinen sprachlichen Such- und lebensphilosophischen Denk-Bewegungen, dem Ineinandergleiten von Zeiten („Neubeginn. Nachbeginn“), von Leben und Tod nicht nur an Agnès Rouziers Literatur. „Quintessenz“ ist, einer Epiphanie gleich, auch der Versuch, schreibend das zu überwinden, was das Leben vom Tod trennt. Und Stegentritt von Rouzier. Sie bleibt ein roter Faden seines Lebens.

Erwin Stegentritts Verlagsprogramm unter www.aq-verlag.de

„Sie war absolut zerrissen. Fordernd auf der einen, niedergedrückt auf der anderen Seite“: Stegentritt über Agnès Rouzier (Foto von 1967).
„Sie war absolut zerrissen. Fordernd auf der einen, niedergedrückt auf der anderen Seite“: Stegentritt über Agnès Rouzier (Foto von 1967). FOTO: Erwin Stegentritt/AQ Verlag / Erwin Stegentritt
Der Saarbrücker Künstler Till Neu hat in einem siebenteiligen Bildzyklus auf Agnès Rouziers „Briefe an einen toten Dichter“ reagiert: Wir zeigen eine der Arbeiten, inspiriert von Rouziers Sätzen: „Das Labyrinth bauen, das Labyrinth verlassen, das Labyrinth betreten.“ Eine Mappe mit den sieben auf Karton gedruckten Gemälden von Neu und den Textpassagen von Rouzier ist nun in 100 handsignierten Exemplaren (55 Euro) in Stegentritts AQ-Verlag erschienen. Zu sehen sind diese und andere Gemälde Till Neus derzeit in der Saarländischen Ärztekammer (Faktoreistr. 4).
Der Saarbrücker Künstler Till Neu hat in einem siebenteiligen Bildzyklus auf Agnès Rouziers „Briefe an einen toten Dichter“ reagiert: Wir zeigen eine der Arbeiten, inspiriert von Rouziers Sätzen: „Das Labyrinth bauen, das Labyrinth verlassen, das Labyrinth betreten.“ Eine Mappe mit den sieben auf Karton gedruckten Gemälden von Neu und den Textpassagen von Rouzier ist nun in 100 handsignierten Exemplaren (55 Euro) in Stegentritts AQ-Verlag erschienen. Zu sehen sind diese und andere Gemälde Till Neus derzeit in der Saarländischen Ärztekammer (Faktoreistr. 4). FOTO: AQ Verlag/Till Neu / AQ Verlag