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Ludwig Harig zum 90. Geburtstag
Des Sprachspielers Finderlohn

Harig erlebte Schreiben immer als lustvoll und arbeitete ausdauernd und diszipliniert. Hier eine Aufnahme von 1997 aus seinem Haus in Sulzbach.
Harig erlebte Schreiben immer als lustvoll und arbeitete ausdauernd und diszipliniert. Hier eine Aufnahme von 1997 aus seinem Haus in Sulzbach. FOTO: fineart
Saarbrücken. Wahrscheinlich hat er mehr für die Verbreitung saarländischer Lebensart in der Welt getan als jeder andere Saarländer. Gleichzeitig hat er auf seinen Höhenflügen die Provinz immer auch hinter sich gelassen. Und ist dabei in vielen Phantasiegefilden gelandet. Heute begeht Ludwig Harig in Sulzbach seinen 90. Geburtstag. Christoph Schreiner

In einem seiner schönsten Texte, der Novelle „Die Hortensien der Frau von Roselius“ (1992), hat Ludwig Harig auf hintersinnige Weise die Poetologie seines literarischen Schaffens eingearbeitet. Schon auf den ersten Seiten heißt es dort: „Ich erinnere mich, ich träume, ich spinne die Fäden meiner Phantasie aus. Ich irre mich, ich täusche mich. Was tut’s?“, schreibt er in diesem wunderbaren Buch, dem als Motto ein (an anderer Stelle erwähntes) Bonmot Giordano Brunos vorangestellt sein könnte: „Auch wenn es nicht wahr ist, so ist es doch sehr gut erfunden.“



Raffinierter als in dieser Novelle hat Harig vielleicht nie die Dialektiken von Erinnerung & Erfindung und von Wirklichem & Möglichem im Dienste der Wahrheitssuche thematisiert. Wie Harig hier am Beispiel einer Sulzbacher Glasfabrikantenfamilie (mit der unnahbaren, dichtenden Gattin im Zentrum und einem vermeintlichen Kindermord als Ouvertüre) kunstvoll mit sich und uns sein bekanntermaßen doppelbödiges Spiel mit Erlebtem und Ersponnenem treibt und all dies noch dazu beständig mit Grundfragen des Schreibens und Imaginierens kurzschließt, das zeigt: Dieser Autor ist kein literarisches Leichtgewicht.

Heute feiert Ludwig Harig in Sulzbach, wo er seit vielen Jahrzehnten mit seiner Ehefrau Brigitte lebt, seinen 90. Geburtstag – bedauerlicherweise nicht mehr im Vollbesitz seiner Kräfte. Seit einigen Jahren ist der nicht nur bekannteste, sondern fraglos auch bedeutendste saarländische Schriftsteller erkrankt – einer der Gründe, weshalb auf offizielle Feierlichkeiten verzichtet werden musste.

Als der Volkschullehrer Harig 1974 seinen Brotberuf endgültig aufgab, um sich fortan ganz der Schriftstellerei zu widmen, war er bereits über seine Heimat hinaus als Autor zu einigem Renommee gekommen. Aus der sprachartistischen Stuttgarter Schule Max Benses kommend, die seine permutative frühe Dichtung geprägt und ihn zu ersten Höhenflügen geführt hatte, war Harig seit seinem Adenauer-Hörspiel „Staatsbegräbnis“ (1969) deutschlandweit ein gefragter Hörspielautor – was es ihm finanziell erheblich erleichterte, seinen Kindheitstraum, „Luftkutscher“ zu werden, einzulösen. Über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg – bis hin zu seinem letzten, 2007 erschienenen Roman „Kalahari“ über seinen langjährigen, in mehreren seiner Werke auftauchenden Freund Roland Cazet – hat Harig in zahllosen autobiografischen Werken, Reden, Rezensionen und Aufsätzen eine literarische Harmonielehre der versöhnten Widersprüche entwickelt. Und damit in gewisser Weise die Mentalität der Saarländer zum Weltmodell erhoben.

Letztere hatte er bereits 1977 in „Die saarländische Freude“ in bis heute gültiger Weise erkundet und auf schmeichelhafte Weise geadelt. In einem SZ-Interview aus Anlass seines 75. Geburtstags schickte Harig hinterher: „Wenn man alle Schlüsse meiner Bücher liest, wo ja oft von einer schöneren Zukunft die Rede ist, obschon selbst da die Wölfe nicht bei den Lämmern liegen werden, dann wird man merken, dass diese schönere Zukunft das Akzeptieren der Widersprüche ist – der Weltanschauungen und der Religionen.“ Heute, wo uns die politischen System-Widersprüche immer öfter um die Ohren fliegen, mag dieser Satz wie ein frommer Wunsch klingen. Doch steckt in diesem durch und durch toleranzerprobten „Leben und Leben lassen“-Prinzip Harigs eine tiefere Wahrheit: Weder gibt es Gewissheit ohne Zweifel noch gütliches Auskommen ohne Akzeptanz von Gegensätzen.



Wenn Harig in seinem Werk auch immer wieder gehörig ins Märchenhafte geraten ist, so fabulierte dieser geborene Erzähler doch in erster Linie deshalb unaufhörlich ins Blaue hinein, weil er mit dem Romantiker Friedrich Schlegel der Auffassung ist, „dass die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide“ (Schlegel). Harig nahm das stets als Freibrief, in seinem Werk  der Kunst des paraxoden Schwadronierens zu frönen. Und nach Lust und Laune Pirouetten zu drehen und dabei das eigene Leben, Denken und Empfinden, genährt von bukolischen Freuden, großer Reiselust und einer entwaffnenden Fröhlichkeit, bisweilen bis an die Schmerzgrenzen der Wiederholung literarisch zu verwerten.

Eine Kritik, mit der er bei aller Eitelkeit von jeher umzugehen weiß: „Mein realistisches Form- und Stoffwechselgeschäft mit Wörtern ist so autark, dass ich sogar meine Produktionsexkremente auf ein Minimum reduziere und bis zu einem Maximum vernutze“, heißt es bereits in einem frühen, 1977 erschienenen Aufsatz des Sulzbachers mit dem Titel „Mein realistisches Geschäft“. In seinem Fall gestaltete sich dieses Geschäft auf dem Weg permanenter Verschränkung von Leben und Literatur. Weshalb sich fragen ließe, ob Harigs autobiografische Romane „Ordnung ist das ganze Leben“ (1986), „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“ (1990), „Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf“ (1996), die mehr alles andere seinen Ruhm begründeten, eher Lebensgeschichte oder Roman sind. Wie auch immer: Mit dieser Trilogie (insbesondere mit Teil eins, Harigs Vater-Roman; weniger mit dem allzu schrullenhaften „Wölfe“-Roman) hat er Maßstäbe gesetzt.

Nicht nur, dass sich darin die von  Abgründen, Verführungen und Konformismus geprägte Epoche zwischen den beiden Weltkriegen kondensiert. Am Beispiel der Vater-Vita und im Weiteren seiner eigenen Jugendzeit unter Hitler und seiner Läuterung nach 1945  gelingt Harig hier nicht nur ein Zeit-, sondern auch ein Sinnbild menschlicher Existenz. An anderer Stelle hat er dieses, sein poetisches Verfahren einmal das „Zusammenfallen der Gegensätze“ genannt. Für einen „Alleszerschwätzer“ wie ihn blieb dies die Königsdisziplin.

Im Müncher Hanser Verlag sind bis dato neun Bände einer mindestens elf Bände umfassenden Werkausgabe von Ludwig Harig erschienen.

Der Selbstbewusste: Harig 1956 an der französischen Riviera.
Der Selbstbewusste: Harig 1956 an der französischen Riviera. FOTO: gollenstein
1971 mit den Freunden Hans Dahlem (l.) & Leo Kornbrust.
1971 mit den Freunden Hans Dahlem (l.) & Leo Kornbrust. FOTO: ohne co
Ludwig Harig 2012 bei einer Feier zu seinem 85. Geburtstag im Treppenhaus der Aula in Sulzbach. Hinter ihm an der Wand Verse von ihm.  
Ludwig Harig 2012 bei einer Feier zu seinem 85. Geburtstag im Treppenhaus der Aula in Sulzbach. Hinter ihm an der Wand Verse von ihm.   FOTO: Iris Maurer