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Reprint der Satirezeitschrift „Simplicissismus“
Mit satirischem Strich Wunden schlagen

„300 neue Unteroffiziere brauchen wir. 600 haben wir beantragt, 500 haben uns die Hornochsen bewilligt – was machen wir mit den überflüssigen 200 ?“. Karikatur von Wilhelm Schulz: „Nach der Reichstagssitzung“ (1904).
„300 neue Unteroffiziere brauchen wir. 600 haben wir beantragt, 500 haben uns die Hornochsen bewilligt – was machen wir mit den überflüssigen 200 ?“. Karikatur von Wilhelm Schulz: „Nach der Reichstagssitzung“ (1904). FOTO: Reprint: Verlag Langen Müller
Saarbrücken. Reinhard Klimmts und Hans Zimmermann Reprint der Satirezeitschrift „Simplicissismus“ ist ein deutsches Lehrstück. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Auf das deutsche Kaiserreich (1871-1918) zurückblickend, schrieb Golo Mann in seinem immer wieder lesenswerten, lebensklugen 1000-seitigen Abriss über die „Deutsche Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert“ etwa: „Das Sichhinwegwenden von der Zeit, das Thronen über ihr, der vulgären, gierigen, stillosen, konnte selbst zu einer charakteristischen Zeiterscheinung werden.“ Sätze, an die man sich erinnert fühlt beim Blättern in der großen „Simplicissimus“-Edition, die jüngst im Verlag LangenMüller erschienen ist und als Reprint anhand von mehr als 200 satirischen Karikaturen die wechselvolle Geschichte dieses wichtigsten, politischen deutschen „Witzblatts“ nachzeichnet, das in seinem literarischen Teil bedeutenden Autoren wie Rilke und Hofmannsthal, Thomas und Heinrich Mann, Robert Walser oder Karl Kraus ein Forum bot.


Als der junge Verleger Albert Langen 1893 in Paris seinen Buch- und Kunstverlag Albert Langen gründete, war nicht abzusehen, dass Langen wenige Jahre später mit dem „Simplicissimus“ gewissermaßen ein Zentralorgan der Kritik am halsstarrigen Militarismus, Klerikalismus und Nationalismus der wilhelminischen Zeit inthronisieren würde. Tatsächlich avancierte die Münchner Wochenschrift in Sachen beißender Satire schnell zu einer der ersten künstlerischen Adressen ihrer Zeit. Wie so oft kurbelte Zensur die Popularität der Zeitschrift an: Als sie voller Häme eine Palästinareise von Kaiser Wilhelm II. aufspießte, ließ die sächsische Zensurbehörde mehrere Ausgaben des Satireblatts beschlagnahmen und nahm den Dichter Frank Wedekind sowie den Zeichner Thomas Theodor Heine wegen Majestätsbeleidigung in Festungshaft. Bald darauf hatte sich die „Simplicissismus“-Auflage auf rund 67 000 Exemplare verdoppelt – an beides (wie an manche weitere Wendung der Blattgeschichte) erinnern in ihrem Vorwort die Reprint-Heraus­geber Reinhard Klimmt und Hans Zimmermann.

Anlässlich seines 125-jährigen Verlagsjubiläums hatte der Verlag Klimmt, Ex-Ministerpräsident des Saarlandes und bekennender Bibliomane, die Idee zu dem nun vorliegenden, berückenden Auswahlband angetragen. Klimmt ließ sich nicht lange bitten und nahm den Literaturhistoriker der Weimarer Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Hans Zimmermann, mit ins Herausgeberboot. Aus guten Gründen: Zimmermann hat für die Stiftung Weimarer Klassik sämtliche Ausgaben des „Simplicissismus“ (wie auch der „Jugend“ und des „Wahren Jakob“, zweier anderer einflussreicher Wochenschriften des Kaiserreichs und der Weimarer Republik) digital komplett erschlossen und kennt sie aus dem Effeff.



Im Arbeitszimmer seines Saarbrücker Hauses sitzend, erzählt Klimmt (76), dass er sich beim Studieren der satirischen „Simplicissismus“-Vorlagen Mal um Mal gefragt habe, wie es sich mit der Historie denn nun generell verhalte. Ist Geschichtsschreibung, mit Hermann Broch gesprochen, „rückwärtsgewandte Prophetie“, in dem sie die jeweiligen  Fakten & Figuren, Einflüsse & Möglichkeiten im Rückblick zu lauter Folgerichtigkeiten addiert? Oder ist sie doch eher, nach einem berühmten Bonmot Theodor Lessings, die „Sinngebung des Sinnlosen“? Zumindest lehrt der Bilderbogen, den Klimmt und Zimmermann nun aus den 2577 erschienenen „Simplicissismus“-Ausgaben herausdestilliert haben, dass Geschichte eine höchst komplexe, widersprüchliche Angelegenheit bleibt. Nicht alleine deshalb, weil das Blatt, zu dessen pointiertesten Zeichnern neben Heine etwa Bruno Paul, Olaf Gulbransson und Karl Arnold gehörten, nach 1914 zu einer chauvinistischen, kriegsverherrlichenden Postille degenerierte. Sondern auch, weil insbesondere der erste und üppigste, das Kaiserreich sezierende Teil der Auswahl-Edition verdeutlicht, wieviele Facetten es bereits hier zu berücksichtigen gilt. Differenzierung tut not. Karikiert werden im „Simplicissismus“ nicht nur die Selbstherrlichkeit von Militär und Adel, sondern auch die Unterwürfigkeit der Beamten und das Bigotte der Staatskirche. Wie Golo Mann schrieb: „Man glaubte nicht mehr an der Obrigkeit und gehorchte ihr doch.“

Jedem Kapitel des Bandes sind nicht nur prägnante Erläuterungen vorangestellt, jede Karikatur wird ferner auch in den jeweiligen historisch-politischen Kontext eingebettet – all das macht aus dem Buch ein Lehrstück über die enorm wechselvolle deutsche Historie jenes halben Jahrhunderts, das Wilhelminismus, Weltkrieg, Republikgründung und nicht zuletzt den Aufstieg der Nationalsozialisten umfasst. Unterm (satirischen) Strich ergibt dies ein „Labyrinth von verkrüppelter Demokratie und blühendem Byzantinismus, von Junkermacht, industrieller Macht, Soldatenmacht und Parteienmacht“, um nochmals Golo Mann zu zitieren.

Reinhard Klimmt sieht, wie er erzählt, gewisse Parallelen zwischen dem liberalen, anti-autoritären Geist des „Simplicissismus“ in seinen besten Jahren (vor 1914) und dem Aufrührerischen der Zeitschrift „Pardon“ in den 1960er Jahren. Beide seien keine Intelligenzblätter gewesen, sondern „für die breite Bevölkerung gemacht worden“ (Klimmt). Dass das Münchner „Witzblatt“ in der Weimarer Republik nicht mehr dieselbe Häme und Treffsicherheit wie zu Zeiten des Kaiserreichs entwickelte, hing mit dem Wegfall eindeutiger Feindbilder zusammen.

Im April 1933 wurde die Zeitschrift dann von den Nazis „gleichgeschaltet“ und der Jude Th.Th. Heine, unter ihren Zeichnern der führende Kopf, ins Exil gezwungen. Dass Klimmt und Zimmermann den unrühmlichen Zeitschriften-Epilog ausblenden, die noch bis 1944 fortbestand, dabei aber ihre Ideale verriet und zum bloßen Unterhaltungsorgan verkam, ist die einzige Schwachstelle des Buches. Dabei schreibt Zimmermann (auf der Internetseite des kompletten digitalisierten „Simplicissismus“ nachzulesen) selbst über die Zeit nach ’33: „Denunziationen, Pogrome, Massen­morde, Konzentrationslager, Welt­krieg finden im Simplicissimus keinen Widerhall (mehr), stattdessen sucht das Blatt Zuflucht im politisch Unver­fänglichen.“ Musste ihr Bilderbogen deshalb 1933 enden, weil der Verlag Langen Müller sich sein Verlagsjubiläum nicht schmälern lassen wollte?

Wie auch immer: Reinhard Klimmts inzwischen auch in anderen (regionalhistorischen) Büchern von ihm erprobte Vorliebe, „Dinge so zu kompilieren, dass aus den Bildern eine Zeit spricht“, löst der famose Karikaturenband dennoch auf treffliche Weise ein.

Reinhard Klimmt/Hans Zimmermann (Hrsg.): Simplicissimus 1896-1933. Die satirische Wochenschrift. LangenMüller, 298 S., 48 €