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Der Pathos-Sprenger

Konstantin Ames in Saarbrücken. Foto: Oliver Dietze
Konstantin Ames in Saarbrücken. Foto: Oliver Dietze FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. Konstantin Ames hat im Saarländischen Künstlerhaus den zweiten Teil seiner poetischen Trilogie vorgestellt. Die Lesung hat manchen wohl überfordert. David Lemm

"sTiL.e(zwi)Schenspiele", so lautet der rätselhafte Buchtitel. Was auf den ersten Blick wie ein bunt zusammengewürfelter Buchstabensalat wirkt, lässt sich bei genauer Betrachtung leichtestens aufdröseln in Stile - Zwischenspiele. Der aus Völklingen stammende Schriftsteller Konstantin Ames (37) knüpft mit dem Titel an den ersten Teil seiner poetischen Trilogie "sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen" an, 2012 im roughbooks- Verlag von Urs Engeler erschienen.



Dass der in Berlin lebende Saarländer nun ausgerechnet in der hiesigen Buchreihe "Topicana" publiziert, war anfänglich nicht so vorgesehen. Dennoch handele es sich um keine "Verlegenheitslösung", betont Ames am Montag im gut besuchten Künstlerhaus. Auch Klaus Behringer, Vorsitzender des saarländischen Schriftstellerverbands, freut sich, dass Ames seinem "Lockruf" gefolgt ist: "Wir sind stolz darauf, ihn dabeizuhaben in unserer Experimentalreihe, denn ich zumindest halte ihn für einen echten Dichter." Seit nunmehr 18 Jahren fördert die in der Edition Saarländisches Künstlerhaus erscheinende Buchreihe "Topicana" Autoren und Autorinnen aus der Großregion mit einer Erstpublikation.

Mit Ames haben sich die Topicana-Herausgeber passend zum 30. Band-Jubiläum einen hochgelobten und mehrfach ausgezeichneten Vertreter seiner Zunft geangelt, der sich nach dem Studium am Literaturinstitut in Leipzig ausbilden ließ. Im Mai gewann Ames den mit 8000 Euro dotierten Lyrikpreis Meran. "Zwischen Wolf Biermann, Novalis und Rilke bewegen sich die Gedichte von Konstantin Ames. Nie aber werden sie heimisch in der Formensprache von Pathos und Betulichkeit", lobte die Jury. In der Tat betreibt Ames kunstvolle, vertrackte Wortfeld-Erkundungen wie etwa Thomas Kling. Das zeigen die rund 40 auf 100 Seiten im quadratischen Topicana-Bändchen versammelten Kurztexte, die sich mal lyrisch und mal prosaisch gerieren - gerne mit Kalauer am Ende, um das Pathos donnernd zu sprengen.

Ames liest mit Inbrunst, feiner Modulation und kommt in der halbstündigen Lesung sichtbar ins Schwitzen. Seine Schenspiele - moselfränkisch für Schimpfspiele - entspinnen sich an datierten Alltagsbeobachtungen, die oft in der Wahlheimat Berlin angesiedelt und immer wieder Spitzen sind: gegen deutsche Befindlichkeiten im Allgemeinen und den in abgeschlossenen Zirkeln organisierten Berliner Literaturbetrieb im Speziellen. Da Ames schnell und ohne große Erklärungen seine "Poesien" - Lyrik klingt ihm im Auslaut zu neopreußisch-zackig - liest, bleibt das tiefere Verständnis zuweilen auf der Strecke. Publikumsreaktionen sind rar, bei Saarland-Anspielungen ("Sag leise zum Abschied Grewenig") zumindest vernehmbar. Als Ames mit dem schönen Satz "Wenn es am schönsten ist, soll man solidarisch mit sich selbst sein" endet, stellt niemand eine Frage; die Lesung hat wohl alle gefordert und manchen überfordert. Ames' Ideal permanenter Erneuerungsarbeit, mit dem Ziel das bildungsbürgerliche Lyrikideal (konventionell oder dada) zu überwinden, löst er mit Bravour ein - den Preis, als unverstanden zu gelten, nimmt er als passionierter Wortarbeiter billigend in Kauf.

Konstantin Ames: sTiL.e(zwi)Schenspiele. Poesien. Topicana (Nummer 30). Edition Saarländisches Künstlerhaus. 108 Seiten, 12 Euro.