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Kontroverse um Filmbuch
Kollaboration oder Kniefall des Kapitalismus?

Der Einband des Buchs mit Kinofan Adolf Hitler, der genau kontrollierte, welche Filme gedreht oder importiert wurden. ⇥Foto: Theiss Verlag
Der Einband des Buchs mit Kinofan Adolf Hitler, der genau kontrollierte, welche Filme gedreht oder importiert wurden. ⇥Foto: Theiss Verlag FOTO: Theiss Verlag
Saarbrücken. Ben Urwands Buch „Der Pakt“ untersucht die Beziehungen zwischen NS-Deutschland und Hollywood – und ist dabei sehr umstritten. Von Tobias Keßler

Charlie Chaplin hält im „Großen Diktator“ eine flammende Rede für die Freiheit. Und Errol Flynn führt im Film „Sabotageauftrag Berlin“ tumbe NS-Trupps an der Nase herum. So stellt man sich gerne das US-Kino ab 1933 vor – Filme mit eindeutigem Standpunkt gegen den deutschen Faschismus. Doch so eindeutig war das nicht, und die erwähnten Filme entstanden 1940 beziehungsweise 1942. Für Hollywood war das Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg ein wichtiger Absatzmarkt, den man nicht gefährden wollte – entsprechend war man über Jahre zu Zugeständnissen bereit; eine neue Erkenntnis ist das nicht, amerikanische Historiker haben dazu einiges veröffentlicht. Doch der US-Geschichtswissenschaftler Ben Urwand spitzt das in seinem Buch „Der Pakt“ merklich zu, was schon der Titel zeigt, über den man streiten kann. War das in der Tat ein „Pakt“? Der US-Titel geht noch weiter: „The Collaboration. Hollywoood’s pact with Hitler“. Also sogar „Kollaboration?“


Ben Urwand trägt nach langer Archivarbeit in den USA und vor allem Deutschland eine Geschichte des Entgegenkommens zusammen: Im Dezember 1930 teilt die deutsche Regierung den Hollywoodstudios mit, sie könnten in Deutschland nur dann Geschäfte machen, wenn ihre Filme das „deutsche Prestige“ nicht beschädigten. Eine zentrale Rolle beim folgenden Schmusekurs der Studios ist der deutsche Konsul in Los Angeles, Georg Gyssling. Er verlangt immer wieder von US-Studios Änderungen an ihren Filmen über Deutschland und droht mit der Ausweisung der Verleihfirma vom deutschen Markt.

Nicht alle, aber einige Studios kommen dem Konsul gerne entgegegen: Ihm wird 1931 etwa eine frühe Version von „Der Weg zurück“ gezeigt (nach seiner Kritik wird die militärkritische Remarque-Verfilmung an 21 Stellen gekürzt); es ist die Fortsetzung von „Im Westen nichts Neues“ – jenes Films, der in deutschen Kinos von Protesten begleitet wurde, die Propagandaminister Joseph Goebbels organisiert hatte. Danach hatte das betreffende Studio (Universal) den Film noch einmal mit Kürzungen vorgelegt, damit er in Deutschland problemlos laufen kann. Zudem hat der Konsul laut Urwand die Produktion des NS-kritischen Films „The Mad Dog of Europe“ verhindert; danach wirkt er direkt auf die Drehbucharbeit an der dritten Remarque-Verfilmung „Drei Kameraden“ (1938) ein.



Nicht alle Studios spielen so lange mit: Warner schließt seine deutsche Niederlassung 1934, Universal und Columbia 1936. Aber erst der Kriegsbeginn ändert die US-Filmpolitik grundlegend: Ab da sind die Nazis im US-Kino die Schurken. Ab 1945 ist Deutschland wieder ein Markt, der aufgebaut und bedient werden will – mit einem Vorrat von während des Krieges nicht gezeigten Filmen.

Urwand erzählt von Profit und Opportunismus, der titelgebende Begriff „Pakt“ wirkt dennoch nicht schlüssig. Auch sind manche Zuspitzungen nicht nachvollziehbar: Das Gary-Cooper-Abenteuerstück „Bengali“ (1935), ein Lieblingsfilm des NS-Regimes, feiert zwar Kolonialismus und Imperialismus – aber ist es gleich ein nationalsozialistischer Film, weil Hitler und Goebbels von ihm begeistert sind? Auch der US-Film „Unser täglich Brot“ (1934) über die Gründung einer Genossenschaft, der in den USA als linker Film aufgenommen wurde, wird bei Urwand zum NS-Epos. Das schmälert das Vertrauen in manche Schlüsse, die er zieht. Darunter seine grundlegende These, „dass die Studiochefs nicht den Wunsch verspürten, ihr jüdisches Erbe zu verteidigen“.

In den USA wurde Urwand von anderen Historikern zum Teil als übertreibend und methodisch schludrig kritisiert, auch hierzulande ist das Echo geteilt. Der Deutschlandfunk etwa nennt das Buch „hochinteressant“, die Jüdische Allgemeine spricht von einem „zwiespältigen Eindruck“ zwischen „Erkenntnis und Fehlinterpretation, Erhellendem und peinlicher Einseitigkeit“.

Aller Einwände zum Trotz – und einer leseunfreundlichen Gliederung in gerade mal sechs Kapitel für 260 Seiten Text (ohne Epilog und Anmerkungen): „Der Pakt“ bleibt eine faszinierende Faktensammlung, auch wenn man nicht jeder Interpretation folgen mag. Aber das Buch sensibilisiert womöglich den Blick dafür, wie die Filmindustrie – auch heute – mit Regimes, ob nun tyrannisch oder nur halbtyrannisch, pfleglich umgeht, um Absatzmärkte nicht zu beschädigen.

Ben Urwand: Der Pakt. Hollywoods Geschäfte mit Hitler. Aus dem Englischen von Gisella M. Vorderobermeier. 328 Seiten, 29,95 Euro.