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SaarArt11 im Museum Ludwig
Der langsame Pfeil der Schönheit

Wie in einem Naturkundemuseum in Vitrinen gepackt: Stefan Zöllners hinreißende, meisterlich zusammengesetzte Objects trouvés, Foto: Schreiner
Wie in einem Naturkundemuseum in Vitrinen gepackt: Stefan Zöllners hinreißende, meisterlich zusammengesetzte Objects trouvés, Foto: Schreiner FOTO: Schreiner
Saarlouis. Höhen und Tiefen in Saarlouis: Das Museum Ludwig als jüngste Station im Eröffnungsreigen der „SaarArt11“ setzt eher im Erdgeschoss Glanzlichter. Christoph Schreiner

Auch wenn man es noch nicht sieht: Dem Saarlouiser Haus Ludwig steht ein finaler Abschied ins Haus. Die Stadt hat die Immobilie verkauft. Bis September zieht das Museum in die gegenüberliegende Kaserne VI, in der dann auch das Stadtmuseum (und das Stadtarchiv) untergebracht wird. Ob das klug war? Zeigt das Museum Ludwig doch in seiner letzten Schau am angestammten Ort, die zwölf künstlerische Positionen im Rahmen der "SaarArt11" abbildet, auf zwei Etagen einmal mehr seine Qualitäten als Kunstort: Die zwei großen Säle und zehn Kabinett-Räume taugen wohl ungleich besser zu Ausstellungszwecken als die künftigen Räume mit dort fehlenden Zwischenwänden und niedrigen Decken.



Betritt man das Museum, stößt man im Erdgeschoss auf zwei Großformate von Gisela Zimmermann, die in ihrem Gestus gegensätzlicher kaum sein könnten: zur Linken "L15", eine in gleißendem Licht liegende, irisierende (Fluss?-)Landschaft, über der sich schweres Wetter zusammenbraut. In seiner Bewegtheit bewegend. Zur Rechten ein gewaltiges, 4,50 mal 2,12 Meter großes, statischeres (und schwächeres) Gemälde, in dem ein Farbdickicht aus stumpfem Blau, Schwarz und Grün als Kontrapunkt ein gesprühtes, geometrisches Raummuster hat. An der Stirnseite des Saals saugt ein meisterliches Werk von Volker Sieben förmlich an, das eine bei ihm ungewohnte Helligkeit auf unsere Iris sprüht: "Why so pretty flamingo?", wobei man auch einen Totenkopf, der zugleich an eine Farbpalette erinnert, darin sehen könnte. Hingegen zehren die drei anderen Werke Siebens im Obergeschoss von einem aufgeladenen Dunkel.

Vor allem "Margaritas Dream" bezwingt als Palimpsest in düsteren, gebrochenen Farben; "der langsame Pfeil der Schönheit", um mit Nietzsche zu sprechen, sinkt langsam darin ein. Ein Bild, in dem man, sich einen Stuhl davor stellend, versinken und Wölfe (und ein Geislein?) herauslesen kann.

Aber bleiben wir noch im Erdgeschoss: Mit Michael Voigt und Frank Jung zeigen dort zwei HBK-Studenten Rauminstallationen: Voigt inthronisiert in einem nachtschwarzen Raum ein (bereits unlängst in der HBK-Galerie zu sehendes) Gefäß, in das alle zehn Sekunden ein Wassertropfen fällt und (per verzögert wirkender Lichtschranke) einen Lichtblitz auslöst. Binnen 24 Stunden ereignen sich 8640 Lichtexplosionen (und sammeln sich 125 tropfende Milliliter Wasser). Eine in ihrem Purismus bezwingende "Sekundenskulptur" (Voigt). Frank Jung rätselhafte Klanginstallation basiert auf flirrenden Brummgeräuschen, die je nach Raumstandort auf und abschwellen, während ein Sternbild (als Projektion eines vor einem Diaprojektor baumelnden, auf Schwingungen reagierenden geschwärzten Glases) die Wände entlang kreist. Ein unergründliches Spiel mit Wahrnehmungen und Leerstellen, dem man sich gerne ergibt.

Die letzten beiden EG-Kabinette nutzt der in Köln lebende Stefan Zöllner (1960 in Saarlouis geboren, verließ er 1984 das Saarland in Richtung Düsseldorfer Kunstakademie). "SaarArt11"-Kuratorin Cornelieke Lagerwaard stieß im Saarländischen Künstlerhaus auf Zöllner, der dort 2016 seine Rauminstallation "Transnature" zeigte. In Saarlouis besticht er mit hinreißenden Object trouvé-Kompositionen: Zoologischen Schaustücken gleich in Vitrinen liegend, verkörpern sie objekthafte Zivilisationsklone und sind Kreuzungen aus Plastikmüll und Naturformen (Knochen, Hörner, Muscheln), die Zöllner zumeist am Rhein-Ufer gefunden hat, wo er als Objektsammler angetriebenes Flussgut aufliest. Seine übermalten Drucke an den Wänden loten dazu zeichnerisch semantische Felder aus, deren Ideen-Aussaat Zöllners Vitrinenobjekte sind.



Steigt man dann die Treppen hinauf ins Obergeschoss, sinkt die Originalität. Ausgenommen Volker Sieben und Simon Kloppenburg, den dritten studentischen HBK-Rauminstallateur im Museum Ludwig. Zwar erschließt sich Kloppenburgs Arrangement nicht wirklich (Behelfsholzboden, schneeblumenartig erblindete Fenster, Kunstlichteliminierung). Vielleicht sollen seine beiden meditativen Zeichnungen (von feiner Schraffur lebend die eine, die andere von Myriaden zarter Striche) darin nur umso länger nachhallen. Das tun sie.

Das Prinzip serieller Miniaturisierung prägt auch Gertrud Riethmüllers Installation "Wandern mit der Zeit": Mit einer auf dem Boden platzierten Metallschale korrespondiert eine Tuschezeichnung, zusammengesetzt aus unendlich vielen winzigen Gefäßen - wobei dies ad infinitum allzu vordergründig symbolisiert wird durch eine Papierrolle, in der Riethmüllers Tranceübung sich einrollt.

Sich selbst treu bleibend, aber nicht an die Qualität seiner Zeichnungen heranreichend, wirken Uwe Loebens' drei Schmerzensmänner, die auch erst vor einigen Monaten im Künstlerhaus hingen. Noch weniger überzeugen die beiden, nunmehr gewissermaßen musealisierten Saar-Urban-Artisten Retro (Alex Hoffmann) & Reso (Patrick Jungfleisch). Während Resos abstrahierende Flächenkunst stets etwas Aseptisches und kalkuliert Vordergründiges behält, bleiben Retros zwei illustrative Schwarzweiß-Beiträge in rein dekorativen Fingerübungen stecken.

Zum Thema:

Eröffnungen und Termine Heute eröffnet die nächste Ausstellung der SaarArt in der Städtischen Galerie Neunkirchen (19 Uhr). Morgen um 19 Uhr öffnet das Museum Schloss Fellenberg in Merzig, am Samstag um 18 Uhr das Museum St. Wendel. Seit gestern läuft die SaarArt auch in Saarlouis im Museum Haus Ludwig und, einen guten Steinwurf entfernt, im Forschungszentrum für Künstlernachlässe am Institut für aktuelle Kunst (Choisyring). Das große Rahmenprogramm mit Vorträgen, Konzerten und Performances an den 13 Ausstellungsorten findet man unter www.saarart11.de