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Der Igel im Becher, der Porno im Keller

Saarbrücken. Kaum jemand seziert die Lebenslügen des gepflegten Bürgertums so gekonnt wie Eva Menasse. Nun erscheint ein neuer Band mit Erzählungen. Martin Halter

Mit kühlem Blick und spöttischer Eleganz reiht Eva Menasse seit Jahren Geschichten aus der Welt des geschmack- und anspruchsvollen Bürgertums wie Perlen an einer Themenkette auf. In "Lässliche Todsünden" (2009) waren es christliche Verfehlungen wie Wollust, Hochmut und Gefräßigkeit, die den erlesenen Rahmen für die Alltagskatastrophen von Intellektuellen, Künstlern und Unternehmern mit ihren Patchwork-Familiendramen und Teilzeitgeliebten abgaben. In "Quasikristalle" (2013) verfugte Menasse Short Cuts aus einem ähnlichen Milieu zu lückenlosen Kristallstrukturen; jetzt entwickelt sie aus einem Reigen von acht Erzählungen eine kleine Zoologie des zeitgenössischen Subjekts: "Tiere für Fortgeschrittene". Es geht um Balz- und Paarungsrituale, Revierkämpfe und "Geweihschauen", Duldungsstarre und schwachen Protest; und fast immer sind Kinder mit im Spiel, wenn sich Bobo-Weibchen und -Männchen im Urlaub oder zuhause ins Gehege geraten.



Über jeder Erzählung steht als Motto oder Vor-Satz eine kuriose Zeitungsmeldung aus dem Tierreich: Enten haben selbst im Schlaf ein wachsames Auge auf Fressfeinde, manche Schafe werfen ihre Wolle freiwillig ab, ein Vogel labt sich an den Tränen von Krokodilen. Menasse ist klug genug, ihre Tiergeschichten nicht zu einem Bestiarium aufdringlicher Allegorien zu machen. Meistens spielen die Tiere nur eine untergeordnete Rolle, manchmal führen sie auf falsche Fährten. Nur in "Igel" taucht tatsächlich und leibhaftig ein Igel auf. Micol, die exaltierte Frau eines Managers mit Hippieattitüden und "ökologisch gebeizten Ledersandalen", weiß im Italienurlaub nicht, wohin mit ihren Launen und Sehnsüchten nach Authentizität ohne Schnickschnack (aber mit Wellness und Prosecco).

Während ihr Mann einen Geschäftsabschluss im Mailänder Luxusbordell feiert, liest sie Welthunger-Essays und rettet den Igel, der im McDonald's-Eisbecher jämmerlich zu ersticken drohte.

"Igel" ist nicht frei von Klischees und Karikaturen. In der Regel aber sind Menasses Erzählungen fein ziselierte, nur leicht satirisch überzeichnete Geschichten um jene "turbokreativen", "neoprüden", fortgeschritten selbstreflektierten Mittelständler, die genug Zeit und Geld für die hingebungsvolle Sorge um Wohndesign, Sexualkontakte, politische Korrektheit und "Patchwork-Wahnsinn" haben.

In "Raupen" kümmert sich ein alter Mann in einer Mischung aus fürsorglicher Liebe, unterdrückter Aggression und Resignation um seine demente Frau: Er denkt an Rilke und die Pornos im Keller, sie plappert die alten Routinesätze ("Hauptsache, man ist gesund"); die Tochter rühmt die Vorzüge der "Dienstleistungsgesellschaft" im Heim, der Enkel, eine "Schlag-mich-doch-Provokation in Kindergestalt", kocht liebevoll für seine Oma und klaut ihr das Geld aus der Sparbüchse.



In "Haie", der vielleicht besten Erzählung, registriert die liberale Nora mit Befremden den subtilen Rassismus ihrer Freunde. Aber sie hat nicht den Mut zu widersprechen, und der Feind sitzt längst im eigenen Haus: Ihre Tochter war vorne mit dabei, als es einen traurigen kleinen Prinzen mit arabischem "Migrationsvordergrund" aus der Schule zu mobben galt. Wie es dazu kam, wollen die Helikopter- und Tigermütter, neuen Väter und engagierten Lehrerinnen mit ihrem "pädagogischen Abwiegelungs- und Schmuse-Sprech" lieber nicht wissen. Man ist für die Willkommenskultur und gegen rechts, aber für die eigenen Kinder ist nur das Beste gut genug - und dazu gehört ein womöglich krimineller libanesischer Mafiaclan natürlich nicht.

In "Schafe" proben die Dichter und Denker in einer sommerlich überhitzten Künstlerkolonie den Aufstand, aber ihre Revolte verläuft im Sande. Die Erzählung wirkt, nicht nur weil Menasse hier offensichtlich auf eigene Erfahrungen in der Villa Massimo zurückgreift, wie ein Fremdkörper unter den Tierkreiszeichen. Die anderen Erzählungen kreisen, wie alle Ehegeschichten von Schnitzler bis hin zu John Updike, um die winzigen Risse im Idyll, um die Schlangen im Paradies von Intimität, Harmonie und Vertrauen: Ein falsches Wort beim Abendessen, ein kleiner Flirt bei der Grillparty, ein Ausrutscher an der Wasserrutsche kann Ehen und Familien zerstören. Menasse erzählt keine großen Geschichten, sondern Alltagskatastrophen-Miniaturen, nicht komplette Biografien, sondern abgebrochene und steckengebliebene Lebensentwürfe.

Sie ertappt ihre Figuren in jenen heiklen Momenten, wo lange schwelende Krisen, langsame Abkühlungs- und Entfremdungsprozesse in emotionale Dramen umzukippen drohen. So verbindet die in Berlin lebende Wienerin intellektuell auf- und abgeklärte Berliner Urbanität mit Wiener Schmäh und österreichischer Ironie.

Eva Menasse: Tiere für Fortgeschrittene. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 20 Euro.