| 19:12 Uhr

Der Fortschritt, der aus der Kälte kam

Saarbrücken. Droht die Apokalypse? Oder darf man noch auf die Chance zu maßgeblicher Änderung unseres Denkens und Wirtschaftens hoffen: Was der Klimawandel bringt, bleibt etlicher Vorhersagemodelle zum Trotz letzthin Spekulation. Dass die Veränderung aber tiefgreifend ausfallen dürfte, kann kaum bezweifelt werden. Der Blick in die Geschichte wirkt da einmal mehr erhellend. Die letzte Eiszeit nämlich, eine gravierende Ausprägung des Klimawandels, liegt nicht tausende, sondern bloß 300 Jahre zurück. Von etwa 1570 bis 1700 herrschte eine kleine Eiszeit. Klirrendkalt wollten die Winter nicht weichen, die Sommer waren nass und kühl. "Die Welt war aus den Angeln" - so beschreibt es Philipp Blom in seinem aktuellen Buch. Der in Wien lebende Historiker und Schriftsteller skizziert darin die massiven Folgen dieses Klimawandels. Auf Europa fokussiert, dafür aber umso facettenreicher. Oliver Schwambach

Droht die Apokalypse? Oder darf man noch auf die Chance zu maßgeblicher Änderung unseres Denkens und Wirtschaftens hoffen: Was der Klimawandel bringt, bleibt etlicher Vorhersagemodelle zum Trotz letzthin Spekulation. Dass die Veränderung aber tiefgreifend ausfallen dürfte, kann kaum bezweifelt werden. Der Blick in die Geschichte wirkt da einmal mehr erhellend. Die letzte Eiszeit nämlich, eine gravierende Ausprägung des Klimawandels, liegt nicht tausende, sondern bloß 300 Jahre zurück. Von etwa 1570 bis 1700 herrschte eine kleine Eiszeit. Klirrendkalt wollten die Winter nicht weichen, die Sommer waren nass und kühl. "Die Welt war aus den Angeln" - so beschreibt es Philipp Blom in seinem aktuellen Buch. Der in Wien lebende Historiker und Schriftsteller skizziert darin die massiven Folgen dieses Klimawandels. Auf Europa fokussiert, dafür aber umso facettenreicher.


Gesellschaft, Handel, Wissenschaft, Religion, aber auch Kriegshandwerk und Künste nimmt er in den Blick. Das Genre der Winterbilder etwa, die detailliebend Miniaturszenen komponieren, die Menschen auf dem Eis schlitternd zeigen, beim Frostvergnügen, haben die Kunst bereichert. Doch waren sie auch Schönfärbung der knallharten Wirklichkeit, in der Ernten ausblieben, Hungersnöte und Seuchen grassierten.

Blom zeigt, wie das sich wandelnde Klima zu Veränderung, zu Entwicklung zwang, auch wenn Geschichte natürlich keiner monokausalen Mechanik unterliegt. Die Umwälzungen waren fürwahr revolutionär: Der Kaufmann, der Güter und Waren, aber auch das fehlende Korn heranschafft, wird zum prägenden Akteur, während der Adel abwirtschaftet. Naturphänomene werden nicht mehr als gottgegeben erduldet. Gelehrte, Wissenschaftler machen sich daran, Zusammenhänge aufzuspüren, Lösungen zu finden. Man erkundet und vermisst die Welt, um sie verstehen zu können.



In Grundzügen entstehen daraus jene Gesellschaftsmuster, die uns heute noch Halt geben. Die aber mit einem neuen Klimawandel erschüttert werden dürften. Blom verdichtet da eine enorme Faktenflut kunstvoll zu einer historischen Betrachtung, die sich sogkräftig wie ein Roman lesen lässt. Und, ja, dann auch hoffen lässt. Klimawandel zeitigt nicht nur Negatives. Die Not zur Veränderung kann eben auch Entwicklung und Fortschritt bedeuten.

Philipp Blom: "Die Welt aus den Angeln", Carl Hanser, 304 Seiten, 24 Euro.