| 20:28 Uhr

Neu im Kino
Der lange Weg des Astronauten

Saarbrücken. Der Film „Aufbruch zum Mond“ mit Ryan Gosling erzählt vor allem die Vorgeschichte der Mondlandung 1969. Von Anke Sterneborg

Gleich die ersten Bilder rütteln und ­schütteln den Zuschauer durch, als säße er selbst in einem Raumschiff, das unter dem Druck der Atmosphäre jeden Moment nachgeben könnte. Damien Chazelle überträgt die Erfahrungen des Weltraumfluges, den ohrenbetäubenden Maschinenlärm, die physische und psychische Belastung, die Einsamkeit ganz unmittelbar ins Kino. Hier wird der Zuschauer für gut zwei Stunden zum Astronauten. Vor allem die Mondsequenzen, aber auch die diversen Testflugszenen entwickeln dabei eine erhabene, lyrische Schönheit.


Wer in der Nacht vom 21. auf den 22. Juli 1969 einst als Kind geweckt wurde, um den historischen Moment mitzuerleben und damals nur eine diffuse Ahnung von der Größe des Moments hatte, der bekommt jetzt, fast 50 Jahre später, wirklich ein Gefühl für die komplizierten Abläufe, für all die kleinen und großen Probleme, die vor dem Aufbruch in dieses neue Terrain zu bewältigen waren. Das könnte eine trockene Angelegenheit sein, doch Chazelle gelingt es, den Zuschauer in seine extreme Wahrnehmung hineinzuziehen, in Ängste ebenso wie in Euphorie.

Nachdem sich Chazelles Filme „Whiplash“ und „LaLaLand“ aus seiner persönlichen Leidenschaft für die Musik speisten, verfilmt er mit „Aufbruch zum Mond“ jetzt erstmals ein fremdes Drehbuch, das Josh Singer, Autor unter anderem von „Spotlight“ und „Die Verlegerin“, nach dem Sachbuch „First Man: The Life of Neil Armstrong“ geschrieben hat. Den ersten Flug zum Mond schildert der Film nicht als nationalen Triumph, sondern als persönlichen Leidensweg eines zerrissenen Helden. Das ikonische Bild, in dem die US-Flagge in den Mondboden geschlagen wird, umgeht der Film.



Stattdessen gibt es intime Momente der Unzulänglichkeit, etwa wenn sich der von Ryan Gosling gespielte Armstrong nur auf Druck seiner Frau (Claire Foy) von seinen Söhnen verabschiedet und dabei in der für die Generation der Nachkriegsmänner typischen Gefühlsverkrüppelung keine Nähe findet. „Noch Fragen?“ Im Grunde hält er auch vor den Kindern nur eine Pressekonferenz ab.

In einem detaillierten Abriss der Jahre 1961 bis 1969 geht es in „Aufbruch zum Mond“ um die vielen organisatorischen, erfinderischen, aber auch menschlichen Etappen und Rückschläge auf dem Weg zum Mond. Die größte Katastrophe erlebt Neil Armstrong schon 1962, als seine Tochter im Alter von zwei Jahren an einem Hirntumor stirbt. Dieses Trauma wird im Film zum Gegenpol: hier die Grenzen der Wissenschaft, dort ihre unbegrenzten Möglichkeiten. Das Öffentliche und das Private sind die beiden Pole, zwischen denen Chazelle seine Geschichte aufspannt – und Gosling sein Spiel. Hinter der beherrschten Fassade lässt er immer wieder die feinen Risse durchschimmern, den inneren Tumult eines Menschen an der Grenze.

„Aufbruch zum Mond“  startet morgen in der Camera Zwo (Sb). Mehr zum Film und den anderen Neustarts morgen in unserer Beilage treff.region.