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Der doppelte Luther oder: Kirchenvertreter in der Bredouille

Berlin. Seit 1895 gibt es in Berlin ein Luther-Denkmal. Seine Restaurierung war Auslöser für einen Streit um dessen Siegerpose. Also verständigte man sich auf eine Neudarstellung des Reformators. Doch auch der Siegerentwurf stößt unter Theologen auf Kritik. Roland Mischke

Er war grobschlächtig und besserwisserisch, sah auf Frauen herab, verachtete Bauern und hetzte die Söldner der Herren gegen den "aufständischen Pöbel". Und er war ein bekennender Antisemit. Martin Luther (1483-1546) war kein sanfter Christenmensch. Im kommenden Jahr soll er mächtig gefeiert werden als Theologe, der die Reformation 1517 mit seinem Thesenanschlag an die Stadtkirche in Wittenberg, heute mit dem Beinamen "Lutherstadt", in Gang gebracht hat. Die Bundesregierung und mehrere europäische Staaten sind dabei. Weltweit freuen sich protestantische Christen auf das Jubiläum, vor allem in Lateinamerika, Afrika und Asien, der evangelische Glaube erhält dort am meisten Zuspruch.


Aber manche Theologen graust es vor dem Jubelfest. Das zeigt sich derzeit in Berlin, wo es ein 3,50 Meter hohes Denkmal gibt, auf dem Luther seit 1895 in Heldenpose, eingehüllt in einen gewaltigen Mantel, mit der Bibel in der einen Hand, während er mit der anderen Hand in die Ferne weist, dargestellt ist. Die Bronzeskulptur stand seit 1990 wieder vor der Marienkirche am Alexanderplatz, nun wird sie restauriert. Und dann? Vier Jahre lang hat eine Gruppe von Theologen, Künstlern, Städteplanern und Architekten darüber diskutiert - bis Anfang des Jahres ohne Ergebnis. Ausgerechnet Theologen wollen den Reformator aber nicht mehr als deutsche Nationalgestalt und Heroen sehen. Sie betonen, dass sie die Siegerpose störe und reden über Luthers reaktionäre Einstellungen und moralische Abgründe. Ein Streit, wie es ihn nur in der evangelischen Konfession geben kann, die Heiligen des Katholizismus würden nie so von den eigenen Leuten herabgestuft werden. Das aber ehrt die Theologen, sie agieren ohne Scheuklappen. Sind aber leider etwas spät dran.

Ende Juni wurde von einer Jury einer der Beiträge für die Neudarstellung Luthers als Siegerentwurf ausgezeichnet. Der Berliner Künstler Albert Weis wird, unterstützt vom Architekturbüro Zeller & Moye, den Umriss der alten Denkmalsanlage vor der Marienkirche im Boden markieren. Die Betrachter sollen aber nicht mehr hinauf zu Luther schauen, sondern auf Augenhöhe mit ihm sein. Das Denkmal und ein Duplikat derselben Figur werden sich gegenüberstehen. Luther spiegelt Luther, denn das Duplikat wird mit glänzendem Chrom oder Nickel überzogen. Der Reformator befragt sich, tritt in einen Dialog mit sich selbst. Ein Vorgang, den Luther in seiner Lebenszeit - trotz aller Zweifel, die ihn peinigten - wohl nie vollzogen hätte. "Das führt ins Leere", meint Pfarrerin Cordula Machoni von der Marienkirche. Der Entwurf sei "nicht akzeptabel", widerspreche dem Anliegen der Reformation.



Auch der Kunstbeauftragte der Landeskirche, Christhard-Georg Neubert, ist als Sachverständiger "sehr irritiert": "Der sich selbst bespiegelnde Mensch war für Luther der Abgrund schlechthin", erklärt er. Der Christ solle zu Gott aufschauen. Auch Historiker verwerfen das Konzept. Die Kirchenvertreter sind in der Bredouille. Und die hochkarätige Jury wundert sich, dass die Kirchenleute den Entwurf so rigoros ablehnen.

Am 31. Oktober 2016 wird das Jubiläumsjahr bereits eröffnet. Es soll eine Interimslösung geben, die Mariengemeinde selbst will Künstler, mit denen sie schon zusammengearbeitet hat, mit einer Übergangslösung beauftragen. Dagegen ist aber der Berliner Senat, denn er hat Steuergelder ausgegeben. Nun soll die Entscheidung Laien überlassen werden, was an diesem markanten Platz entstehen soll? "Das wäre baukulturell und baupolitisch ein Rückschritt", so die Beamtenrüge.

Die Zeit drängt, ein Symposium im September wird kaum Eintracht bringen. Dabei ist ein Ideenwettbewerb nicht verpflichtend, auch wenn der Senat nun seinem Geld hinterhertrauert.