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Interview mit Musical-Regisseur
„Den Einbürgerungstest würde ich bestehen“

Der Regisseur und Salzburger Operndirektor Andreas Gergen.
Der Regisseur und Salzburger Operndirektor Andreas Gergen. FOTO: Andrea Peller
Wien. Der Regisseur aus Saarlouis über seine Musical-Arbeit in Österreich und über seine alte Heimat. Von Melanie Mai

Andreas Gergen (44) aus Saarlouis ist als Theater-Regisseur gefragt wie nie. Nach „Spamelot“ im Merziger Zeltpalast und „Rebecca“ in Tecklenburg feierte Ende September ein neues Stück in Wien Uraufführung: „I am from Austria“ mit den Hits von Liedermacher Rainhard Fendrich. 



„I am from Austria“ ist ein sehr österreichischer Stoff. Inwieweit ist der Österreicher mit dem Saarländer vergleichbar?

GERGEN Beide besitzen eine gewisse Gelassenheit und Coolness. Deshalb komme ich mit der österreichischen Mentalität sehr gut zurecht.

Zuckertorte, Opernball und Alpen: Sind das die Dinge, die für Sie für Österreich stehen?

GERGEN Nicht nur. Aber wenn man bei einem Stück wie „I am  from Austria“ eine Hommage an ein Land aussprechen möchte, muss man mit eindeutigen Bildern arbeiten. Wir wollten auch augenzwinkernd mit den Klischees arbeiten. Und als Nicht-Österreicher hatte ich einen guten Blick von außen.



Was hat Sie an dem Stück besonders gereizt?

GERGEN Einerseits war es spannend, die Entwicklung von der Idee bis zur Premiere kreativ zu begleiten. Andererseits hat mich die Idee eines Jukebox-Musicals gereizt. Man kann dieses Genre mit der Revue-Operette der 20er Jahre vergleichen. Damals stand der Begriff Operette für beste Unterhaltung mit Witz, großen Gefühlen und einem Schuss Frivolität. Außerdem fand ich die Idee der Identitätsfindung der Hauptfigur Emma Carter spannend. „Wo gehör’ ich hin“ heißt ihr erster Song, und sie merkt im Lauf des Stückes, dass sie nach Österreich gehört – aber nicht aus nationalistischen Gründen, sondern weil sie hier ihre große Liebe findet. „Home is where the heart is“ ist die Aussage, die wir vermitteln wollen.

Klamauk in „Spamelot“, Ernsthaftigkeit und Dramatisches in „Rebecca“, nun ein Jukebox-Stück: Welche Arbeit hat Ihnen in diesem Jahr besonders Spaß gemacht?

GERGEN Ich mag die Vielfältigkeit und verstehe mich als Geschichten­erzähler. Das können lustige, traurige, spannende, dramatische oder emotionale Geschichten sein. Im optimalen Falle ist es eine gute Mischung – frei nach Shakespeare, der sagte, dass man das Herz der Zuschauer am besten zuerst mit einem Lacher öffnet, um dann mit dem Drama lustvoll hineinzugreifen.

Kannten Sie die Lieder von Rainhard Fendrich vorher?

GERGEN Ich kenne Reinhard seit gut 14 Jahren. Als ich Intendant des Berliner Schlossparktheaters war, war er oft zu Gast und mochte damals schon meinen Inszenierungsstil. Es war sein ausdrücklicher Wunsch, dass ich sein Musical inszeniere. Das war eine große Ehre für mich.

Es ist schon ein sehr österreichisches Musical. Denken Sie, es hat trotzdem eine Chance auch auf dem deutschen Markt?

GERGEN Die Geschichte ist allgemeingültig. Ein Star kommt an einen Ort, lernt dort jemanden kennen, sie erleben unterschiedliche Abenteuer und verlieben sich schließlich ineinander. Vorbilder sind Filme wie „Ein Herz und eine Krone“ und „Notting Hill“. Insofern denke ich, dass „I am from Austria“ auch auf dem deutschen Markt funktionieren könnte. Der Dialekt müsste aber etwas abgeschwächt werden.

Sie arbeiten immer wieder in Österreich. Wieviel Österreich steckt denn schon in Ihnen? Und wieviel Saarland steckt in Ihren Stücken?

GERGEN Das Saarland ist meine künstlerische Wiege. Hier habe ich gelernt und erste Theatererfahrungen gesammelt. Bei Kurt-Josef Schildknecht durfte ich am  Staatstheater im Extra-Chor singen, im Extra-Ballet tanzen, als Darsteller auf der Bühne stehen, zum Beispiel  im Musical „Blutsbrüder“ in der Alten Feuerwache, und auch die ersten Regieassistenzen machen. Zur Frage, wieviel Österreich schon in mir steckt, kann ich sagen, dass ich manchmal schon überlegen muss, ob es nun „Stuhl“ oder „Sessel“ heißt. So wird in Österreich ein Stuhl genannt. Zu Tomaten sagt man „Paradeiser“ und zu Blumenkohl „Karfiol“. Ich glaube den Einbürgerungstest würde ich mittlerweile bestehen.

Werden wir Sie auch wieder im Saarland erleben? Und wo sehen Sie Ihren Lebensmittelpunkt?

GERGEN Ganz sicher gibt es eine Rückkehr an den Zeltpalast Merzig, und am Saarländischen Staatstheater würde ich auch gerne wieder mal arbeiten. Meinen Lebensmittelpunkt sehe ich in Berlin, wo ich seit 1995 lebe. Ich freue mich aber immer, wenn ich in meine alte Heimat komme, um meine Eltern in Saarlouis zu besuchen.

Das Gespräch führte
Melanie Mai.