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Literaturtage im Saarland
Deckel machen und „sein Ding machen“

„Alles hat seine Zeit, ne’ wohr?“, meint Sokrates, eine der Figuren von Quinkensteins „Deckelmachern“: Unser Foto zeigt die Hauptstraße von Illingen Mitte der 80er mit den Automobilen jener Jahre. 
„Alles hat seine Zeit, ne’ wohr?“, meint Sokrates, eine der Figuren von Quinkensteins „Deckelmachern“: Unser Foto zeigt die Hauptstraße von Illingen Mitte der 80er mit den Automobilen jener Jahre.  FOTO: Willi Hiegel
Saarbrücken. In einem Kurzroman lässt der in Illingen aufgewachsene und heute in Berlin lebende Autor und Übersetzer Lothar Quinkenstein die 80er in der saarländischen Provinz auferstehen. „Die Deckelmacher“ erzählt kunstvoll von einer Handvoll Abiturienten. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Wer in Kneipen einen Deckel macht, lässt anschreiben. Im Kneipenland Saarland hat dies eine lange Tradition. Ob das heute auch noch so ist? Zu der Zeit, als Lothar Quinkenstein Ende der 80er Jahre hier Abitur gemacht hat (am Illtalgymnasium in Illingen), war es jedenfalls weit verbreitet. Dass Quinkenstein seinen Kurzroman über eine Handvoll saarländischer Abi­turienten in einer nicht benamten saarländischen Kleinstadt (Illingen?) „Die Deckelmacher“ genannt hat, führt gleich in medias res: Spielt sein literarisch versierter „Bilderbogen“ (so der Untertitel) doch in weiten Teilen in einer Kneipe, die seiner Romanbelegschaft zur zweiten Heimat geworden ist.


Quinkenstein, der seit Mitte der 90er fast zwei Dekaden lang in Polen als Literaturwissenschaftler und Übersetzer gelebt hat und seit 2011 in Berlin wohnt, hat sein Buch dem 2009 an einem Hirntumor gestorbenen saarländischen Schlagzeuger Jochen Krämer gewidmet, der eine feste Größe in der hiesigen Jazzszene war. Ein in Quinkensteins Buch „Tritonus“ heißendes Jazztrio tritt in besagtem Lokal neben dem Schulzentrum denn auch regelmäßig auf und gehört zu dem Dunstkreis, in dem sich die (autobiografische?) Hauptfigur Emmes bewegt. Wer mit den Illinger (und den saarländischen Jazz-) Verhältnissen Mitte der 80er vertraut ist, mag Quinkensteins „Die Deckelmacher“ schon aus Wiederkennungsgründen schätzen. Qualitäten hat sein apartes Werk aber auch ohne dieses Lokalkolorit.

Nicht zuletzt deshalb, weil Quinkenstein darin die ebenso beflügelnde wie irritierende Zeit des Schulaustritts kunstvoll einfängt –  dieses verbreitete Hin- und Hergerissensein zwischen Aufbruch, einer bisweilen ins Größenwahnsinnige reichenden ungestümen Lebenslust, die bei anderen zumindest partiell in Ratlosigkeit, Ernüchterung oder gar Lebensangst umschlägt. „Beflügelt von einer Art überindividueller Euphorie“ fallen sie in dem von einem gewissen Örnie geführten Lokal ein, über dem oft eine Marihuanawolke hängt. Ein seiner Klientel Urvertrauen einimpfender Ort gelebter Basisdemokratie, an dem der Zapfhahn pausenlos Bier ausspuckt und auf der Speisekarte nur „Frostfraß“ steht, den erst die Mikrowelle essbar macht.

Dass „Zappe“, Ex-Pächter des Ladens, in der wild aufgeladenen Romanexposition dort mit einer Armbrust hineinstürzt, die sein Nachfolger Örnie (nachdem der Zwist sich irgendwie auflöst) dann mit Zappes Deckeln naturaliengleich verrechnet, nutzt Quinkenstein später zu einer hübschen erzählerischen Määnderei: Hält Örnies Frau, in Sorge um den auf allen Vieren durch den Schankraum kriechenden Nachwuchs, ihrer schlechteren Hälfte doch vor, mit der Armbrust den Hausfrieden auszuhebeln: „Wir haben doch immer gesagt, dass wir kein Kriegsspielzeug wollen!“ – Da sind sie wieder, die ganz grundsätzlich friedensbewegten, befreiungstheologisch aufgeladenen Anti-AKW-Tage der Mitt-80er, als partout ausdiskutiert werden musste, inwieweit etwa „profitorientierte Freizeitvergnügen“ sich überhaupt mit den eigenen Idealen vertrugen. Nicht von ungefähr lugt dabei Neil Postmans in Sachen Konsumkritik, wie es einmal heißt, „arschklare“ Fibel „Wir amüsieren uns zu Tode“ um die Ecke.

Quinkensteins introvertierte, unglücklich verliebte Hauptfigur, der Abiturient in spe Emmes, träumt derweil von einem Leben als Selbstversorger im Geist der Hutterer. („Jeder gibt, was er kann. Und bekommt, was er braucht.“) Und lässt sich von dem Philosophen Sokrates, von dem er so beeindruckt ist, dass er am Ende dessen Gestik zu imitieren beginnt, am Tresen auch mal in die griechische Harmonielehre der Pythagoreer einführen, denen auch eines der beiden Roman-Motti entliehen ist: „Vermeide die Heeresstraßen und gehe über die Pfade“.



Spätestens, als Emmes auf einer Zelttour mit seinem Kumpan Fredel Ludwig Tiecks sentimentalen, frühromantischen Roman „Franz Sternbalds Wanderungen“ im Gepäck hat, aus dem Quinkenstein mehrfach zitiert, wird deutlich: Der Weltentdeckungsimpetus dieses kleinen Romans, für den leitmotivisch Albert Mangelsdorffs, von den Tretonius-Jazzmannen in Örnies Laden gebotenes Stück „Do your own thing“ herhalten kann, macht nicht an der Kneipentür seines Hauptschauplatzes halt. Er nimmt immer auch Tuchfühlung mit dem Kulturerbe auf. Wie es sich für ins Leben Entlassene ziemt, stets auf der Suche nach den letzten Dingen – nach dem, was im Leben wesentlich ist.

Auch wenn sein „Bilderbogen“ bisweilen (nicht zuletzt ob einer Vorliebe für Anaphern, Alliterationen und Genitive) etwas manieriert klingt: Quinkensteins erzählerisches Talent ist, wie etwa die geschliffenen Dialoge und seine geradezu lyrischen Verknappungen Mal um Mal beweisen, beachtlich.

Lothar Quinkenstein: Die Deckelmacher. Ein Bilderbogen. Knischetzky im Röhrig Universitätsverlag, 127 Seiten., 12,90 €.

Lesung am 18. April (19.30 Uhr) in der St. Ingberter Stadtbücherei sowie am 19. April (19.30 Uhr) in Eppelborn/Bubach-Calmesweiler im Kultursaal von Schloss Buseck.

1967 in Bayreuth geboren, in Illingen aufgewachsen: Lothar Quinkenstein.
1967 in Bayreuth geboren, in Illingen aufgewachsen: Lothar Quinkenstein. FOTO: Röhrig Universitätsverlag GmbH / ADAM CZERNENKO