| 20:37 Uhr

Premiere in der Alten Feuerwache
Blick von außen auf mehr als Porzellan

  Auch  Produkte von „V & B“ spielen eine Rolle in dem Stück. Hier betrachtet Martina Struppek einen Teller.
Auch  Produkte von „V & B“ spielen eine Rolle in dem Stück. Hier betrachtet Martina Struppek einen Teller. FOTO: Astrid Karger
Saarbrücken. Morgen zeigt das Saar-Staatstheater den ersten Teil einer dreiteiligen Saga über das Saarland mit dem Titel „Mettlach“. Von Silvia Buss

Was ist das Saarland? Nachdem wir Einheimische uns bisher gespannt auf jedes neue Reisemagazin stürzten, dass das Saarland irgendwie spiegelte, können wir die Hefte getrost zur Seite legen. Denn morgen Abend kommt das Land auf die Bühne. Die Idee klingt großartig: In einer auf drei Teile angelegten „Saarland-Saga“ will das Staatstheater saarländische Orte in Theaterstücken, geschrieben und inszeniert von wechselnden Teams, vorstellen. Den Anfang macht „Mettlach“.


Doch wie kann man einen Ort „erzählen“? Diese Frage stellten sich auch die Macherinnen, Magali Tosato und Lydia Dimitrow. Auf keinen Fall wollten sie ein folkloristisches Stück machen und die Saarländer in ihren Klischees bestätigen, erklären die beiden Wahl-Berlinerinnen, die schon seit 2011, noch während des Studiums, gemeinsam Theaterstücke kreieren. Als gebürtige Schweizerin kennt Tosato die Klischees nur zu gut. „Da will man immer dieses Hirtenvolk und die Alpen zeigen. Mein Alltag hat aber mit der Alm, mit Schokolade nichts zu tun, das ist nicht das, was mein Leben ausmacht“, sagt die 30-Jährige, die an der Berliner Ernst-Busch-Hochschule Regie studiert hat.

Den Auftrag des Staatstheaters anzunehmen, habe sie gerade deswegen gereizt, weil sie beide vom Saarland, von Mettlach nichts  wussten. Heute, über ein Jahr nach Beginn ihrer Recherchen, kennen Tosato und Dimitrow, die ihr Stück gemeinsam entwickelten, den Ort  wahrscheinlich besser als jeder Einheimische. Erst haben die beiden  jede Menge Dokumentarfilme, Fernsehreportagen, Presseartikel, alles, was im Netz und in Bibliotheken zu finden war, studiert. Dann haben sie sich mit Hilfe des Theaters und der saarländischen Netzwerke interessante Interviewpartner besorgt. „Als wir unsere Reisewoche hier antraten, hatten wir schon Treffen mit 16 Menschen verabredet“, erzählt Dimitrow, von Hause aus Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin.



Sie trafen sich etwa mit einer Historikerin, die über Frauenarbeit bei Villeroy & Boch publiziert hatte, mit einem Heimatforscher, der Mettlach verlassen hatte und dann zurückgekehrt war. Die Experten wurden dann mit ihren eigenen Lebensgeschichten auch als Personen für die beiden Autorinnen „sehr inspirierend“ und brachten sie auf viele weitere Themen. Typisch für die Arbeitsweise der beiden: Sie recherchieren zunächst ähnlich wie Journalisten, lassen sich dann auf ihren Streifzügen und Besichtigungen vor Ort auch von Begegnungen, Zufällen und Intuition leiten.

„Durch die Begegnungen ist uns klar geworden, dass man nicht über den Ort erzählen kann, sondern über die Menschen, die diesen Ort ausmachen, und die Menschen, denen der Ort etwas bedeutet“, sagt Dimitrow. Sechs fiktive Figuren mit unterschiedlichen Biografien haben sie aus ihren Erfahrungen mit realen Mettlachern entwickelt. Ein fiktiver von Boch ist aber nicht darunter.

„Unser Publikum hat zu 99 Prozent mehr gemeinsam mit der Outlet-Verkäuferin als mit einem Wendelin von Boch. Und trotzdem wurden mehr Stücke über Richard II und Hamlet gemacht als über Frau Meier im Luxemburger Outlet-Store, deshalb sehen wir unsere Aufgabe eher, über Frau Meier zu schreiben“, sagt Tosato lächelnd. Dennoch spielt der alteingesessene Porzellan- und Keramikhersteller Villeroy & Boch natürlich eine Rolle. Da das Unternehmen V & B mit der Identität des Ortes Mettlach so eng verschlungen sei, gehe das gar nicht anders, so die Autorinnen, die beim Reden wie beim Schreiben die Bälle zuspielen. Die großen Fragen: Globalisierung, Rückgang der Industrie, Wegfall von Arbeitsplätzen beträfen ja nicht nur das Unternehmen und den Ort. „Wie beeinflusst unsere gemeinsame Vergangenheit unsere Zukunft? Das ist für Tosato und Dimitrow eine zentrale Frage, die sie im Stück sowohl auf Ebene des Ortes wie auf der biografischen Ebene der Figuren ausloten wollen.

Wird „Mettlach“ den saarländischen Ort so erzählen, dass die Saarländer ihn wiederkennen? Alle Erwartungen könnten sie gar nicht erfüllen, vermuten die zwei Nicht-Saarländerinnen. Aber vielleicht wird man in Mettlach nicht nur Mettlach erkennen können. „Mikro-Kit“ haben die Autorinnen ihre Kompanie getauft. Das ist progammatisch: „Wir interessieren uns für Mikrokosmen und vertreten die These, wenn man aufs Kleine, Singuläre schaut, kann man auch ganz viel lernen über das große Ganze“.

Premiere: Heute, 19.30 Uhr, Alte Feuerwache. Karten: Tel. (06 81) 30 92 486.