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„Artothek Saar“ eröffnet heute
Kunst für alle als Bild überm Sofa

Jo Enzweiler in der Artothek vor einigen der ausgestellten Werke, die man ausleihen kann.
Jo Enzweiler in der Artothek vor einigen der ausgestellten Werke, die man ausleihen kann. FOTO: Thomas Seeber
Saarlouis. Das im März 2017 eröffnete Zentrum für Künstlernachlässe im Saarlouiser Institut für aktuelle Kunst erhält ab 2019 einen  Ausgabentitel im Landeshaushalt – ein wichtiger Schritt zu seiner dauerhaften Sicherung. Zweite frohe Kunde: Heute eröffnet das Institut seine Artothek. 1600 Kunstwerke sind künftig gegen eine geringe Gebühr ausleihbar. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Es ist dies ein doppelter Saarlouiser Glücksfall: Nicht nur, dass heute Abend als neuer Bestandteil des dortigen Forschungszentrums für Künstlernachlässe eine „Artothek Saar“ eröffnet wird, in der künftig 1600 Kunstwerke für jedermann bis zu sechs Monate lang auszuleihen sind. Die Landesregierung, die die nachhaltige Bedeutung des Forschungszentrums erkannt hat, bedenkt dieses ab 2019 auch mit einem eigenen Haushaltstitel. Kulturminister Ulrich Commerçon (SPD) bestätigte gestern, dass künftig (vorbehaltlich der Zustimmung durch das Parlament) 40 000 Euro für den laufenden Betrieb des Nachlasszentrums in den Haushalt eingestellt würden. Hinzu kämen weitere 20 000 aus Totomitteln, sodass nunmehr „eine Grundfinanzierung in Höhe von 60 000 Euro gesichert“ sei. Damit ist das Saarland das einzige Bundesland, das die Pflege künstlerischer Nachlässe haushalterisch mit absichert – ein Feigenblatt mehr!


25 Jahre lang hat das 1993 von Jo Enzweiler gegründete Saarlouiser Institut für aktuelle Kunst, Betreiber des Forschungszentrums, auf eine solche feste Mittelzuweisung gewartet. 25 Jahre finanzieller Bittstellerei liegen hinter dem inzwischen 83-jährigen Enzweiler. Das Institut selbst, eine Ausgründung der Saarbrücker Hochschule der Bildenden Künste (HBK), ist damit zwar noch nicht abgesichert. Doch machte Commerçon gestern auf SZ-Nachfrage klar, dass mittelfristig auch hier „eine stabile Lösung“ notwendig sei. Enzweiler, der das Institut seit Jahren quasi ehrenamtlich führt und angekündigt hat, sich Ende 2020 endgültig zurückzuziehen, drängt darauf, das Institut für aktuelle Kunst bis dahin „endlich zu einem festen Bestandteil der kulturellen Infrastruktur des Landes“ zu machen. Sein Plan sieht vor, es unmittelbar an der HBK anzudocken und mit einer Professur zu verknüpfen: Der künftige Institutsleiter könnte zugleich an der HBK lehren und Absolventen den gleichermaßen umfassenden wie vorbildlichen Saarlouiser Bestand an Regionalkunst-Dokumentationen endlich auch zu Promotionszwecken nutzen.

Er werde zwar „den Teufel tun und in die Autonomie der HBK eingreifen“, meinte der Kulturminister gestern am Telefon. Commerçon ließ jedoch durchblicken, dass auch die Kunsthochschule an einer abschließenden Lösung Interesse habe und er selbst sich bemühen werde, „eine Gesamtgrundlage zu schaffen“. Eingedenk dessen, dass Enzweilers Institut die einzige Fachstelle im Land ist, die kontinuierlich den Bestand an regionaler Kunst dokumentiert und publiziert, dürfte klar sein, wie erhaltenswert dieser Schatz ist. Verinnerlicht hat dies auch Saarlouis’ neuer SPD-Oberbürgermeister Peter Demmer. Und dies nicht alleine, weil sein Vorgänger und Freund, der 2017 gestorbene langjährige Förderer von Enzweilers Institut Roland Henz, ihn „quasi dazu verpflichtet“ habe, wie Demmer vorgestern auf Besuch in der neuen Artothek kundtat. Auch wenn er selbst „eigentlich ja kein Kunstmann“ sei, meinte Demmer, erkenne er „die Notwendigkeit für unsere Stadt“, dies hier zu erhalten.



Die Artothek, die Demmer heute Abend eröffnen wird, lässt sich getrost als weiterer Baustein dazu begreifen. 137 Arbeiten stellt das Nachlasszentrum in seinem 400 Quadratmeter großen Ausstellungsraum aus – was nicht mal ein Zehntel des Gesamtbestandes an moderner Kunst ist, der sich aus einer größere Privatspende, Nachlässen und HBK-Leihgaben zusammensetzt. Alle gut 1600 Werke (Druckgrafik, Zeichnungen, Skulpturen und Plakate) können ab sofort gegen eine läppische monatliche Leihgebühr von fünf Euro (!) bis zu sechs Monate lang ausgeliehen werden – darunter etwa Werke von Werner Bauer, August Clüsserath, Oskar Holweck, Leo Kornbrust oder Lukas Kramer. Den Versicherungswert legt das Institut fest; für die Versicherung ist der Entleiher selbst verantwortlich. Die Erfahrungen anderer deutscher Artothek lehrten indes, dass Beschädigungen äußerst selten seien, so Enz­weilers rechte Hand Claudia Maas.

Sinn und Zweck der Artothek ist es, das Verständnis für Kunst zu fördern und sie in die Gesellschaft hineinzutragen. Unkomplizierter als das Forschungszentrum dies uns macht, geht es nicht: Im Netz kann man eine Vorauswahl treffen und sein Bild dann vor Ort abholen. Enz­weiler hat es sich nicht nehmen lassen, alles selbst zu rahmen. Abzuwarten bleibt, ob und inwieweit hiesige Künstler die Artothek mit weiteren Arbeiten bestücken. Gretchenfrage könnte am Ende sein, ob das Artothek-Prinzip den hierzulande ohnedies bescheidenen Kunstverkauf weiter drückt. Oder aber ihn ankurbelt, weil man ein liebgewonnenes Werk am Ende auch besitzen will.

Eröffnung der Artothek Saar heute um 18 Uhr im Saarlouiser Institut für aktuelle Kunst (Choisyring 10).
Alle Infos unter www.institut-aktuelle-kunst.de
Eine Bilddatenbank mit einer Auswahl ausleihbarer Artothek-Werke ist ab heute unter www.artothek-saar.de abrufbar.

Blick auf vier Werke von Monika von Boch (v.l.) und zwei Arbeiten von Paul Schneider im Ausstellungsraum der neuen Saarlouiser Artothek.
Blick auf vier Werke von Monika von Boch (v.l.) und zwei Arbeiten von Paul Schneider im Ausstellungsraum der neuen Saarlouiser Artothek. FOTO: Christoph Schreiner