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Was macht die Filmförderung?
„Das Saarland leistet Beeindruckendes“

Carl Bergengruen (58), Geschäftsführer der MFG.
Carl Bergengruen (58), Geschäftsführer der MFG. FOTO: MFG / SWR/Krause-Burberg
Saarbrücken. Der oberste Filmförderer in Baden-Württemberg über die Filmförderung im Saarland, die nötige Unterstützung von Kinos und die Frage, ob ein relativ sicherer Hit wie „Bullyparade – Der Film“ staatliche Subventionen braucht. Von Tobias Kessler
Tobias Kessler

Carl Bergengruen, Germanist und Romanist, war lange Fernsehspielchef des Südwestrundfunks (SWR), leitete danach die Produktionsfirma Studio Hamburg und ist seit 2013 Geschäftsführer der MFG Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg. Die MFG, eine Einrichtung des Landes und des SWR, fördert Drehbuchentwicklung, Produktionen, Verleih und Kinos. Zu den jüngst geförderten Filmen, ob nun in Produktion oder Verleih,  gehören „Der Hauptmann“ (Eröffnungsfilm des jüngsten Ophüls-Festivals), „Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki“, „Die Migrantigen“, „Elser – Er hätte die Welt verändert“, „Ida“ und  „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, der gerade angelaufen ist.


Herr Bergengruen, das Saarland vergibt jährlich Filmfördergelder von um die 80 000 Euro. Sie können in Baden-Württemberg vier Millionen vergeben. Muss einem das Saarland leid tun?

Charlize Theron in „Atomic Blonde“. Der Hollywood-Actionfilm von 2017 erhielt auch Förderung aus Baden-Württemberg – denn viele Computertricks wurden von Experten in Mannheim erstellt.
Charlize Theron in „Atomic Blonde“. Der Hollywood-Actionfilm von 2017 erhielt auch Förderung aus Baden-Württemberg – denn viele Computertricks wurden von Experten in Mannheim erstellt. FOTO: Jonathan Prime

BERGENGRUEN Nein, überhaupt nicht, denn für ein kleines Bundesland leistet das Saarland Beeindruckendes. Diese 80 000 Euro betreffen ja nur die Projektförderung. Die saarländische Filmförderung unterstützt aber unabhängig davon auch die kommunalen Kinos, hat eine sehr aktive „Film commission“ für Dreharbeiten im Saarland. Und es gibt das große Filmfestival Max Ophüls Preis, das weit über die Landesgrenze hinaus strahlt. Das ist doch ein beachtliches Paket.

Eine oft gehörte Kritik an der deutschen Filmförderung allgemein ist, dass auch kommerziell angelegte Produktionen gefördert werden, von denen man denkt, sie wären auch ohne Unterstützung gut zu finanzieren – zuletzt etwa „Bullyparade – Der Film“.



BERGENGRUEN  Auch kommerziell angelegte Produktionen brauchen Unterstützung, um gegen die amerikanische Konkurrenz zu bestehen. Hollywoodproduktionen oder allgemein englischsprachige Produktionen haben nämlich ein potentielles Publikum von einer Milliarde englischsprachiger Zuschauer. Unsere einheimischen Produktionen hingegen müssen sich mit etwa hundert Millionen maximal erreichbaren deutschsprachigen Zuschauern begnügen. Bei diesem Ungleichgewicht hätten ohne Filmförderung auch die erfolgreichen deutschen Produktionen keine Chance gegen die englischsprachigen Blockbuster. Wir in Baden-Württemberg unterstützen aber auch sehr viele Nachwuchsproduktionen, die im Umfeld der Filmakademie von Ludwigsburg entstehen, und anspruchsvolle Art­house-Filme.

Aber wie kommt ein Hollywood-Actionfilm wie „Atomic Blonde“ mit Charlize Theron an Filmförderung aus Baden-Württemberg?

BERGENGRUEN Weil die digitalen Bilder des Films zu großen Teilen am Computer entstanden sind und ein Teil dieser Computer in Mannheim steht, bei einem Studio für visuelle Effekte. Und das wiederum hat damit zu tun, dass wir solchen Studios in Baden-Württemberg finanzielle Unterstützung bei ihren Filmprojekten geben. Denn ohne die hätten sie in dem derzeitig hart geführten, weltweiten Standortwettbewerb keine Chance. Unter den deutschen Standorten ist Baden-Württemberg mittlerweile übrigens die Nummer eins in Deutschland.

Da ist Filmförderung also auch eine Wirtschaftsförderung?

BERGENGRUEN Filmförderung ist immer beides: Kultur- und Wirtschaftsförderung.

Fördern Sie auch Kinos?

BERGENGRUEN Ja, wie das Saarland übrigens auch. Und wir tun das aus Überzeugung. Kinos haben gerade abseits der Großstädte ohne eine zumindest kleine staatliche Unterstützung oft keine Überlebenschance. Und dabei sind sie in kleinen Städten von 2000 bis 3000 Menschen der einzige soziale Mittelpunkt.

Sind das dann eher Kommerzkinos, die Sie fördern?

BERGENGRUEN Keine reinen Kommerzkinos, aber unsere Jury hat sehr genau im Blick, was in einer kleinen Stadt funktionieren kann und was nicht. Ein Kino muss also nicht zwingend den neuesten Kaurismäki spielen, um einen Kinopreis der MFG zu bekommen.

Sie haben viel mit Nachwuchs zu tun – hat sich da viel über die Jahre verändert? Beim jüngsten Ophüls-Festival sagte etwa Regisseurin Doris Dörrie, der Filmnachwuchs wäre früher wilder und experimentierfreudiger gewesen.

BERGENGRUEN Das sehe ich nicht so. Es gibt auch heute sehr innovative, ungewöhnliche Nachwuchsfilme, die das Publikum mit Qualität erreichen wollen.

Wie sehen sie die Bedeutung des Fernsehens? Ohne TV-Unterstützung, so scheint es, geht im deutschen Kinofilm nichts.

BERGENGRUEN In der Tat, auf die TV-Gelder sind deutsche Filmproduktionen dringend angewiesen. Das gilt besonders für den Dokumentarfilm, der an der Kinokasse nur noch in Ausnahmefällen reüssiert.

Wie ist die Rolle der Privatsender?

BERGENGRUEN Die ist leider meist auf ein paar Großproduktionen beschränkt.  Das mäzenatische Engagement für den deutschen Film reduziert sich immer weiter auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

Schafft dessen Förderung nicht auch eine gewisse Abhängigkeit?

BERGENGRUEN  Ja, umso wichtiger ist es, dass ein Film im Kino sein Publikum findet, weil er dann weniger auf das Fernsehen angewiesen ist. Wünschenswert ist eine ausgeglichene Finanzierung aus Erlösen an der Kinokasse, Auslandsverkäufen, Filmfördergeldern und einer TV-Beteiligung.

Wie wichtig ist bei Ihrer Produktionsförderung die Wahrscheinlichkeit, dass der Film Profit macht und das erhaltene Geld später zurückzahlen kann?

BERGENGRUEN Natürlich ist eine Rück­zahlung erfreulich, auch weil sie zeigt, dass der Film sich an der Kinokasse behauptet hat. Aber für uns ist das nicht das primäre Kriterium. Die Rückzahlungen werden sowieso überbewertet, denn jede Förderung, hat ein so genanntes Referenzsystem: Wenn eine Produktionsfirma das Geld an den Förderer zurückzahlt, hat sie zugleich Anspruch darauf, dass ihr nächstes Projekt mit derselben Summe gefördert wird. Es ist also keine richtige Zurückzahlung im strengen Sinne.

Was hat es mit Ihrer neuen Initiative „green shooting“ auf sich?

BERGENGRUEN Dreharbeiten sind leider eine extreme Umweltverschmutzung, viel mehr als man denken mag. Bei einer einzigen „Tatort“­-Produktion werden zum Beispiel schon mal 6000 Plastikbecher weggeschmissen, alle nehmen das Flugzeug, die Dieselaggregate haben meist nicht mal Rußpartikelfilter. Deshalb versuchen wir, Produzenten, die umdenken und umrüsten wollen, zu unterstützen, indem wir einmal eine Beratung vorab finanzieren und einen „Green consultant“, der die gesamte Produktion begleitet.

Die Fragen stellte Tobias Keßler.