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| 21:17 Uhr

Ophüls-Diskussion über die Zukunft des Independentfilms
„Das Publikum von morgen muss wieder sehen lernen.“

Diskutanten (v.l.): Verleiher und Kinobetreiber Ludwig Ammann, Regisseurin Tini Tüllmann, Veronika Grob (Medienboard Berlin-Brandenburg), Verena von Stackelberg vom Wolf Kino (Berlin) und Rüdiger Suchsland im Vordergrund.
Diskutanten (v.l.): Verleiher und Kinobetreiber Ludwig Ammann, Regisseurin Tini Tüllmann, Veronika Grob (Medienboard Berlin-Brandenburg), Verena von Stackelberg vom Wolf Kino (Berlin) und Rüdiger Suchsland im Vordergrund. FOTO: Oliver Dietze / Oliver Dietze /MOP
Saarbrücken. Das deutsche Verleih- und Fördersystem begünstigt Kinoauswertungen. Macht das Sinn? Eine erhellende Diskussionsrunde über die Zukunft des Nachwuchsfilms. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Podiumsdiskussionen sind oft quälend. Man kommt vom Hundersten ins Tausendste und tauscht reihum, lager- und rollenbedingt, nur bekannte Positionen aus. Anders gestern: Das fast dreistündige­(!) Ophüls-Forum „Filmflut im Kino: Wird der Kinostart zum Privileg?“ dröselte auf erhellende Weise die komplexen Wechselwirkungen zwischen Produktions-, Förder-, Verleih- und Abspielmechanismen bei Independentfilmen auf. In seinem Impulsreferat ging der Film-Journalist Rüdiger Suchsland gleich in die Vollen. Was änderte man zum Wohle des Autorenkinos, könnte man mal Film-Diktator spielen? Er habe selbst keine Antwort, weil nun mal so vieles ineinandergreife. Die Frage aber sei, formulierte Suchsland eine Grundthese, wie sich der „dramatische Bedeutungsverlust“ des Kunstfilms umkehren lasse: Von rund 300 deutschen Filmproduktionen im Jahr hätten 90 Prozent weniger als 10 000 Zuschauer (und nur fünf Prozent mehr als 100 000). Wäre weniger also mehr, wie es die Filmförderungsanstalt (FFA) propagiert?

Nein, beschied Suchsland. Führe Aussieben doch nur zum Tod kleiner Produktionen. Er plädierte dafür, in der Ausbildung an Filmhochschulen mehr auf die Pflege einer Kinosprache (statt auf TV-Tauglichkeit) zu setzen und in Schulen Film- und Medienerziehung stärker zu verankern. „Das Publikum von morgen muss wieder sehen lernen.“ Die gerne als Vielfaltspusher verkaufte Digitalisierung habe in Wahrheit das Gegenteil bewirkt: Die Film-Fluktuation sei heute abenteuerlich, Arthouse-Kinos verlören ihre Identität, Verleiher verdienten fast nichts mehr und die Filmkultur leide. Genug Munition für das Podium, auf dem die Diskutanten teils zwei Hüte auf hatten, was Trennlinen zu ziehen erschwerte, aber die eng verbandelte Film-Realität ganz gut abbildete.

Einigkeit bestand darin, dass zu viele Filme produziert werden, die im Schnitt 70 Filmhochschulabsolventen aber nicht das Kernproblem sind. Eher schon, dass nur eine Handvoll über ihr Debüt hinauskommen, die anderen fallen durch die Fördermaschen. Andererseits wurde deutlich: Obwohl sich die Anzahl der Dokus binnen zehn Jahren nahezu verdoppelt hat und die der Spielfilme um ein Drittel wuchs, ist das  Publikum nicht mitgewachsen. Unterm Strich werden die Kuchenstücke nur immer schmaler.

Alfred Hürmer, Produzent und Geschäftsführer der Filmverwertungsgesellschaft VGF, machte sich für eine „Sperrfrist für Kinos“ stark, um die Filmkultur zu stützen – zumal das Arthouse-Kino seinen Marktanteil erhöht habe. Hürmer erwartet, dass „wir Produzenten den Kinobesitzern künftig höhere Margen zugestehen“ (derzeit 55:45 Prozent zu Gunsten der Produzenten). Dass eine Kino-Erstauswertung ein Königsweg zur Rettung der Filmlandschaft (und des Nachwuchsfilms) sein könnte, bezweifelte neben Verena von Stackelberg, Geschäftsführerin des mit Cafébar, Postproduktionstudio und Community-Ansatz mehrgleisig fahrenden Berliner Independent-Kinos Wolf, auch die Regisseurin Tini Tüllmann. Sie bringt ihren Debütfilm „Freddy Eddy“ Ende Februar nach unendlichem Klinkenputzen nun in Alleinmarketingregie mit 14 Kopien  ins Kino. Wie von Stackelburg, die Sperrfristen als unzeitgemäße „Bevormundung der heute alles sofort wollenden Zuschauer“ auffasst, brach sie eine Lanze für Video-on-demand-Portale. Tüllmann begreift sie als probate Marketingbühne für Filme, die von Fall zu Fall dann auch im Kino laufen könnten. Ein Ansatz, den später auch Regisseur R.P. Kahl (1997 mit „Silvester Countdown erstmals in Saarbrücken) propagierte. Kahl rechnete vor, dass sein neuer Film „A Thought of Ecstasy“ (Sa: 18.30 Uhr, CaZ3) wohl kaum mehr als 5000 Kinozuschauer haben werde („Im Arthouse-Sektor ist das schon gut“), weshalb er nach dem Vorbild großer Player wie Constantin Film nun versuche, möglichst viel an der Vertriebskette seines Films (DVD, VoD) mitzuverdienen. 

Die Verleiherposition spiegelte Ludwig Ammann, Geschäftsführer von Kool Film und Betreiber des Freiburger Kinos Friedrichsbau: Anders als gerne kolportiert, lebten Verleiher weder alleine von Fördertöpfen, die maximal 50 Prozent ausmachten, noch von Filmverkäufen an TV-Sender. Lakonisch meinte Ammann, die   Degeto (Einkaufsverbund der ARD-Anstalten) steige in Filmgeschäfte heute „nicht mehr unter 500 000 Zuschauern ein“. Als Kinobetreiber votierte Ammann für mehr Kreativität im Programmieren der Filme. Wer nur einen Saal habe, sei kaum überlebensfähig. Dass in Ammanns Freiburger Kino die Doku „Weit“ im Vorjahr ihren Siegeszug antrat (und mit 400 000 Zuschauern dann 2017 zum erfolgreichsten deutschen Independent-Film avancierte), verlieh seiner Einschätzung Gewicht.

Hauptsache dass und nicht so sehr wo Filme liefen (ob im Fernsehen, im Kino oder zuhause per Video on demand), sei wichtig, meinte Veronika Grob vom Filmboard Berlin-Brandenburg. Nicht jeder Film brauche zwingend eine Kinoauswertung. Schön und gut, nur dass das deutsche Fördersystem zumeist genau daran gekoppelt ist.  Gibt es im Regelfall doch nur eine Verleih- nach vorangehender Produktions-Förderung. Verleiher müssen sich also schon im Drehbuchstadium zur Kinoauswertung verpflichten – egal, ob der Film das hergibt. Andernfalls gibt’s kein Geld von der DFFF, dem Deutschen Filmförderfonds. Ein Fördersystem, das Sicherheitsdenken begünstigt und zur Konfektionierung vieler Filme führt. Die Frage von Moderator Peter Claus, ob daher „eine Nach-Förderung von Filmen“ nicht der bessere Modus sei, ging zuletzt leider unter.

Produzent Hürmer erinnerte aus gutem Grund daran, dass der Kinofilm seine spezifische Ästhethik nicht auf dem Altar der Streamingkultur verlieren dürfe. Auch Joya Thome, Regisseurin des 2016 im Festival gelaufenen (Kinder-)Films „Königin von Niendorf“, warb für mehr ästhetische Bildung: „Ich glaube fest daran, dass man von klein auf dazu herangeführt werden sollte, seinen eigenen Geschmack zu finden.“ So ist es: Qualitätvolle Independentfilme erweitern den Blockbuster-Horizont.